Lanzmann im Jüdischen Museum Berlin: Ein bisher ungehobener Schatz | ABC-Z

„Ich glaube, hätte uns ein Stein gesehen, er hätte geweint.“ Sara Gol singt Rikle Glezers Lied über die Erschießung der litauischen Jüdinnen und Juden in Ponar. Claude Lanzmann sitzt in Gols Wohnzimmer im amerikanischen Jacksonville und hört zu. „Do you understand?“, fragt sie ihn. Er antwortet: „Yes, yes. Go on.“ In Lanzmanns Stimme vermischen sich Trauer und Wärme.
So singt sich Sara Gol knapp dreißig Jahre nach Kriegsende Zeile für Zeile durch das jiddische Lied mit dem Refrain: „Der Feind hat sein großes Ziel erreicht.“ Lanzmann hat sein Aufnahmegerät eingeschaltet. Es ist eine frühe Aufnahme für den geplanten Film „Shoah“. Mangels Drehgenehmigung an den Originalschauplätzen in der UdSSR wird der Holocaust in Litauen in „Shoah“ nicht thematisiert.
Die Sammlung Lanzmann im Jüdischen Museum Berlin umfasst über 220 Stunden Tonbandaufnahmen. Es sind meist sondierende Erstgespräche, die Lanzmann und seine Mitarbeiterinnen, Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy, in den 1970er Jahren mit Überlebenden, Tätern und Dritten führten.
Durchwanderbar mit einem Kopfhörer
Zum 100. Geburtstag von Claude Lanzmann und zum 40. Jahrestag der Filmpremiere in Paris öffnet das Jüdische Museum Berlin ein großes Fenster zu diesem bisher ungehobenen Schatz. Mit einem Kopfhörer durchwandert man die Ausstellung „Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen“. War man gerade noch im akustischen Einzugsbereich von Sara Gol, bohrt sich zwei Schritte weiter die Stimme von Lothar Fendler ins Ohr.
Fendler war 1941, in den ersten Monaten nach dem Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR, in verantwortungsvoller Stellung beim Sonderkommando 4b der Einsatzgruppe C. Nachweisbar ist ihr unter anderem die Ermordung von Juden und Jüdinnen im ukrainischen Shitomir. Fendler wurde 1948 zu zehn Jahren Haft verurteilt, 1951 vorzeitig entlassen und sagt 25 Jahre später zu Irena Steinfeldt-Levy: „In diesem Apparat war ich ein ganz kleiner Mann.“
Eduard Veesemayer, 1944 federführend beteiligt an der Deportation der ungarischen Juden und Jüdinnen, 1949 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt und ebenfalls 1951 vorzeitig entlassen, sagt zu Steinfeldt-Levy: „Man will einmal Ruhe haben.“ „Die meisten Täter haben uns eh die Tür vor der Nase zugeschlagen“, erzählt sie im Interview, das den Auftakt der Ausstellung bildet.
Drei Schritte weiter verlässt man den Täter-Radius und taucht ein in Claude Lanzmanns erste Recherchereise nach Polen 1978. Er fragt den Überlebenden Berek Rojzman: „Wie viele Schtetl gibt es noch in Polen, die so aussehen wie früher, nur ohne Juden?“ Rojzman: „Hunderte.“ Lanzmanns Atem gibt zuverlässig Auskunft über seine Gefühlslage. Hier setzt er aus. Bei seinem ersten Auschwitzbesuch liest er sich durch die Adressen auf den Koffern. Er steht vor einem Berg von Schuhcremedosen, flüstert „Johnson“ und seufzt tief in sich hinein.
Lanzmanns unorthodoxe Arbeitsbedingungen
Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy waren Anfang der 1970er Jahre blutjunge Frauen, die als Lanzmanns Mitarbeiterinnen ein ganzes Lebensjahrzehnt dem Film „Shoah“ widmeten. Im Rahmen der ausstellungsbegleitenden Konferenz „Der Klang der Geschichte. Claude Lanzmanns Vorbereitung auf Shoah“ beschreiben sie mit viel Humor die unorthodoxen Arbeitsbedingungen.
Dariusz Stola analysiert Lanzmanns Interview mit Henryk Wolinski, der Mitglied der polnischen Untergrundorganisation „Heimatarmee“ war und deren Verbindungsmann zum jüdischen Widerstand im besetzen Polen. Wolinski und seine jüdische Ehefrau versteckten damals sieben Menschen. 35 Jahre später lassen sich Lanzmann und Wolinski von ihr bedienen, ohne die Holocaust-Überlebende in das Gespräch einzubeziehen. Und so wird während der Konferenz das Prinzip Lanzmann, der Dreiklang Wissen-Begreifen-das Unbegreifbare, intensiv beleuchtet, aber auch Lanzmanns blinde Flecken.





















