Die „Patriotische Bewegung“ wirbt gezielt um rechte Jugendliche – taz-Recherchen zeigen, wer dahinter steckt | ABC-Z

Mitte Januar machten sich 17 Nachwuchs-Rechte auf den Weg zum Oranienplatz, um eine linke Demonstration für die in Ungarn inhaftierte Antifaschistin Maja T. zu stören. Zu der „Aktion gegen Links“ hatten mehrere extrem rechte Jugendgruppen aufgerufen. Doch ihre Provokation endete für die Jung-Nazis schmerzhaft: Direkt nach ihrer Ankunft am Moritzplatz gerieten sie in eine Auseinandersetzung mit Antifaschist:innen. Mehrere der jungen, allesamt in Schwarz gekleideten Rechten, hatten Pfefferspray abbekommen und wurden danach von der Polizei in den U-Bahnhof begleitet, wo sie sich teilweise am Boden kauernd, gegenseitig die Augen mit Wasser ausspülten.
Mobilisiert hatten laut dem Berliner Register drei eher neue, bislang nur wenig in Erscheinung getretene Gruppen: „Berliner Jugend“, „Deutsche Patrioten voran“ und „Patriotische Bewegung“, deren Ableger in der Stadt auch als „Berliner Patrioten“ agiert. Verbal unterschiedlich radikal, buhlen alle diese Gruppen um eine rechte Jugend: ohne ausgearbeitete Ideologie, Hauptsache deutsch und gegen links. Die bislang aktivste rechte Jugendgruppe „Deutsche Jugend Voran“ suchte zuletzt den Kontakt zur Neonazipartei Die Heimat. Andere Gruppen vermeiden jeden Parteibezug. Die „Patriotische Bewegung“ allerdings sticht heraus mit ihrem klaren Versuch, Anschluss an die AfD herzustellen.
Schon ihr Logo deutet darauf hin: Es zeigt zwei Flaggen in einem Kreis: eine schwarz-rot-goldene und eine blaue. Als Webseite dient der Gruppe „Jonathans Stolz Shop“, in dem sich Werbemittel der Patriotischen Bewegung, Sticker mit einem Soldaten in Wehrmachtoptik und inoffizielles AfD-Merchandise erwerben lassen, etwa ein Partei-Baseballcap oder „Alice für Deutschland“-Aufkleber, ergänzt um den Hinweis auf den Instagramkanal @jonathan.deutsch1. Seinen fast 120.000 Followern präsentiert sich der anonyme Accountinhaber, der manchmal als Jonathan Großmann auftritt, als Initiator der „Patriotischen Bewegung“. Die Gruppierung hat bereits in mehreren Städten Lokalableger gegründet.
Seit Ende vergangenen Jahres werben die „Berliner Patrioten“ im Netz mit Propagandaaktionen, vom Aufhängen schwarz-rot-goldener Fahnen, über Gruppenbilder mit Pyrotechnik bis hin zu einem Video einer militärisch anmutenden Waldwanderung. Mit einer ersten öffentlichen Aktion traten sie Anfang Januar in Erscheinung: eine Mahnwache gegen „linken Terror“ an der Weltzeituhr. Im Februar trafen sich etwa 20 Gruppenmitglieder zu einem „Stammtisch“ in einem Berliner Lokal – mit dabei auch „Jonathan Deutsch“, der sich in einem Instagrampost darüber freute, „endlich mal“ in Berlin zu sein.
In ihrer Selbstbeschreibung präsentiert sich die Patriotische Bewegung als „bürgerlich“
Sich selbst bezeichnet „Deutsch“ in einem Video als „rechtskonservativ“. In ihrer einzigen Selbstbeschreibung präsentiert sich die „Patriotische Bewegung“ als „bürgerlich“, man trete lediglich „für deutsche Werte“ ein. Im Kontrast dazu stehen Aktionen wie die versuchte Störung einer linken Demo und verwendete rechtsextreme Codes, die sich gezielt an eine Online-sozialisierte, rechte, wenn auch ideologisch kaum gefestigte Jugend richten.
Hinweise auf AfD-Verbindung
Ein Stammtisch wie in Berlin fand nur Wochen zuvor auch in einem Münchener Wirtshaus statt, wurde aber von der Polizei gesprengt, da die Teilnehmer:innen zuvor als Mob durch die Stadt gezogen waren. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung wurden dabei 37 Personen kontrolliert und eine Strafanzeige wegen eines mitgeführten Schlagrings aufgenommen. Die Teilnehmer:innen seien laut Staatsschutz zuvor nicht in der Szene in Erscheinung getreten. „Organisator soll ein Mann aus dem Raum Augsburg sein, er bezeichnet sich selbst als AfD-Mitglied“, hieß es in der SZ.
Dafür spricht auch eine Video-Nachbesprechung auf dem Discord-Channel der „Patriotischen Bewegung“, in der der stets vermummt auftretende „Jonathan Deutsch“ eine Art Protokoll des Vorfalls einblendet, in dem es heißt: „Mein AFD-Ausweis (sic!) wurde groß herumgereicht.“ Das Verstecken seines Gesichts begründet „Deutsch“ damit, einst von Antifas überfallen worden zu sein. Doch womöglich geht es darum, die Tätigkeiten als Organisator einer rechten Jugendclique und sein Engagement in der AfD zumindest öffentlich getrennt zu behandeln.
Ein Eintrag im Netz liefert einen Hinweis darauf, wer sich hinter dem Alias und der Vermummung versteckt. Demnach wurde im vergangenen Sommer versucht, die Markenrechte der Patriotischen Bewegung beim Deutschen Patent- und Markenamt einzutragen – auf den Namen Julian Henschen. Eine Person mit demselben Namen aus dem bayerischen Kissing betrieb bis vor Kurzem auch einen inzwischen gelöschten Ebay-Shop, der ebenfalls mit rechten Stickern handelte. Die dort verwendete E-Mail-Adresse wiederum führte zu „Julian Deutsch.“
Kandidat für die AfD Kissing
Nach einer Konfrontation mit der Recherche an eben jene Alias-Adresse meldet sich Julian Henschen bei der taz. Er räumt ein, dass er die Person hinter dem Pseudonym ist – und AfD-Mitglied.
Der 23-Jährige kandidierte für die AfD am vergangenen Sonntag bei der Gemeinderatswahl in Kissing auf Listenplatz sechs. Trotz rund 2.000 Stimmen reichte es für ihn, anders als für seinen Bruder, aber nicht zum Einzug. Der taz schreibt er: „Ein persönliches politisches Engagement und eine parteiunabhängige Initiative sind für mich zwei getrennte Dinge.“ Laut Henschen ist die „Patriotische Bewegung“ „keine Vorfeldorganisation der AfD“, auch bestünden „keine organisatorischen Verbindungen“. Ebenso erfolge der Verkauf von AfD-Merchandise „unabhängig und ohne Abstimmung mit Parteien“.
Es handele sich um eine „patriotische Initiative“, die „sich für Ordnung, Verantwortung und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzt“, schreibt Henschen. Seine „Initiative“ sei „unvereinbar“ mit Organisationen rechts der AfD. „Den Vorwurf, unsere Gruppe würde gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen ‚hetzen‘, weise ich zurück“, schreibt er.
Zusätzlich zur offiziellen AfD-Jugendorganisation soll hier ein Sammelbecken für aktionsorientierte Rechtsextremisten entstehen
Rechercheplattform Identitäre Bewegung
Zu einer anderen Einschätzung kommt die Berliner Rechercheplattform zur Identitären Bewegung. Sie bezeichnet die „Patriotische Bewegung“ als „rechtsextreme, außerparlamentarische Jugendgruppe“ und „AfD-Vorfeldgruppe“. Sie schreibt: „Zusätzlich zur offiziellen Jugendorganisation soll hier ein Sammelbecken für aktionsorientierte Rechtsextremisten entstehen.“ Mit „Frakturschrift, schwarz-weiß-rotem Dogwhistling und Anti-Antifa-Klebern“ sollen gezielt Neonazis angesprochen werden. In Konkurrenz zur sogenannten Identitären Bewegung gehe es darum, „Babynazis“ für das Vorfeld der AfD zu gewinnen.
Eine antifaschistische Vernetzung aus Dachau, die die Aktivitäten der Rechten verfolgt, schreibt auf Anfrage der taz: Die „Patriotische Bewegung“ sei „ein Produkt des gesellschaftlichen Rechtsrucks“ und der „Versuch ein Social-Media-Phänomen in die Realität zu überführen“. Dabei spielten politische Inhalte „eine untergeordnete Rolle“. Die „Patriotische Bewegung möchte ein aktionistischer Haufen sein, der die AfD unterstützt“. Zwar gäbe es eine verbale Abgrenzung zu Neonazis und den Identitären, diese sei „aber wenig glaubhaft“.





















