Max Liebermann in Potsdam und Berlin: Dem Nationalismus trotzen | ABC-Z

George Grosz und Max Liebermann waren Opponenten in der Kunstauffassung zur Zeit der Weimarer Republik. Trotzdem setzte sich Max Liebermann 1924 als Präsident der Berliner Akademie der Künste für Grosz ein, als der vor Gericht stand, angeklagt wegen Unzüchtigkeit in seinem Mappenwerk „Ecce Homo“, das von Gewalt, Machtmissbrauch und Prostitution in 100 Grafiken erzählte. Liebermann, als Gutachter berufen, verteidigte die Blätter, die in „hohem Grade künstlerisch seien“ und deshalb nicht als „unmoralisch“ angesprochen werden könnten.
Liebermanns Stimme hatte Gewicht in dieser Zeit, in der er seine Macht auch für Heinrich Zille, Otto Dix und Käthe Kollwitz einsetzte. Wie er seinen Einfluss für die Freiheit der Kunst geltend machte und auch Künstler verteidigte, deren politische Haltung er nicht teilte, erzählt eine Ausstellung in der Liebermann-Villa in Berlin-Wannsee: „Alles für die Kunst. Max Liebermann zwischen Strategie und Kulturpolitik“.
Die kleine dokumentarische Schau zeichnet das Bild eines klugen, ehrgeizigen und schließlich erfolgreichen Künstlers, der von Anfang an wusste, dass die Arbeit des Malers im Atelier nicht ausreicht, um gesehen zu werden und Anerkennung zu finden. Verbündete unter den Künstlern zu suchen, Ausstellungen selbst organisieren, Vereinigungen wie die Secession zu gründen und selbst Kunst zu erwerben, die er bekannter machen wollte, wie den französischen Impressionismus in Deutschland, gehörte zu seinen Strategien.
„Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“. Museum Barberini in Potsdam, bis 7. Juni. Katalog (Prestel-Verlag): 39,90 Euro„Alles für die Kunst! Max Liebermann zwischen Strategie und Kulturpolitik“. Liebermann-Villa am Wannsee. bis 25. Mai. Katalog (Sandstein Kultur): 24 Euro
Sowohl die Liebermann-Villa als auch die am 28. Februar eröffnete Ausstellung „Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland“ im Museum Barberini in Potsdam stellen ihn deshalb im Kontext von Künstler:innen vor, mit denen er sich verbündete. Teilweise sogar Motive teilte, wie mit dem Lübecker Maler Gotthard Kuehl: beide malten Kinder in holländischen Waisenhäusern.
Nicht gewünscht: Jubiläumsfeier Französische Revolution
Liebermann und Kuehl stellten eine Ausstellung deutscher Maler im Rahmen der Weltausstellung 1889 in Paris auf die Beine. Wegen ihrer Motive aus dem Leben von Armen und hart arbeitenden Menschen wurden sie zu der Zeit im deutschen Kaiserreich als „Maler der Armen und Hässlichen“ beschimpft. Das Deutsche Reich boykottierte die Pariser Weltausstellung, weil sie auch 100 Jahre Französische Revolution feierte.
In Frankreich hatte der 1847 geborene Maler Max Liebermann die Schule von Barbizon kennengelernt. Auch wenn er kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg dort kaum Kontakte fand, ließ er sich von den nationalistischen Verhärtungen auf beiden Seiten nicht abschrecken, in der französischen Kunst der Realisten und Impressionisten seine Vorbilder zu entdecken.
Liebermanns Kulturpolitik wurde humoristisch begleitet: Der „Sturm“ der Berliner Secession. Ein Scheinmanöver
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aus: Lustige Blätter, 1910, Nr. 9, Seite 9
Auf Malreisen nach Holland sammelte er Motive wie den „Schweinemarkt in Haarlem“ und „Gemüsemarkt in Delft“, vielfigurige, lebhafte Szenarien, die Licht und Bewegung auch mit einer Konturen verwischenden Malweise einfangen und jetzt in Potsdam zu bewundern sind.
Vorurteile trafen den Maler Max Liebermann immer wieder. Seine Malerei sei zu französisch. Zu viel Dreck und einfaches Volk. Er war schon 72 Jahre alt, als er in Berlin 1922 endlich in die Akademie der Künste aufgenommen wurde. Da hatte er sich zuvor zehn Jahre lang vergeblich um Aufnahme bemüht. Dass ihn, der aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus stammte, dabei auch immer wieder antisemitische Demütigungen trafen, belegen die Karikaturen, die in der Villa Liebermann ausgestellt sind.
Widersprüche werden nicht ausgeblendet
Widersprüche werden dabei nicht in beiden Ausstellungen nicht ausgeblendet: Als er zu den etablierten Künstlern gehörte, ausgestattet mit Macht in der Akademie und der Secession, die er einst in Opposition zur Akademie gegründet hatte, warfen ihm nachkommende Künstlergenerationen ihrerseits vor, Positionen auszuschließen.
Die Ausstellung im Barberini aber hebt vor allem hervor, welche Türen er öffnete, die aus einer nationalistisch abgegrenzten und repräsentativen Kunst herausführten. Die Malerinnen Dora Hirtz, Sabine Lepsius und Maria Slavona konnten zum Beispiel in ihrer Zeit erfolgreich werden, weil sie Teilnehmerinnen der Secessions-Ausstellungen waren, jenem selbstbewussten und verkaufstüchtigen Künstlerbund, den Liebermann mit gegründet hatte.
Von Liebermanns eigener Sammlung von Manet und Monet, Degas, Cézanne und Renoir, zeugen heute nur noch Fotografien. Sie fiel in größten Teilen nationalsozialistischer Enteignung zum Opfer und ist verschollen. Mit Szenen nächtlicher Straßen, deren nasser Asphalt die Lichter der Droschken und Laternen spiegelt, von Lesser Ury gemalt, mit Gartenszenen von Liebermann selbst und Max Slevogt zeichnet die Ausstellung in Potsdam aber Wege des Impressionismus in Deutschland nach mit Liebermann als Vermittler und Ermutiger.
Mihály Munkácsy aus Ungarn war auch einer im Liebermann-Verbund: „Im Maleratelier“, undatiert, Öl auf Holz
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Sammlung von Imre Pakh; Courtesy Ernst Gallery
Von der nationalsozialistischen Kulturpolitik bedrängt, verließ Liebermann verbittert die Preußische Akademie der Künste 1933. Er starb zwei Jahre später mit 87 Jahren. Seine Witwe Martha Liebermann wurde 1940 von den Nationalsozialisten gezwungen, die Sommervilla am Wannsee weit unter Wert zu verkaufen. 1943, als ihr die Deportation nach Theresienstadt drohte, nahm sie sich das Leben.
Seit Ende der 1950er Jahre gehörten Villa und Garten zwar dem Land Berlin, aber jahrelang war es an einen Tauchclub verpachtet, bis ein Verein sich dafür einsetzte, hier einen Gedenkort für Liebermann zu schaffen. Erst seit 20 Jahren ist die Villa Liebermann ein Ort der Erinnerung an den Künstler und die nationalsozialistische Bedrohung seiner Existenz.





















