„Nicht mal eine Sekunde, bis etwas einschlägt“ | ABC-Z

Bis 12 Uhr mittags wirkt Metulla an diesem sonnigen, warmen Tag wie ausgestorben. In der Ortschaft direkt an der libanesischen Grenze ist es fast unheimlich still, auf den Straßen sind kaum Menschen zu sehen, nur ganz selten fährt ein Auto. Daniel Dorfman kommt aus seinem Restaurant, er sieht müde aus. In der Nacht zuvor haben die Bewohner des Dorfes kaum Schlaf bekommen. „Die letzte Nacht war die bislang schlimmste. Ab 8 Uhr abends gab es durchgehend Alarm und Beschuss.“ Die Ruhe in Metulla ist nur von kurzer Dauer. Um Punkt 12 Uhr donnern israelische Geschütze auf. Kurze Zeit später fliegt eine Rakete aus dem Libanon herüber, zieht einen krakeligen Kondensstreifen hinter sich her, bevor sie nach einem Abwehrtreffer verglüht.
Metulla liegt im äußersten Norden Israels, eingebettet in eine malerische Landschaft. Sacht gewellte, grün bewachsene Hügel, Mandelbaumfelder, in der Ferne leuchtet der schneebedeckte Gipfel des Hermon. Früher sind viele Touristen in das Dorf gekommen, es gibt hier mehrere Restaurants, Ferienwohnungen und Hotels. Oberhalb der Ortschaft thront eine Stellung der israelischen Armee, davor sind zwei schwere Panzer geparkt. Eine hohe graue Betonmauer zieht sich entlang der Grenze. Seit einigen Tagen ist Metulla Front-Dorf. Wieder einmal.
Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost
Israel im Krieg mit der Hisbollah: Dörfer im Libanon liegen in Trümmern
Als die schiitische Hisbollah nach dem Terrorüberfall der Hamas im Oktober 2023 im Norden eine zweite Front eröffnet, erlässt die israelische Regierung eine Evakuierungsanordnung für die Menschen in den Städten und Dörfern an der libanesischen Grenze. Metulla wird militärische Sperrzone, 90 Prozent der Häuser werden beschädigt. Erst mit dem Waffenstillstandsabkommen im November 2024 kehren die Einwohner zurück. Heute sind die Schäden beseitigt. Auf der libanesischen Seite der Grenze liegen die Dörfer in Trümmern. Wo einst Tausende Menschen lebten, gibt es jetzt nur graue Betonruinen, zermahlen von zahllosen Geschossen.
Der Waffenstillstand ist von vorneherein auf Sand gebaut, weil die Hisbollah sich nicht wie vereinbart vollständig hinter den Litani-Fluss zurückzieht. „Wir haben in den vergangenen eineinhalb Jahren durchschnittlich zweimal am Tag angegriffen“, berichtet Sarit Zehavi von der israelischen Denkfabrik Alma, die vornehmlich die Sicherheitssituation im Norden analysiert. Das Abkommen sieht vor, dass die reguläre libanesische Armee die Kontrolle im Süden des Libanon übernimmt und die Infrastruktur der Hisbollah zurückbaut.
Hisbollah könnte auf neue Evakuierung Nordisraels hoffen
Dabei habe die Regierung in Beirut versagt, sagt Zehavi: „Die libanesische Armee hat mit der Hisbollah kollaboriert.“ Als Hisbollah-Kämpfer kurz nach dem Beginn des amerikanisch-israelischen Angriffskrieges gegen den Iran den Norden Israels erneut mit Raketen beschießen, schlagen die israelischen Streitkräfte hart zurück, fliegen zahlreiche Luftangriffe im gesamten Libanon und lassen Bodentruppen einrücken. Bis Montag sterben nach libanesischen Angaben dabei etwa 400 Menschen, wie viele Zivilisten darunter sind, ist unklar.

Israelische Panzer an der Grenze zum Libanon.
© Amnon Gutman | Amnon Gutman
Seit dem neuen Aufflammen des Krieges im Norden fliegen jeden Tag durchschnittlich 50 Geschosse aus dem Libanon in die grenznahen Gemeinden, haben die Analysten von Alma gezählt. Ein Drittel davon Drohnen, zwei Drittel Raketen. Zehavi glaubt, das Ziel der Hisbollah sei die erneute Evakuierung des Nordens. Tatsächlich ruft die Terrororganisation am Samstag die Einwohner des nahe Metulla gelegenen Kirjat Schmona dazu auf, den Ort „unverzüglich“ zu verlassen und in den Süden zu fliehen. Aber: „Die Salven sind viel geringer als im vorherigen Krieg. Zum Glück gibt es bislang wenig Schäden und keine Opfer“, sagt die Analystin.

Leben unter Beschuss: Metulla-Bewohner trotzen der ständigen Gefahr
Für die Menschen in Metulla ist der Beschuss trotzdem eine ständige Bedrohung. An den Straßen des Dorfes stehen alle 100 Meter Schutzräume. Eine Stahltür, dahinter führt eine Treppe ein Stockwerk tief in den Untergrund. Viel Zeit bleibt hier nicht, wenn der Alarm geht. „Du hast manchmal nicht eine Sekunde, bevor etwas einschlägt“, erzählt Dorfman (42). Er verkauft sein Essen ohnehin nur noch außer Haus, in seinem Restaurant zu sitzen, wäre zu gefährlich. „Gestern Nacht war, als würde man unter Dauerfeuer arbeiten.“ Er sagt, etwa die Hälfte der ungefähr 2000 Bewohner hätten das Dorf erneut verlassen. „Ich bleibe. Das ist mein Zuhause.“
Auch Shira Bar, 22, denkt nicht daran, Metulla zu verlassen. Sie zeigt auf ihrem Telefon ein Video der vergangenen Nacht. Sirenen heulen, es kracht ständig, Geschosse fliegen durch die Nacht, schlagen in der Ferne ein, Explosionsfeuer leuchtet auf. „Wir kriegen hier nachts kein Auge zu. Wir müssen morgens schlafen. Es ist beängstigend. Aber wir lieben diesen Ort.“

FUNKE-Reporter Jan Jessen an der Grenzmauer bei Metulla.
© Jan Jessen | Jan Jessen
In Aramshe gibt es Schutzräume – doch die Bewohner wünschen sich mehr Schutz
Die israelische Armee ist mit mehreren Divisionen in den Südlibanon eingerückt und hat Pufferzonen geschaffen. Ungefährlich ist es auch für die Truppen nicht. Am Sonntag sterben zwei Soldaten, als sie versuchen, mit einer Raupe ein beschädigtes Fahrzeug zu bergen, und beschossen werden. Der Einmarsch soll verhindern, dass Infiltrationsgruppen der Hisbollah in den Norden Israels gelangen, wie es 2023 und 2024 geschehen ist.
„In den vergangenen Tagen haben Hisbollah-Kämpfer immer wieder versucht, über die Grenze zu kommen. Die Armee hat sie gestoppt“, erzählt Adeeb Mazel, Community-Manager in Aramshe. Sein Dorf ist ein rein arabisches, es liegt westlich von Metulla. Auch hier verläuft die Grenzmauer, die nach dem 7. Oktober 2023 mit Metallgittern aufgestockt worden ist. Anders als viele andere arabische Dörfer haben sie in Aramshe neun öffentliche Schutzräume. „Wir brauchen aber mehr Schutz, die sind nicht mehr auf dem neuesten Stand“, sagt Mazel.

Israel: Als es laut knallt, zuckt der Bürgermeister nicht einmal
Auf einem Hügel zeigt er rüber auf die Trümmerlandschaft, die einmal ein schiitisches Dorf war. „Da verbergen sich immer noch Hisbollah-Kämpfer. Es gibt da drüben viele Tunnel, von denen die Armee nichts weiß.“ Oft, sagt er, gebe es nicht einmal einen Alarm, insbesondere dann, wenn die Hisbollah mit Panzerabwehrraketen angreife. „Es ist hier schon sehr gefährlich.“ Es ist ein merkwürdiger Widerspruch. Die Landschaft um Aramshe herum ist idyllisch: Wäldchen, viel Grün, hinter den Hügeln schimmert im Westen das Mittelmeer.
Es ist hier schon sehr gefährlich.
Adeeb Mazel,, Community-Manager in Aramshe
Aber auch in Aramshe donnern an diesem Tag immer wieder die israelischen Geschütze, die Ziele auf der anderen Seite der Grenze attackieren. Die Kühe, die oben am Hügel grasen, kauen entspannt weiter. Sie gehören Mohammad Mges, dem Bürgermeister, der stolz darauf ist, dass es in seinem Dorf im Steinsediment Fossilien gibt. „Hier war einmal ein Meer. Sehen Sie: Fischzähne.“ Auch er zuckt nicht, als es laut knallt. „Wir sind das hier gewohnt.“
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.
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zu.
Später zeigt er im Gemeindezentrum den Überwachungsbunker, in dem fünf Männer die libanesische Seite im Blick haben. 60 Prozent der Männer von Aramshe dienen bei den israelischen Sicherheitskräften. Als Mges sich draußen verabschieden will, heult der Sirenalarm. Der Bürgermeister geht gemessenen Schrittes in den nahen Schutzraum. Bloß keine Panik.






















