Wien: Kampagne für besseres Benehmen in Bussen und Bahnen – Panorama | ABC-Z

Es ist mal wieder an der Zeit, sich ein bisschen aufzuregen. Nicht laut natürlich, das könnte ja andere stören. Aber manchmal fragt man sich halt schon, ob die Welt keinen „Genierer“ mehr kennt, wie es dieser Tage in Wien heißt. Dort sahen es die städtischen Linien als geboten an, ihre Fahrgäste zu ermahnen. Die öffentliche Telefoniererei (auch das Anhören irgendwelcher Filmchen, Spiele oder Laber-Podcasts) scheint dort gerade wieder überhandzunehmen unter den 2,4 Millionen täglichen Fährgästen. Also ersann eine Stadträtin, welche bereits vor 20 Jahren mit dem einprägsamen Slogan „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl“ ein radikales Umdenken unter allen Hundebesitzern bewirkt hatte, die Kampagne „Host kan Genierer?“ (Schämst du dich denn nicht?). Diese verweist noch einmal sehr eindrücklich darauf, dass ein Sich-in-den-Vordergrund-Stellen im öffentlichen Nahverkehr selbst zwischen Meidling und Leopoldstadt verboten ist, woran sich zuletzt jedoch nicht jeder hielt. Auch für Rucksäcke oder Leberkässemmeln gilt: „Für dich egal, für andere eine riesige Qual.“
Nun könnte man die Angelegenheit einfach auf sich beruhen lassen. So isser halt, der Wiener. Ein einziges Geschrei. Wären da nicht auch internationale Luftlinien wie die United Airlines, die gerade ihren Passagieren damit drohten, sie künftig hinauszuwerfen, wenn sie mal wieder die Bluetooth-Verbindung mit ihren mobilen Endgeräten nicht hinbekommen und es anderen im Trommelfell juckt. In München und Berlin setzt man auf warnende Durchsagen: Denn, so heißt es etwa in Paragraf 4, Punkt 8 der MVG-Beförderungsbedingungen: Fahrgästen ist die Benutzung von „Tonwiedergabegeräten oder Tonrundfunkempfängern“ untersagt, sobald „andere dadurch belästigt werden“.
Schon der indische Dichter und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore hatte in seinem Werk „Verirrte Vögel“ darauf hingewiesen, dass es stets der „Lärm des Augenblicks“ ist, welcher „die Musik des Ewigen verhöhnt“. Dagegen muss man also schon was machen, und dem Junggesellinnenabschied im Regionalexpress oder dem Kind auf dem Langstreckenflug ist der Reisende ja ohnehin hilflos ausgeliefert. Da könnte es schon sinnvoll sein, sich wenigstens den ein oder anderen Einzeltäter vorzuknöpfen, ja, ihm womöglich, wie der Wiener sagen würde: „Ein Klampferl anzuhängen“, was ein hübscher Euphemismus für „Verpetzen“ ist. Als Ultima Ratio der Zurechtweisung gilt jedenfalls auch hier: die Verweigerung der Weiterbeförderung sowie die Verhängung einer Geldstrafe.
Und, richtig: Bereits vor mehr als hundert Jahren hatten sich Leserbriefschreiber im beliebten Wochenblatt Wiener Hausfrau über skrupellos niesende Mitfahrende beklagt, gerade in Zeiten der Tuberkulose. Sie beschwerten sich über bonbonknisternde Theaterbesucher, rücksichtslose Wassersprenkler bei der kommunalen Straßenreinigung sowie Kinder, „die besser eine gute Tracht Prügel“ verdient hätten. Im digitalen Zeitalter sind die Herausforderungen nur noch gewachsen. Wobei man schon auch aufpassen muss, dass es, wie der Wiener sagen würde, nicht irgendwann zu viel wird, mit all dem „Granteln“ und dem „Sudern“. Denn auch ständiges Beklagen kann manchmal recht lästig sein.





















