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Radsport-Team Ineos: Der umstrittene Chefpfleger ist wieder da – Sport | ABC-Z

Im Kader des Radteams Ineos Grenadiers wimmelt es nur so von Namen, die in diesem Jahr besonders in den Fokus rücken könnten. Die Fraktion um Filippo Ganna will bei den schweren Frühlingsklassikern vorne mitmischen. Beim früheren Tour-de-France-Sieger Egan Bernal ist die Frage, ob er seinen Aufwärtstrend der Vorsaison fortsetzen und vier Jahre nach einem schweren Unfall wieder richtig in die Spur kommen kann. Und für die großen Rundfahrten wurde zudem Oscar Onley, Vierter der vergangenen Tour, verpflichtet.

Doch während in dieser Woche mit Paris-Nizza und Tirreno-Adriatico die Radsaison 2026 so richtig losrollt, ist eine der wichtigsten Ineos-Personen nicht im Sattel zu finden, sondern in der Betreuerriege: der Slowene David Rozman, der in dem britischen Rennstall als „Head carer“ firmiert, als Chefpfleger. Und zu dem nun schon fast ein Jahr lang Ermittlungen der International Testing Agency (ITA) laufen, also der Organisation, die im Radsport möglichen Dopingverfehlungen nachgeht.

Pünktlich zum Start der Tour de France 2025 war Rozman ein großes Thema in der Radsportszene. Der Grund: Recherchen der ARD über frühere Kontakte zum Chef eines Erfurter Blutdopingringes, der im Rahmen der „Operation Aderlass“ vor fünf Jahren zu einer fast fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Die ITA eröffnete danach ein Verfahren und kündigte an, den Slowenen befragen zu wollen – sein Team Ineos wiederum zog ihn von der Tour ab. Doch obwohl die Ermittlungen der ITA andauern, tut der Rennstall nun so, als wäre die Geschichte abgehakt. Rozman wird auf der aktuellen Website der Mannschaft als Mitglied des Betreuerteams gelistet und mit ein paar wertschätzenden Worten versehen: „David ist einer der dienstältesten Mitarbeiter unseres Teams.“ Er kann in dieser Saison also arbeiten wie gehabt.

Auf eine Anfrage zum Thema und zu den Gründen fürs Festhalten an Rozman schickt Ineos die „aktuellste Stellungnahme“ des Teams – und die ist bemerkenswerterweise identisch mit einer Einlassung von Ende Juli 2025 (!), als sich der Fall Rozman während der Tour zuspitzte. In der Mitteilung heißt es unter anderem: „Das Team hat verantwortungsbewusst und unter Einhaltung der vorgeschriebenen Verfahren gehandelt, indem es die Vorwürfe ernst genommen und gleichzeitig anerkannt hat, dass David ein langjähriges, engagiertes Mitglied des Teams ist.“ Und weiter: Das Team habe die ITA offiziell um alle relevanten Informationen gebeten und die Antwort erhalten, dass man aus rechtlichen Beschränkungen keine Informationen weitergeben könne – aber kooperieren würden Rozman und das Team weiterhin „selbstverständlich mit der ITA und allen anderen Behörden“.

Die angebliche „Null-Toleranz-Politik“ des Teams steht im Kontrast zu vielen Vorgängen, die etwas anderes nahelegen

Das Team Ineos (bis 2019 Team Sky) predigt traditionell, dass es in puncto Doping eine „Null-Toleranz-Politik“ verfolge, das betont es auch jetzt noch einmal. Tatsächlich hat es seit seiner Gründung 2009 – und nicht zuletzt in den Zehnerjahren, in denen Sky/Ineos gleich siebenmal den Tour-Sieger stellte – diverse Vorgänge gegeben, die einen anderweitigen Eindruck nahelegten. So ist zum Beispiel bis heute eine Testosteron-Lieferung ungeklärt, die der damalige Teamarzt nach Ansicht eines Gerichtes für Dopingzwecke geordert hatte. Auch wurde der viermalige Tour-Sieger Christopher Froome zwischendurch positiv auf Salbutamol getestet, unter Dehnung der Paragrafen dann doch noch zur Rundfahrt zugelassen. Zu solchen Beispielen stieß dann im Vorjahr der Fall Rozman hinzu.

Im Kern geht es bei den Vorwürfen gegen den Slowenen um belastende Textnachrichten, die Rozman noch 2012 an den Chef des Blutdopingringes gesandt haben soll, einen Erfurter Sportarzt. Rozman wurde sogar in dem „Aderlass“-Prozess gegen den Mediziner und Mitglieder dessen Netzwerks genannt, gegen ihn ermittelt wurde allerdings nie. Öffentlich geäußert hat sich Rozman trotz diverser Anfragen bisher nicht. Das Magazin Escape berichtete unlängst, dass er verschiedenen Teammitgliedern gegenüber erklärt haben soll, die betreffenden Nachrichten stammten nicht von ihm.

Im Sommer 2025 versuchte das Team Ineos tagelang, das Thema auszusitzen, ehe der Druck zu groß wurde. „Die Art und Weise, wie das Team damit umgegangen ist, war nicht gerade toll“, sagte nun selbst Geraint Thomas – seit 2010 im Team, im Jahr 2018 Tour-Sieger und nach dem Ende seiner aktiven Karriere nun Teil der sportlichen Leitung – dem Guardian. Zugleich fühlte er sich ungerecht behandelt: „Wenn man andere Teams genauso intensiv unter die Lupe nehmen würde, gäbe es auch zu ihnen viele Fragen. Das zeigt, dass wir anderen Maßstäben unterliegen als viele andere Teams.“

Auch das Verhalten der ITA ist erstaunlich

Dabei ist in diesem konkreten Fall nicht nur das Verhalten von Ineos erstaunlich, sondern auch das der ITA. Der Prozess gegen den Erfurter Sportmediziner, in dem auch der Kontakt mit Rozman thematisiert wurde, lief in den Jahren 2020 und 2021, kurz danach übernahm die Organisation die Anti-Doping-Aufgaben für den Radsport. Doch viele Jahre lang war der Ineos-Betreuer für die ITA kein Thema. Erst Anfang 2025 habe sie Hinweise auf das erhalten, was später die ARD berichtete, erklärte die ITA im Vorjahr. Im Frühjahr 2025 muss es in der Causa dann jedenfalls sehr ungewöhnlich zugegangen sein.

Die ITA teilt nämlich mit, sie habe unabhängig von möglichen Verjährungsfragen untersucht, ob es Hinweise auf Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen gegeben habe. Das Ergebnis dieser Prüfung habe es aber nicht ermöglicht, dem Radweltverband (UCI), der über eine etwaige Sanktionierung befinden müsste, einen möglichen Fall zu melden. Ineos wiederum erklärte, dass Rozman im April 2025 von einem ITA-Mitarbeiter „informell“ kontaktiert worden sei. Der Slowene habe umgehend seine Mannschaft darüber unterrichtet, und obwohl Rozman in dem Gespräch versichert worden sei, dass gegen ihn nicht ermittelt werde, habe Ineos eine externe Anwaltskanzlei mit einer gründlichen Überprüfung beauftragt.

Doch dann flog die Sache kurz vor dem Beginn der Tour auf – und leitete die ITA eben doch eine Ermittlung ein. Warum das so zögerlich anlief, wie genau diese Ermittlung aktuell läuft? Zu solchen Fragen will auch die ITA nichts sagen. Dabei dürfte es doch im Sinne aller Beteiligten sein, dass bald Klarheit herrscht.

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