Geopolitik

Wahlergebnisse in Baden-Württemberg: Zwischen den Großen zerrieben | ABC-Z

Für Nicole Büttner, Generalsekretärin der FDP, war dies nicht nur ein Abend zum Haareraufen. Sie könnte all ihre Locken verlieren. Die nämlich hatte Büttner in aller Öffentlichkeit auf einen Wiedereinzug ihrer Partei in den Stuttgarter Landtag verwettet. Und nun, angesichts von nur 4,4 Prozent für die FDP müssen die Haare wohl ab, wenn Büttner ihr Wort halten will.

Die FDP schwankt nach der Wahl in Baden-Württemberg zwischen solch schräger Selbstgeißelung und ernsthaftem Entsetzen: “Damit endet eine Tradition”, sagt ihr Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke über das Ergebnis. In der Tat hat die FDP noch nie den Einzug in den Stuttgarter Landtag verpasst: Baden-Württemberg ist das Stammland der Partei, hier hat sie im Jahr 1952 sogar den ersten Ministerpräsidenten gestellt, immer wieder starke Ergebnisse eingefahren und bis zuletzt die bundesweit größte Landtagsfraktion der Partei vorzuweisen.

Rülke sitzt seit 20 Jahren im Landtag, seit 17 Jahren ist er dort Fraktionsvorsitzender. Das ist nun vorbei, der 64-Jährige hat seinen Rücktritt angekündigt. Wie groß die Zäsur sein würde, nicht in den Landtag einzuziehen, beschrieb er vor dem Wahlabend so: Nicht weniger als die “Idee der Freiheit” und die “Zukunft des Liberalismus” stehe auf dem Spiel. “Wenn wir es in Baden-Württemberg nicht in den Landtag schaffen, wird niemand mehr daran glauben, dass die FDP es überhaupt noch irgendwo über fünf Prozent schafft”, sagte er.

Merz warnte in Baden-Württemberg vor Stimmen für die FDP

Woran hat es also gelegen? In der FDP macht man das extrem knappe Rennen zwischen Grünen und CDU als Grund für das Scheitern aus. Und es stimmt ja auch: Laut ersten Nachwahlanalysen verlor die FDP 145.000 Stimmen an die CDU, “ein oder zwei Prozentpunkte”, wie ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn sagte. Woran auch Kanzler Friedrich Merz nicht unschuldig ist, hatte er doch noch vor wenigen Tagen bei einem Wahlkampfauftritt gewarnt, wer in Baden-Württemberg FDP wähle, könne mit einem grünen Ministerpräsidenten aufwachen. Schon bei der Bundestagswahl hatte Merz auf den letzten Metern vor der Wahl der Liberalen gewarnt. Eine Stimme für die CDU sei dieses Mal wichtiger als eine für die FDP, so lautete beide Male die Botschaft. Im Zweifel kämpft eben jeder für sich allein – die Baden-Württemberg-CDU hatte angesichts der grünen Aufholjagd ein paar FDP-Leihstimmen auch dringend nötig.

Die FDP ist in ihrer Enttäuschung über den Wahlausgang allerdings nicht allein, die Linkspartei traf ein ähnliches Schicksal. Obwohl sie wenig mit der FDP gemein hat: weder inhaltlich noch in der aktuellen Dynamik. Anders als für die Liberalen läuft es für die Linken im Bund gerade richtig gut. Da sind nicht nur das fulminante Comeback bei der Bundestagswahl und die stetig wachsenden Mitgliederzahlen, sondern auch der hohe Zuspruch vor allem unter jungen Wählerinnen.

Weil in Baden-Württemberg zum ersten Mal auch 16- bis 18-Jährige wählen durften, ging man in der Berliner Parteiführung lange davon aus, es locker in den Landtag zu schaffen. Zumal das sehr junge, sehr woke Spitzenkandidatinnen-Trio dreier Frauen in ihren Zwanzigern –Kim Sophie Bohnen, Amelie Vollmer und Mersedeh Ghazaei – gut zum neuen Image einer modernen, sozial bewegten Partei passte. Doch dann landete auch die Linke auf FDP-Niveau, klar unter der Fünf-Prozent-Hürde. “Wir sind in diesem Kopf-an-Kopf-Rennen zerrieben worden”, sagte Bohnen am Wahlabend.

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