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Wale beobachten auf Teneriffa | ABC-Z

„Das ist Alexandra“, ruft David, reckt einen glibbrigen Spielzeugwal aus Gummi hoch und fragt mit unternehmungslustig blitzenden Augen: „Wollt Ihr Alexandras Verwandtschaft treffen?“ Kaum ist das vielstimmige „Jaaaa“, „Yeah“ und „Siii“ der zehnköpfigen, internationalen Ausflugsgruppe an Bord der „Papacho 2“ verklungen, startet David die wuchtigen Außenborder seines XXL-Schlauchboots. Langsam gleitet es aus dem Hafen von Puerto Colon an Teneriffas Südküste, nimmt dann Fahrt auf. Die sich über ganze Berghänge erstreckenden Hotel­anlagen werden hinter dem Boot kleiner, die Erwartungen der Hobby-Walbeobachter größer: „Ob wir einen Flipper springen sehen?“ Und: „Gelingt ein Foto vom rücklings ins Wasser klatschenden Wal?“

Vieles davon passiert garantiert vor Teneriffas Südküste, dem einzigen europäischen Revier, in dem Hunderte Pilotwale dauerhaft leben, die immer in Gruppen hier anzutreffen sind. Nach kaum 15 Minuten drosselt David die Motoren, lässt die „Papacho 2“ zuerst noch gemächlich voran tuckern, dann auf der Stelle dümpeln. Sein Blick scannt die Wasseroberfläche, alle Blicke folgen seinem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger: „Alexandra und ihre Gang auf zwei Uhr!“, ruft er triumphierend. Als hätte David einen unsichtbaren Knopf gedrückt, geht exakt dort eine Wasserfontäne hoch – bestaunt mit begeistertem „Ooh“ und „Aah“ der Passagiere, dutzendfach als Foto und Video auf hochgereckte Handys gebannt.

Die Wale seien gerade vom Tauchgang zurück, sagt David und simuliert diesen mit seiner Gummi-Alexandra in der Hand: „Mit neun Metern pro Sekunde schießen sie in die Tiefe“, erklärt er. „600 Meter unter uns jagen sie nach Tintenfischen und Krill, können bis zu zehn Minuten unter Wasser bleiben.“ Und seien ganz schön wendig trotz ihres Gewichts (bis zwei Tonnen) und ihrer Länge (etwa fünf Meter). David gibt seinen Gästen ausreichend Zeit, die Wale beim Chillen und Prusten zu verfolgen, streut jetzt nur hier und da noch Infos ein. Etwa, dass er und andere Meeresbiologie-Kollegen fast allen Walen Namen geben. So ist es weltweit in vielen Wal-Revieren üblich. Erkennungsmerkmal: immer die Rückenflosse. Denn diese Finne ist bei jedem Tier individuell geformt – „so wie unser Fingerabdruck“, sagt David.

Inzwischen kommen weitere Boote ins Alexandra-Revier, weshalb David seine Motoren startet, um sich sachte zurückzuziehen. Sein Ausflugs-Anbieter „Atlantic Eco Experience“ fühlt sich besonders dem Naturschutz verpflichtet und achtet sehr darauf, den Tieren nicht näher als 60 Meter zu kommen. So steht‘s seit gut 20 Jahren in der Anweisung des Umweltministeriums. Vorbei die Zeiten, als etwa Formel 1-Weltmeister Michael Schumacher sich hier vor der Küste strahlend von seiner Frau beim Schwimmen mit Pilotwalen fotografieren ließ. Damals bretterten noch Jet­skis und Touristenboote rücksichtslos durch Gruppen von Walen, rissen ihnen mit hochtourigen Schiffsschrauben schon mal Flossen ab.

David steuert einen anderen Spot an, schaltet die Motoren wieder ab und macht ein Gerät startklar, das optisch an ein Megaphon erinnert, aber genau andersherum funktioniert. Denn dieses Hydrophon sendet keine Töne, sondern empfängt welche – über mehrere Hundert Meter. David lässt es an einer Leine ins Wasser. Alle an Bord lauschen gebannt. Was da plötzlich aus dem angeschlossenen Bordlautsprecher dringt, ist ein seltsamer Mix aus dem Muhen einer Kuh, viel zu langsam abgespielter menschlicher Sprache und exotischem Urwaldlauten. David ist begeistert, dass er seinen Gästen eine Unterhaltung von Pilotwalen bieten kann. „Jeder Wal hat seinen Signature Call“, erklärt er – also einen Laut, an dem die Gruppe ihn eindeutig erkennt. David würde seine Bio-Stunde mit Schwerpunkt Wal-Geschenke gerne noch fortsetzen, wird aber jäh vom Ruf eines Gastes unterbrochen: „Da, Flipper!“

Gegen die Macht dieses Bildes, eines immer wieder aus dem Wasser springenden Del­fins, ist der Meeresbiologe machtlos. Aber natürlich glücklich, dass seine Gäste nach den Pilotwalen nun auch noch graue „Bottlenose Dolphins“ zu sehen bekommen. Werbewirksam verbindet David es mit der Hoffnung auf weitere, tierische Begegnungen: „Bucht einen Törn bei mir zwischen März und Mai, ich zeige Euch Orcas und Blauwale, die dann hier durchziehen!“ Für den Moment überlässt der Skipper seine Reisegruppe den Delfinen und kümmert sich darum, deren Lebensraum etwas sauberer zu machen. Kescher raus und aus dem Wasser fischen, was da herumschwimmt: Plastiktüten, abgerissene Leinen und eine schmuddeligen Serviette mit kleinen, schwarzen Punkten drauf. Die wiede­rum entfachen Davids Bio-Lehrer-Mission noch ein letztes Mal während dieses Törns. Er lässt seine Gäste tippen, was die Punkte wohl sein mögen, erhält darauf zehnmal unisono die Antwort „Dreck“ und erklärt dann, die Punkte seien vielmehr Stecknadelkopf-kleine Mini-Muscheln, heimisch hier in der Gegend. Spricht´s, vertäut das Boot im Hafen, verabschiedet seine Gäste und schickt Gummi-Alexandra zurück in ihr angestammtes Revier: Das Handschuhfach neben dem Bootssteuerrad.

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