Der Pornotrend der Dauererregung – wie riskant ist er? Zwei Experten klären auf | ABC-Z

Auf Pornoplattformen ist Gooning längst eine eigene Kategorie – und seit 2025 auch sprachlich im Mainstream angekommen: Beim „Jugendwort des Jahres“ landete der Begriff sogar in den Top 3.
Was aber genau meint Gooning? Handelt es sich nur um einen neuen Namen für Masturbation oder um ein Verhalten mit eigenen Dynamiken, möglichen Risiken und Suchtpotenzial? Eine Sexualtherapeutin und eine Sexualmedizinerin geben Einordnung.
Sex-Trend Gooning: Der Reiz liegt nicht im Orgasmus
In der Alltagssprache wird „Gooning“ oft ungenau verwendet. Die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. med. Annekaren von Beckerath, die bei der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF) Schulworkshops zu Gesundheit, Pubertät und Sexualität gibt, beobachtet dort immer wieder: „Jugendliche verwenden das Wort ‚Gooning‘ oft synonym für Masturbation. Meist ist ihnen gar nicht bewusst, dass der Begriff eigentlich etwas anderes meint.“
Fachlich ist damit jedoch mehr gemeint als Selbstbefriedigung. Die Sexual- und Paartherapeutin Juliane Kröner mit eigener Praxis in Berlin erklärt: „Der Begriff stammt aus Internet-Subkulturen und beschreibt eine Form stundenlanger sexueller Selbststimulation, bei der der Orgasmus bewusst hinausgezögert wird.“ Anders als beim „klassischen“ Verständnis von Selbstbefriedigung gehe es dabei nicht in erster Linie um den Orgasmus, sondern um den Zustand kurz davor – und, wie Kröner erläutert, um „das möglichst lange Verweilen in einem hochaktivierten Erregungszustand“.
Gooning Erlebnis: Warum manche in eine Art Trance geraten
Wie sich Gooning anfühlen kann, beschrieb ein selbst ernannter „Gooner“ gegenüber dem Magazin „Vice“ so: „Man verliert sich in den ganzen Bildschirmen, Geräuschen und Empfindungen. Man gelangt in einen tranceartigen euphorischen Zustand, verliert sein Gefühl für Zeit und Realität, lebt wahrhaftig im Jetzt.“
Sexualtherapeutin Juliane Kröner erklärt, dass dieser tranceartige Zustand durch anhaltende Reize begünstigt wird. Viele nutzten dabei mehrere Videos, Tabs oder Bildschirme gleichzeitig, teilweise auch Virtual-Reality-Angebote. So bleibe die Erregung über längere Zeit hoch.
Kröner ordnet Gooning daher auch als eine Art extremen Fokuszustand ein: „Die Aufmerksamkeit verengt sich stark auf visuelle Reize und körperliche Empfindungen, während Zeitgefühl und äußere Wahrnehmung in den Hintergrund treten.“ Ähnliche Zustände kenne man grundsätzlich auch aus anderen Bereichen – etwa vom Sport, von Musik oder von Meditation.
Gooning: Warum es meist im Verborgenen stattfindet
Damit ein solcher Zustand entstehen kann, ziehen sich viele bewusst zurück und schaffen dafür einen abgeschirmten Rahmen. Kröner erklärt, dass Gooning oft im Privaten stattfindet. „Die meisten Menschen praktizieren es allein, schon aus Gründen der Intimität“, sagt sie. Der Rückzug erleichtere es zudem, äußere Anforderungen und soziale Rollen für eine Zeit auszublenden.
Häufig findet das in einer sogenannten „Goon-Cave“ statt – einem privaten Rückzugsort, der ganz auf Reize ausgerichtet ist, etwa mit mehreren Bildschirmen, Kopfhörern, gedimmtem Licht oder VR-Technik. Der Begriff „Cave“, also Höhle, steht dabei nicht nur für den Ort selbst, sondern auch für den Rückzug aus der Außenwelt.
Studien beschreiben problematische Nutzungsmuster häufiger bei Männern, oft auch bei jüngeren Befragten. Als mögliche Einflussfaktoren gelten Stress, Einsamkeit, depressive Symptome, aber auch Impulsivität, eine hohe Sensitivität für Belohnungsreize und ein früher Kontakt mit pornografischen Inhalten. Grundsätzlich kann laut Kröner jedoch jede Person in ein solches Muster geraten.

Risiken von Gooning: Ab wann exzessiver Pornokonsum problematisch wird
Problematisch wird Gooning vor allem dann, wenn aus Lust ein Muster wird, das sich kaum noch kontrollieren lässt. Die Sexualmedizinerin Dr. Annekaren von Beckerath sagt, riskant sei vor allem die Kombination aus ständig neuen visuellen Reizen, sehr langen Erregungsphasen und einem tranceähnlichen Fokus. Das könne dazu führen, dass Betroffene mit der Zeit immer stärkere Reize brauchen, um dasselbe Gefühl zu erreichen. Und je mehr Zeit in Pornokonsum und Masturbation fließe, desto größer sei das Risiko, dass andere Lebensbereiche in den Hintergrund geraten – etwa Arbeit, soziale Kontakte oder die Partnerschaft, warnt von Beckerath.
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Auch die Sexualtherapeutin Juliane Kröner sieht mögliche Folgen für Beziehungen. Sexualität und Intimität mit anderen Menschen könnten darunter leiden. „Wenn das Gehirn sich an sehr intensive Reize gewöhnt, kann der sexuelle Alltag plötzlich vergleichsweise leise wirken“, sagt sie. Manche Betroffene erlebten zudem Scham, innere Ambivalenz oder das Gefühl, sich selbst fremd zu werden.
Körperliche Folgen von Gooning: Reizungen, Erschöpfung und Schlafmangel
Neben psychischen und sozialen Folgen kann Gooning auch körperliche Risiken mit sich bringen. Stundenlange Erregung und starke Reibung können den Körper belasten. Von Beckerath erklärt, dass lange Erregungsphasen den Genitalbereich strapazieren können. Vor allem die Haut könne gereizt oder verletzt werden. In der Folge seien auch Entzündungen oder Vernarbungen möglich.
Darüber hinaus könnten laut der Sexualmedizinerin Sensibilitätsveränderungen, Verspannungen und eine Überlastung des Beckenbodens auftreten. Auch Erektionsprobleme seien möglich. „Ebenso kann eine erektile Dysfunktion eine Folge von Gooning sein. Oder auch ganz simpel Schlafmangel und die Folgen daraus“, sagt von Beckerath.

Masturbation: Warum Selbstbefriedigung grundsätzlich gesund sein kann
Trotz möglicher Risiken gilt: Selbstbefriedigung an sich ist nicht problematisch. Von Beckerath betont, dass Masturbation viele positive Funktionen haben kann – etwa Stress abbauen, Spannung regulieren und das eigene Wohlbefinden stärken.
Auch Sexualtherapeutin Kröner sagt, dass Masturbation in Beziehungen eine wichtige Rolle für sexuelle Autonomie spielen kann. Außerdem helfe sie dabei, den eigenen Körper, sexuelle Wünsche und den eigenen Orgasmus besser kennenzulernen.
Gerade deshalb ist die Unterscheidung wichtig: Gooning ist mehr als ein flapsiger Internetbegriff – aber nicht jede Verwendung des Wortes beschreibt automatisch ein riskantes Verhalten. Entscheidend ist nicht, wie oft jemand masturbiert, sondern ob das Verhalten den Alltag belastet und Leidensdruck entsteht.





















