Internationaler Frauentag: Wir haften gemeinsam für feministische Solidarität | ABC-Z

B ei der #MeToo-Bewegung machten Frauen weltweit ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt öffentlich – als Ausdruck von Solidarität untereinander. Als während der Covid-19-Pandemie Nachbar*innen älteren Menschen und Erkrankten Lebensmittel brachten, feierten Medien das als solidarischen Einsatz. Soziale Sicherungssysteme werden in der Regel auch als Solidargemeinschaften bezeichnet. Individuen, Gruppen, Organisationen und staatliche Institutionen handeln und argumentieren ständig im Namen der Solidarität – doch was bedeutet dieser Begriff eigentlich?
Vielleicht hilft ein Blick darauf, was diese Fälle gemeinsam haben. In allen geht es um eine Beziehung, die von den Beteiligten verlangt, aktiv zu werden: die Bereitschaft, sich mit anderen zusammenzutun, um Unterstützung zu sichern, Widerstand zu leisten oder Formen gegenseitiger Verpflichtung zu praktizieren. Die historischen Wurzeln dieses Konzepts liegen im Prinzip kollektiver Haftung – also der Vorstellung, dass eine Gruppe gemeinsam für Schulden oder Versäumnisse ihrer Mitglieder verantwortlich gemacht werden kann. In den revolutionären Kämpfen des 18. Jahrhunderts, den Arbeitskämpfen des 19. Jahrhunderts und den sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts wurde Solidarität schließlich zur Parole bewegungsbasierter Politik.
Heute bezeichnet Solidarität im Allgemeinen ein Verhältnis zwischen Individuen, Gruppen oder Organisationen, die sich gemeinsam verpflichtet fühlen, auf ein Ziel hinzuarbeiten. Der Begriff kann sowohl die Beziehung innerhalb einer sozial kohärenten Gruppe beschreiben – etwa in einer Gewerkschaft – als auch Beziehungen zwischen Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen, obwohl sie aus unterschiedlichen sozialen Positionen heraus handeln. Gerade im Kontext sozialer Bewegungen ist Solidarität eine freiwillig eingegangene Verpflichtung. Ein Ruf nach Solidarität ist daher immer auch ein dringender Appell an andere, sich ebenfalls zu verpflichten: die Aufforderung, Prioritäten neu zu setzen, und sich gegenseitig zu unterstützen. Selbst dann, wenn man in einzelnen Punkten unterschiedlicher Meinung ist.
Sally Scholz
Jahrgang 1968, ist Professorin für Philosophie an der Villanova University in den USA und Autorin des Buchs „Political Solidarity“.
Der Internationale Frauentag entstand aus genau einem solchen Appell. Auf der Zweiten Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen 1910 in Kopenhagen schlugen Clara Zetkin, Käte Duncker und andere Vertreterinnen der deutschen Sozialdemokratie erstmals einen Frauentag vor, der der Agitation für das Frauenwahlrecht dienen sollte. Ein solcher Tag, so ihre Hoffnung, würde die Hindernisse sichtbar machen, die Frauen von gleichberechtigter Teilhabe ausschlossen. Ziel war es, weltweit die soziale, politische und ökonomische Emanzipation von Frauen voranzubringen.
Frauen teilen nicht alle die gleichen Erfahrungen
Frauen teilen eben nicht alle die gleichen Erfahrungen
Das Anliegen wurde von Aktivist:innen bis weit ins späte 20. Jahrhundert weitergetragen. Häufig beriefen sie sich dabei auf die Idee einer „Schwesternschaft“ aller Frauen – begründet durch gemeinsame Erfahrungen von Sexismus, Gewalt, Belästigung, Missbrauch oder Machtlosigkeit. Dieser Ansatz wird heute kritisch gesehen. Der Begriff der Schwesternschaft verdeckt die Unterschiede und Vorurteile, die zwischen Frauen bestehen – etwa entlang von Rassismus, Klassenunterschieden oder nationalen Zugehörigkeiten.
Wird eine politische Beziehung allein auf geteilte Unterdrückungserfahrungen gegründet, besteht die Gefahr, dass bestimmte Perspektiven unsichtbar bleiben oder Menschen ausgeschlossen werden. Frauen teilen eben nicht alle die gleichen Erfahrungen. Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen Frauen anderen Frauen Gewalt angetan haben. Selbst gut gemeinte Appelle an eine universelle Schwesternschaft, ausgesprochen von privilegierten westlichen Frauen, können kulturelle Unterschiede fetischisieren – und damit die Vielfalt weiblicher Bedürfnisse verdecken oder koloniale und imperialistische Machtverhältnisse reproduzieren.
Feministische Solidarität ist daher nicht einfach Solidarität unter Frauen. Gemeint ist vielmehr eine Solidarität zwischen Feministinnen unterschiedlicher politischer Richtungen und sozialer Hintergründe, die gemeinsam die Verhältnisse untersuchen und verändern wollen, unter denen geschlechterbasierte Ungerechtigkeit entsteht. Anders als in der Parteipolitik gibt es im Feminismus keine einheitliche Organisationsform, auf die sich alle einigen, und auch keinen Konsens darüber, welche Strategien verfolgt werden sollten.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Nicht selten sind sich Feministinnen, die grundsätzlich solidarisch miteinander sind, uneinig darüber, welchen Aspekt sexistischer Unterdrückung sie mit welchen Mitteln bekämpfen sollten. Gerade weil der Kampf gegen tief verankerte Systeme von Gewalt und Ausgrenzung erschöpfend ist, gehört es zur feministischen Solidarität, zentrifugalen Kräften innerhalb der Bewegung zu widerstehen.
Konflikte aushalten
Solidarität bedeutet nicht nur ein gemeinsames Engagement für feministische Ziele, sondern auch eine Verpflichtung gegenüber den Beziehungen von Feministinnen untereinander. Wie in allen Beziehungen erfordert dies Zeit, Aufmerksamkeit und Energie sowie die Bereitschaft, Differenzen und Konflikte auszuhalten.
Natürlich werden nicht alle Menschen, die geschlechterbasierte Unterdrückung ablehnen, das Etikett „Feminist*in“ für sich annehmen. Andere wiederum, die sich als Feministinnen verstehen, lehnen die Vorstellung einer „feministischen Solidarität“ ab, weil sie darin den Versuch sehen, unterschiedliche Perspektiven von Frauen sowie von trans, inter oder nichtbinären Personen zu überdecken. Neue Konfliktfelder, neue Beziehungen und neue Bedürfnisse bringen neue Perspektiven – all das braucht es, um gemeinsam eine Zukunft frei von geschlechterbasierter Gewalt zu gestalten.
Die Rechte, Körper, Freiheiten und Stimmen von Frauen und geschlechtlichen Minderheiten werden gerade massiv angegriffen. Misogynie ist in sozialen Medien allgegenwärtig. Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe gehören in den aktuellen Kriegen weiterhin zur Realität. In den USA wird das Wahlrecht attackiert, in Afghanistan ist die gesellschaftliche Teilhabe von Frauen nahezu verschwunden. Politische und wirtschaftliche Eliten setzen vielerorts auf Spaltung statt auf Zusammenhalt, auf Konkurrenz statt Kooperation, auf Isolation statt Bündnisse. Doch während all das geschieht, formiert sich etwas: Zetkins Vision von Solidarität nimmt Gestalt an. Trotz unterschiedlicher Perspektiven, Erfahrungen und Identitäten verpflichten sich Aktivist*innen weltweit zur Kooperation – getragen vom Geist gegenseitiger Unterstützung, Reziprozität und gemeinsamer Verantwortung.
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taz
Sophie Fichtner spricht in der neuen Folge Reingehen mit Lilly Schröder über Magersucht und Solidarität mit dem eigenen Körper.
Übersetzung: Thomas Salter





















