Editorial der feministaz: Die Macht eines solidarischen Netzwerks | ABC-Z

E s liegt viel Macht im Wissen über Netzwerke. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Sieht Schwachstellen. Steht miteinander im Kontakt. Doch die Netzwerke, die uns am mächtigsten erscheinen, von denen wir tagtäglich auch in dieser Zeitung lesen, sind fast immer die von Männern. Von Milliardären und Techbros, die sich mit Machthabern und rechten Parteien verbünden, von Antifeministen, die im Netz den rechten Backlash vorantreiben.
Auf der politischen Bühne sind es US-Präsident Donald Trump, der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Russlands Präsident Wladimir Putin oder das iranische Mullah-Regime, die gesellschaftlichen Rückschritt im Eiltempo vorantreiben.
Es ist nicht das Geschlecht, was diese Männer so gefährlich macht. Es sind ihre patriarchalen Ideologien. Die Rechte von Frauen, trans, inter und nicht-binären Personen werden attackiert. Gleichzeitig streiten Männer sich, wer die größte Atombombe hat. Wer nur den Schlagzeilen folgt, den ergreift die Ohnmacht. Israel und die USA bombardieren Iran. Russland weiter die Ukraine. Menschen müssen fliehen, die Ölpreise steigen, die AfD profitiert.
Es ist die originäre Aufgabe einer Zeitung, den Mächtigen auf die Finger zu schauen, wenn die Regeln des Völkerrechts missachtet werden. Aber ebenso wichtig ist es, die Arbeit derer zu zeigen, die sich den antifeministischen Attacken mit Mut entgegenstellen. In Zeiten, in denen Kriege und Krisen wie eine unausweichliche Folge von Ereignissen erscheinen, gilt es umso mehr, dem etwas zu erwidern und jene Netzwerke zu stärken, die genauso weltumspannend und mächtig sein können. Nur wer vorlebt, wie es anders sein kann, macht Veränderung möglich.
In dieser Ausgabe wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die ihr Wissen, ihre Zeit, ihre Kraft für ein Leben einsetzen, das die Rechte aller achtet. Ihre Netzwerke liegen oft unter der Wahrnehmungsschwelle, aber sie sind da: in aktivistischen Arbeitsgruppen und in der Politik, auf dem Land und in der Stadt. Wir starten vor unserer eigenen Haustür und begeben uns auf die Suche. Wer lebt und kämpft solidarisch?
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Wir haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor Kurzem völlig fremd waren. Die Hebamme aus Somaliland, die kostenlos Schwangere und Babys auf dem Land versorgt. Die Politikerin aus Uruguay, die sich rechten Kräften entgegenstellt. Die Frau aus Kanada, die für die Zukunft der indigenen Bevölkerung kämpft. Der Zufall hat sie und uns zusammengebracht. Plötzlich wussten wir von ihrem Arbeitsstress, ihren Reisen und Kindern, dem schwierigen Haushalten mit der Zeit. Aber wir durften auch an ihren Erfolgen und Leidenschaften teilhaben.
Das Private ist politisch. Dieser feministische Slogan trägt noch immer. Denn das alltägliche Leben findet nicht losgelöst statt von den Krisen dieser Welt. Das, was wir hier „aktuelle Nachrichtenlage“ nennen, bricht brutal in das Leben der Menschen ein, mit denen wir seit Wochen im Kontakt stehen. Einen Tag nachdem das Interview mit einer Frau in Pakistan vereinbart ist, bombardiert Islamabad Kabul. „It is very tense“, schreibt sie uns. Die Lage ist sehr angespannt. Die Angst vor Terroranschlägen ist für sie keine Schlagzeile.
Solidarität in Kriegszeiten, ja, auch das ist möglich. Statt das Land zu verlassen, hat Nataliia Tetruieva, eine ukrainische Ärztin aus Kyjiw, bewusst entschieden in der Ukraine zu bleiben. Operieren unter Bombenalarm – für sie ist das Alltag im Ausnahmezustand. Der Termin mit dem Reporter findet trotzdem statt.
Es gibt auch Pfade, die wir nicht weiter verfolgen können. Frauen, die zunächst dabei sein wollten, steigen dann doch aus – aus Sorge, dass ihnen die Öffentlichkeit schadet. Nicht überall ist es möglich, unbefangen zu sprechen. Eine Italienerin auf dem Land, wo die Forza Italia den Ton angibt, scheut sich davor, mit Namen und Foto auffindbar zu sein. Sie wird auch noch vor Ort sein, wenn diese Zeitung längst in der Papiertonne gelandet ist.
Feministische Solidarität ist eine Superkraft. „Wenn eine Frau spricht, dann verändert das alles“, sagt Choolwe Nkwemu Jacobs aus Sambia in dieser Ausgabe. Es verändere die Frau selbst und es verändere die anderen.
Und feministische Solidarität ist auch eine Waffe, die allen und überall zur Verfügung steht. Sie lebt davon, nicht auf das Trennende zu schauen, sondern auf das Verbindende. Auch deshalb haben wir diese Sonderausgabe von frauentaz in feministaz umbenannt.
Ein Netzwerk ist so mächtig wie die Menschen, die sich daran beteiligen. Gerade in Krisenzeiten: Wo Unrecht zu Recht wird, wird Solidarität zur Pflicht.
Das Team der feministaz





















