Frühling genießen am Lago Maggiore | ABC-Z

Blau wie der See, feuerrot wie Abendwolken, weiß wie die Alpengipfel. Im Frühjahr blüht das Tessin auf. Doch Gemach! Wer zu früh auf den Sonnenbalkon der Schweiz kommt, den bestraft manchmal der Garten.
Im Botanikpark Gambarogno beruhigt Reto Eisenhut seine Gäste: Geduld, Geduld! Bald explodieren hier auf der weltweit größten Magnolienparzelle die prallen Knospen und 450 Magnoliensorten recken ihre Köpfe pink, rosa und strahlend weiß in den blauen Himmel, verspricht der Eigentümer des paradiesischen Gartens.
Die meisten floralen Bewohner in den prachtvollen Gärten des Kantons sind längst aus ihrem Winterschlaf erwacht. Nur Magnolien seien in diesem Jahr wegen des strengen Winters etwas zickig und lassen auf sich warten, bedauert Eisenhut. Auf der weitläufigen Hügelterrasse zwischen Vairano und Piazzogna geht der 56-Jährige in roter Outdoorjacke und mit blonder Wuschelfrisur voran durch „sii Paradies“. Der 20.000 Quadratmeter große lichte Dschungel mit 500 verschiedenen Pflanzenarten ist ein Gemälde aus Farben und jedes Jahr Sehnsuchtsziel für Touristen und Gartenfreunde. Betörende Düfte umschmeicheln herb oder zitronig die Nasen. Links und rechts, über und unterhalb der gewundenen Pfade vereinen sich Rhododendren, Azaleen, Pfingstrosen, Blauregen sowie Tausende Kamelien zu einem kunterbunten Kleinod. In der Tiefe des Gartens gurgeln Bäche und kleine Wasserfälle. Eidechsen huschen vorbei. Es surrt, zirpt und piepst. Genießer sitzen derweil still auf einer Bank, können sich am Rausch der Farben nicht sattsehen. Einer Gruppe Teenager reicht der Blick durchs Handyobjektiv.
Über das Farbenmeer des Gambarogno-Gartens wandert der Blick hinüber auf die andere Uferseite nach Ascona. Pastellfarbene Häuser leuchten in der goldenen Sonne. Auf dem blanken See spiegeln sich schneebedeckte Berggipfel. Ein Panorama, das schon Hermann Hesse von einem „Märchentessin“ schwärmen ließ. Als der von Schweizern „Kauz mit Strohhut“ genannte Schriftsteller 1907 das erste Mal am Ufer die untergehende Sonne sah, war Ascona ein unbedeutendes Fischerdorf, allerdings in exponierter Lage. Er war lediglich als der am tiefsten gelegene Ort der Schweiz bekannt.
Fast 120 Jahre später flanieren Touristen an eleganten Jetset-Villen vorbei, bestaunen prunkvolle Stuckarbeiten an der barocken Casa Serodine und sind sich einig: Im Tessin bedarf es für Dolce Vita nur bescheidener Zutaten. Gute Laune, Sonne, Seeblick. Und klar, als kulinarische Beigabe im Promenadencafé einen Cappuccino mit lokalem Marronikuchen. Aus einem Radio wehen Fetzen von Bobby Solos Evergreen „Buon Giorno Signorina / heut‘ ist so ein schöner Tag“ hinüber.
Sinn für schöne Dinge war jenseits von verzichtbarem Luxus auch, Künstlern, Utopisten, Esoterikern und Nackedeis auf dem nahegelegenen Monte Veritá nicht fremd. Dogmatische Lebensmodelle jener Hippies, die noch keine waren, erstickten aber allzu oft die erstrebte Leichtigkeit des Seins. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte ein Aussteigerpaar aus München den Mikrokosmos für ein klassenloses naturnahes Dasein gekauft. Als letztlich auf dem „Berg der Wahrheit“ gegensätzliche Lebensentwürfe keinen gemeinsamen Erkenntnis-Gipfel zuließen, löste sich die Kolonie nach dem Ersten Weltkrieg auf. Hermann Hesse hatte zu diesem Zeitpunkt bereits im 45 Kilometer nahen Montagnola die Casa Camuzzi bezogen. In seinem Erzähldrama „Klingsors letzter Sommer“ feiert der Freigeist das Streben nach neuem Denken, das Licht und die Farben im sonnigen Tessin.
Das spirituelle Konstrukt der Lebensreformer weckte später auch die Neugier prominenter Zeitgenossen. Richard Strauss, Paul Klee, Konrad Adenauer und August Bebel zählten zu den rund 30.000 Besuchern, die sich zwischen 1925 und 1958 eine Auszeit für innere Einkehr gönnten. Wo jetzt ein Hotel und Kulturzentrum den Berg dominieren meint eine betagte Dame, noch immer einen „Hauch von damals“ inmitten der erhaltenen Bauhaus-Architektur zu spüren. Den Vormittag hat die Signora im Berg-Museum Casa Anatta verbracht, war den Spuren der einstigen Träumer und Weltverbesserer gefolgt. Nun steigt sie auf 390 Stufen wieder hinunter zu Asconas Palmen gesäumter Uferpromenade.
Mit Bus und Schiff ist das benachbarte Locarno in gut 30 Minuten zu erreichen. Auf der Piazza Grande mit ihren Arkadenhäusern tauchen plötzlich ein Architekt und eine Stadtbedienstete auf. Gestenreich palavern die kostümierten Schauspieler über die Bestuhlung und Leinwandplatzierung auf der Piazza, die im August wieder Open-Air-Arena für das Locarner Filmfestival ist. Im Hinterhof einer Seitengasse überrascht das Ensemble die Zuschauergruppe abermals. Diesmal als Bäcker gekleidet, setzt das Duo Mythen über die Entstehung des traditionellen süßen Weihnachtsbrotes „Panettone“ im 15. Jahrhundert filmreif in Szene.
Im Hier und Jetzt startet am Stadtrand gerade die Standseilbahn nach Orselina. Kapellen, eine Kirche und ein Kloster thronen in 370 Meter Höhe majestätisch auf einem Felssporn. Wer dem Himmel noch näher sein möchte, fährt mit der Funicolare nach Cardada und mit dem antiken Sessellift weiter bis Cimetta. Zu Füßen der Berghöhen breitet sich der Lago Maggiore aus – azurblau wie ein Seidentuch.





















