Kommunalwahl in München: Wenn Münchner Omas fürs Klima auf die Straße gehen – München | ABC-Z

Die Slogans sind Tagesordnungspunkt eins an diesem Nachmittag. Bald ist Kommunalwahl, kurz davor werden die Omas auf die Straße gehen. Jetzt sitzen sieben von ihnen in einem kargen Raum und besprechen als Erstes, was sie auf ihre Demo-Schilder schreiben wollen: „Sei kein Fossil, die Zukunft ist erneuerbar.“ – „Frische Luft statt Feinstaub.“ – Und: „Pflanzen statt Blech.“ Hm, Monika Bunk hat einen besseren Spruch: „Bäume statt Blech!“ Schöne Alliteration, sie freut sich: „Den nehme ich!“
Die meisten der sieben Frauen sind Großmütter. Sie wollen etwas für Klimaschutz tun, sind nicht jung genug für Fridays for Future, deshalb nennen sie sich Omas for Future. Das ist eine von vielen Line Extensions der von Greta Thunberg gegründeten Bewegung. Es gibt Architects und Scientists for Future, die Parents und eben die Omas für die Zukunft, organisiert in Dutzenden Regionalgruppen in Deutschland. Die Münchner Großmütter treffen sich alle zwei Wochen nachmittags für zwei Stunden im Eine-Welt-Haus, besprechen vergangene Aktionen, planen neue.
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Zuerst also die am Sendlinger Tor, auf der Kreuzung. Kreuzung? Nein, Autofahrer müssen nichts befürchten, die Omas sind nicht ungehorsam, setzen keinen Sekundenkleber ein. Sie wollen, während die Autos rot haben, auf der Fußgängerfurt mit Schildern hin- und hergehen. Sie wollen fürs Klima sensibilisieren und fürs Wählen werben, allerdings ohne Empfehlung für eine bestimmte Partei. Der Stadtrat hat 2019 den Klimanotstand ausgerufen, München soll bis 2035 klimaneutral sein, und doch spielt das Klima im Wahlkampf keine Rolle. Die Omas versuchen, der Klimalethargie etwas entgegenzusetzen.
Weil sich die Slogan-Diskussion ein wenig zieht, wird eine der Frauen in der Runde ungeduldig: „Können wir mal weitermachen?“ Die Oma-Runde dieses Nachmittags erzeugt eine gediegene Retro-Atmosphäre. Kaum Technik, kein Powerpoint, nur das Notebook der Protokollführerin und die Mobiltelefone erinnern ans digitale Zeitalter. Die Aktionen der Omas sind weder spektakulär noch instagrammable, also besonders für Instagram geeignet. An diesem Nachmittag reden und diskutieren sie einfach, ein paar von ihnen mehr als andere, mal geht es durcheinander in den Themen, mal erinnert Angela Kraus an die Tagesordnung.
Seit 2022 sei sie in der Gruppe dabei, erzählt Kraus, 69, die früher eine Tierarztpraxis betrieb und selbst noch keine Oma ist. Irgendwann habe sie festgestellt, dass sie selbst viel zu wenig beitrage zum Klimaschutz. Schnell habe sie gemerkt, dass sie mit ihrem Anliegen nicht allein sei, dass es „viele tolle Menschen“ gebe, die den kommenden Generationen eine intakte Umwelt hinterlassen wollen.

Nächster Punkt auf der Tagesordnung: Artenschutz. Monika Bunk stellt eine Aktion der Initiative „Art against Ecocide“ vor, „Kunst gegen Ökozid“. Die Oma-Gruppen beteiligen sich, im Mai wollen sie vor dem Reichstag in Berlin einen Blütenteppich auslegen. Nicht gepflückt, sondern gehäkelt. Entsprechend nennt sich die Aktion „Häkeln gegen den Ökozid“, zwei der Münchner Omas wollen dafür nach Berlin reisen. „Ich kann gar nicht mehr aufhören“, sagt Bunk, so sehr Spaß mache ihr das Häkeln. 20 000 Woll-Blüten sollen, befestigt auf Stoffbahnen, der Politik vorgehalten werden. „Wir brauchen Mithäklerinnen“, sagt Kraus. Sie schlägt vor, im Freundinnenkreis Unterstützerinnen zu werben.
Monika Bunk sieht die Gefahr, dass sich die Gruppe verzettelt vor lauter Aktion. Sie schlägt vor, sich zunächst auf den Ampelprotest zu fokussieren und dann Blüten zu fabrizieren. Bunk, 65, fünf Enkel, hat als Lehrerin gearbeitet und erzählt, dass sie vor Jahren bei einem Klimastreik auf die Herzen der Omas aufmerksam geworden sei, das Logo der Gruppe. Ihre Motivation beschreibt sie so: „Ich habe so viel Glück im Leben, so viel Sonnenseite“, da wolle sie etwas zurückgeben.
Auf den Tischen im Eine-Welt-Haus liegt ein Stapel Vorlesebücher, jemand hat sie für alle bestellt. „Oma, erzähl mir von der Zukunft“, heißt der Titel. Zukunfts-Omas aus ganz Deutschland haben die Geschichte über Lilly, ihre Ferien bei der Oma und Flori, den sprechenden Regenwurm geschrieben; ein Mitglied der Münchner Gruppe hat lektoriert.

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Nächstes Thema: Wärmewende. Sperrig, aber zentral für Klimaschutz. München muss die Wärmeversorgung auf fossilfreie Quellen umstellen, den Wärmeplan hat der Stadtrat vor fast zwei Jahren beschlossen. Bloß, wie genau geht das alles vonstatten? „Große Ratlosigkeit“ nehme sie in Gesprächen mit Münchnern wahr, sagt Kraus. Die Wärmewende werde nicht funktionieren, wenn den Plan so wenige Menschen kennen. Bunk sagt: „Das wird ein Riesenproblem werden.“ Kraus hat zusammen mit Greenpeace und dem Netzwerk Saubere Energie einen Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschrieben, in dem sie um mehr und verständlichere Bürger-Information zur Wärmewende bitten. Bisher sei alles zu kompliziert, sagt Bunk: „Ich will doch keinen Doktor machen.“
Und weil auch Bäume maßgeblich sind fürs Klima, weil jeder Baum den Sommer angenehmer macht, hat ein Gruppenmitglied einen Musterbrief verfasst an den OB: Er müsse mehr gegen die Überhitzung Münchens tun. Für Senioren sei der Aufenthalt an heißen Tagen in der Innenstadt gesundheitlich riskant. „Wir älteren Münchner Bürger spüren bisher nicht oder zu wenig, dass die Stadt eine klimaresiliente Stadtstruktur in der Innenstadt anstrebt.“
Einige Tage vergehen, dann versammeln sich die Zukunfts-Omas am Sendlinger Tor. Zehn Frauen sind gekommen, im Pulk pendeln sie auf der Fußgängerfurt hin und her. Jede hat etwas in der Hand, ein Schild oder ein Transparent. Der „schlimmste Platz“ für Fußgänger sei diese Kreuzung, sagt Angela Kraus tags darauf: Verkehr, Lärm, Stress. Im Pulk laufen sie den Autos vor der Nase vorbei, genau dort, wo der Boulevard Sonnenstraße beginnen könnte. So nennt sich die Vision, die Straße zwischen Sendlinger Tor und Stachus zur Flaniermeile zu machen. Seit Jahren geistert die Idee durch Stadtrat und Verwaltung, auf einem der Oma-Schilder steht: „Stimmen Sie für einen Boulevard Sonnenstraße.“





















