Sieben Bücher, um Iran besser zu verstehen – Kultur | ABC-Z

Nila: Auf den Straßen Teherans
Wer dieses Buch gelesen hat, war von den nächtlichen Szenen aus iranischen Städten, die am Sonntag kursierten, zumindest nicht überrascht: die Nacht und der Straßenfest-Charakter gehörten bereits bei der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung die ganze Zeit dazu. „Auf den Straßen Teherans“ ist ein Blick ins Innere der Bewegung, unter dem Pseudonym Nila erst vor wenigen Wochen auf Deutsch veröffentlicht. Sie hat es aufgeschrieben wie eine poetische Zeugenaussage, damit irgendwo einmal festgehalten wird, was Leute wie bereit sind, für die Freiheit zu riskieren. Für die jungen Demonstranten verschmelzen seit Jahren der Lebenshunger und der Todesmut der Verzweiflung. Alle wissen, was ihnen blüht, wenn sie verhaftet werden. Auch vor den Massakern vom Januar war das Engagement in der Bewegung, die Teilnahme an Protestaktionen, lebensgefährlich. Ein Grundthema des Buches ist eine aufständische Tradition, und sie beschwört die Verbundenheit mit westlichem Liberalismus: Das Patriarchat sei mit den „aufgezwungenen Religion eng verwoben. Doch seine Wurzeln umspannen die ganze Welt und verlaufen tief. Unsere Kämpfe sind also mit jenen von Frauen und queeren Menschen weltweit verbunden.“ Susan Vahabzadeh
Arash Azizi: The Shadow Commander

Er war der vielleicht beste Soldat, den das iranische Regime je hatte. Quassim Soleimani befehligte die Kuds-Einheit, die Auslandsabteilung der Revolutionsgarde. Er galt als der Architekt des iranischen Einflusses fast überall in der Region, von Gaza bis Beirut, von Damaskus bis nach Sanaa. Ein CIA-Mann im Irak hat ihn 2013 als den „einflussreichsten Offizier im Nahen Osten“ bezeichnet. Ohne Soleimani hätte die Islamische Republik nur davon träumen können, eine nahöstliche Hegemonialmacht zu werden. Davon erzählt dieses Buch: von Soleimani und seinem Aufstieg und davon, wie das Regime in Teheran funktioniert – oder lange Zeit funktioniert hat. Es waren die Jahre, als Ali Chamenei und die Revolutionsgarde auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren. In manchen Ländern, etwa in Libanon, Irak und Syrien, agierten die Iraner fast wie Kolonialherren. Auch heute ist das spannend zu lesen, weil die Hybris von damals die Krise von heute vorgezeichnet hat. Letztlich war der 7. Oktober 2023 nur dank der iranischen Hilfe für die Hamas denkbar, dank Soleimanis Lebenswerk also. Und es war derselbe Tag, an dem der Niedergang des Regimes begann. Raphael Geiger
Salman Rushdie: Joseph Anton

Als Iran am Valentinstag 1989 ein Todesurteil über den britischen Schriftsteller Salman Rushdie verhängte und alle Muslime der Welt aufrief, es zu vollstrecken, war das Regime von Teheran keineswegs isoliert. Es war auch danach nicht so, dass die ganze freie Welt, nicht einmal die westlichen Intellektuellen, sich darum drängelten, dem bedrohten Autor zu helfen. In seinem 2012 erschienenen Erinnerungsbuch „Joseph Anton“ schildert Rushdie präzise, wie wirtschaftliche Interessen, ein falsch verstandener moralischer Relativismus und schlichte Feigheit damals zusammenwirken, um Iran auch in dieser Lage zu schonen. Dänemark etwa exportierte damals viel Käse nach Iran. Rushdie bilanziert: „Die Dänen hatten die Wahl zwischen ihren Werten und Käse. Sie wählten den Käse.“ Der damalige deutsche Außenminister Klaus Kinkel gehörte leider auch zu den Abwieglern. Viele geben auch Rushdie selbst die Schuld an seiner Lage. In dem Buch geht es aber auch viel um die privaten Umwälzungen, die mit dem Todesurteil verbunden sind. Sein Leben, schreibt Rushdie, sei damals in das „gleißende Licht einer klaren moralischen Frage“ getaucht worden. Rushdie vergleicht die Fatwa mit einem starken Lichtstrahl, „der jedermanns Entscheidungen und Taten scharf hervorhob und so eine Welt ohne Schatten schuf, einen absolut unzweideutigen Ort“. Nils Minkmar
Ayatollah Khomeini: Meine Worte – Weisheiten, Warnungen, Weisungen

Für den Fall des Falles: „Man sollte besser nicht stehend urinieren oder auf die harte Erde oder in das Nest eines Tieres oder ins Wasser, vor allem nicht in stehendes Wasser.“ Empfohlen hingegen: „vor den Gebeten urinieren, vor dem Schlafengehen, vor dem Koitus“ – und „nach der Ejakulation“. Und beim Stuhlgang, bitte sehr, ist „es nicht nötig, den Anus mit drei Steinen oder drei Stücken Stoff zu säubern, ein einziger Stein oder ein einziges Stück Stoff genügen; aber wenn man ihn mit einem Knochen säubert oder mit heiligen Dingen, zum Beispiel mit einem Papier, auf dem der Name Gottes steht, kann man in diesem Zustand nicht seine Gebete sprechen“. 1980, direkt nach dem Sturz des Schahs, wurde in Deutschland, als „Playboy Report“, eine Sammlung der Weisheiten und Prinzipien des Revolutionsführers und „geistlichen Oberhaupts“ veröffentlicht, die westlichen Lesern kurios explizit bis furchterregend doktrinär erscheinen. Die „göttlichen Gesetze, die das tägliche Leben regieren“ sind den drei Khomeini-Werken „Das Königreich der Gelehrsamkeit“, „Der Schlüssel der Geheimnisse“ und „Die Erklärung der Probleme“ entnommen und lassen erstaunlich wenige Themen aus, von Geld und Steuern über Hochzeit und Ehebruch bis zur „Art zu urinieren und Kot zu entleeren“ und Analsex. Die Herausgeber wollten seinerzeit sichtlich populär-reißerisch darüber aufklären, mit was für einem Regime man es in Iran fortan zu tun habe. Einordnende Informationen darüber, dass es im Islam etwa einen anderen, wesentlich unbefangeneren Umgang mit körperlichen Fragen aller Art gibt, fehlen entsprechend. Dass es der neue Führer jedoch offenbar für nötig hielt, seine Vorstellungen zur gottgefälligen Lebensführung so detailliert aufzuschreiben, erzählt andererseits bis heute eine ganze Menge über die Natur des Mullah-Regimes. Jens-Christian Rabe
Frank Bösch: Zeitenwende 1979

Was in Iran geschieht, so lautet eine zwingende Aussage in diesen ersten Kriegstagen, hat Auswirkungen auf die ganze Region, auf die ganze Welt, auch auf Deutschland. Nun, wer das Buch „Zeitenwende 1979“ des Potsdamer Historikers Frank Bösch gelesen hat, weiß: Das war schon damals so, im Februar 1979, als Ayatollah Khomeini begleitet von einem Korps internationaler Journalisten aus dem Paris Exil triumphal zurückkehrte. Ein Medien-Star, samtzüngig noch, gefeiert von den freiheitsliebenden Iranern, die auf vieles hofften, aber oft gerade nicht auf eine neue, religiöse Diktatur, zudem krass unterschätzt in Europa. Frankreichs Präsident Giscard d’Estaing war die Herrschaft des Ayatollahs allemal lieber als die der Kommunisten. Und Bundeskanzler Helmut Schmidt beschied in einer epochalen Fehleinschätzung: „Die Ayatollahs können das Land auf Dauer nicht regieren.“ Aber sie konnten und sie taten es, mehr noch: Bösch skizziert, wie die iranische Revolution den politischen Islam von einer regionalen Strömung zu einer neuen global wirkmächtigen Ideologie machte. Zwar erfasste diese schiitische Version des islamischen Fundamentalismus nicht die gesamte, mehrheitlich sunnitische Gemeinschaft der Muslime. Aber für ein Netzwerk von Milizen und Allianzen, die oft beschworene „Achse des Widerstandes“ vom Irak bis Libanon, langte es eben doch, auch wenn gerade nicht klar ist, wie viel davon nach diesem Krieg noch übrig bleibt. Die Konfrontation zwischen „dem Islam“ und „dem Westen“ hingegen, auch sie ein Effekt der islamischen Revolution von 1979, dürfte das Ende der Mullah-Herrschaft leider überleben. Sonja Zekri
Amir Hassan Cheheltan: Der standhafte Papagei

Amir Hassan Cheheltan hat vor langer Zeit mit dem Exil experimentiert, aber er braucht, sagt der Schriftsteller, seine Heimat zum Schreiben. Er setzt also in Teheran, von der heimischen Zensur unbeeindruckt, Roman um Roman eine persische Geschichtsschreibung zusammen. Seine Bücher stecken voller recherchierter und erlebter Details. „Der standhafte Papagei“ erzählt von der Revolution 1979, davon, wie sich Menschen radikalisierten, die gerade eben noch gar nicht über Politik nachgedacht hatten. Wie sich die Linksliberalen und Intellektuellen mit den islamischen Fundamentalisten verbünden und dann dazulernen, dass es eben nicht nur darum geht, eine Republik zu erkämpfen, sondern schon auch darum, was für eine es am Ende ist. Es reicht nicht zu träumen – zur Verwirklichung der Träume braucht man auch einen Plan. „Der standhafte Papagei“ handelt von Aufbruchstimmung und Solidarität, aber auch von Konfusion und Naivität. Im Buch hat ein solcher Vogel tatsächlich eine tragende Rolle: „Lang lebe der Schah!“, ruft er, aber deswegen ist er noch lange kein Monarchist. Das hat er halt so gelernt, ohne zu verstehen, was der Satz bedeutet. Susan Vahabzadeh
Ramita Navai: Stadt der Lügen: Liebe, Sex und Tod in Teheran

Ramita Navai ist 1971 geboren und floh als Achtjährige mit ihren Eltern vor der islamischen Revolution. Mehr als 30 Jahre später wurde sie Korrespondentin der britischen Tageszeitung The Times und kehrte zurück nach Teheran. Aus den Interviews und Alltagsbegegnungen dieser Zeit entstand 2014 ein Buch, das nicht das Mullah-Regime erklären möchte und nicht die Anhänger des Schahs zu analysieren versucht. Es erzählt nur indirekt von Politik, von der Art, wie Menschen mit der politischen Repression bis im Intimsten zu tun haben. „Wenn man in Teheran leben will, muss man lügen. Das hat nichts mit Moral zu tun“, schreibt Ramita Navai. Man lüge, um zu überleben. In ihren Geschichten macht sie die Zwölf-Millionen-Stadt spürbar, „alte Stadtviertel werden brutal von Autobahnkreuzen durchschnitten“. Drogensüchtige, junge Frauen und deren Nasen-OPs und am Ende doch nicht so streng religiöse Fundamentalisten sind Navais Hauptdarsteller. Es ist ein Buch, das den Blick für eine Lebenswelt öffnet, die in Nachrichtenbildern nicht begreiflich werden kann. Aurelie von Blazekovic





















