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Tim Schulz: Neonazi-Videos aus Budapest stürzen AfD-Jugend-Funktionär in Bayern | ABC-Z

Budapest, ein Abend im März 2025. In einer Gasse der ungarischen Hauptstadt – einem Treffpunkt der rechtsextremen Szene, den ein Aussteiger als “Untergrundwelt” beschreibt – dreht eine Gruppe junger Männer ein Video. Einer von ihnen, blond, braunes Shirt und braune Hose, läuft auf orthodoxe Juden zu. Er spricht mit Blick auf sie vom “Teufel”. Im Hintergrund ist zu hören: “Diese Dreckigen.”

Der Mann ist ausweislich des der AZ vorliegenden Materials Lois Wagner, Aushängeschild der Jungen Nationalisten, kurz JN. Sie sind die Jugendorganisation der Partei Die Heimat (vormals NPD), die das Bundesverfassungsgericht als demokratiefeindlich eingestuft hat. Wagner beschreibt sich auf der Plattform X selbst als “Nationalsozialist aus Deutschland”.

Direkt neben ihm, auf weiteren Aufnahmen desselben Abends erkennbar: Tim Schulz, damals 23, aus Hohenbrunn südlich von München – ein junger Funktionär der AfD, der bald einen Karrieresprung in der Partei machen wird: als Mitarbeiter eines bayerischen Landtagsabgeordneten und im Vorstand der AfD-Jugend.

Der AZ wurden Videos aus Budapest zugespielt

Es ist die Geschichte eines Aufstiegs, der offenbar erst durch die Recherche der AZ ein Ende findet. Im Februar 2025 schrieb Schulz noch auf X: “Wir müssen die neue Jugendorganisation der AfD Schritt für Schritt unterwandern und radikalisieren.” Einen Monat später war er schließlich in Budapest.

Mehr als 15 Einzelvideos mit zugehörigen Metadaten hat die AZ ausgewertet, diesen zufolge gedreht am 19. März 2025 – zum Teil nahe dem ungarischen Parlamentsgebäude. Schulz sagt auf einer Aufnahme: “Wir können das so inszenieren, dass ich einfach zufällig hier stehe.” Im Hintergrund wird gelacht: “Oh nein, zufällig Lois Wagner in Budapest getroffen.” Schulz ergänzt: “Und ich habe es vorher auch noch angekündigt.”

Das Zusammentreffen in Budapest: Tim Schulz spricht mit dem Aushängeschild der Jungen Nationalisten, Lois Wagner.
© Screenshot Material Budapest
Das Zusammentreffen in Budapest: Tim Schulz spricht mit dem Aushängeschild der Jungen Nationalisten, Lois Wagner.

von Screenshot Material Budapest

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Neben Wagner ist Sanny Kujath dabei. Er stand in der Vergangenheit dem neonazistischen Dritten Weg nahe und wurde ausweislich einer der AZ vorliegenden Veranstaltungsankündigung noch 2019 als Redner angekündigt. Laut Recherchen des NDR-Formats “STRG_F” soll er ein rechtsextremes Netzwerk mitaufgebaut haben, an dem auch ein Anführer der 2020 verbotenen Vereinigung “Nordadler” beteiligt gewesen sein soll.

Insider spricht von “Judenjagd”

Das Videomaterial zeigt den Abend der jungen Rechtsextremisten. Auf einer weiteren Aufnahme reißt ein Beteiligter hebräische Sticker von einer Straßenlaterne. Auf anderen Clips raucht Schulz Zigarre, einer macht Liegestützen, sie essen gemeinsam, filmen sich gegenseitig. Der Szeneaussteiger, der an die AZ den Großteil des Materials zugespielt hat, nennt das, was in Budapest geschah, eine “Judenjagd”.

Sein Name ist Erik Ahrens. Er war in Budapest selbst dabei, als Mann hinter der Kamera, und gehörte einst zum engsten Kreis von Digitalstrategen im Umfeld der AfD und der rechtsextremen Szene. Er bezeichnet sich als “Ex-Neonazi” und hat Deutschland verlassen. Seit Monaten bringt er Vorgänge rund um die AfD ans Licht – und ist der Szene ein Dorn im Auge.

In einem Austausch mit der AZ sagt er: “Meine Mission ist es, Menschen zu zeigen, wer sich in diese rechte Unterwelt begibt, wird den Ausgang möglicherweise nicht mehr finden.”

Weiteres Material aus Österreich

Zwei Monate nach Budapest, am 11. und 12. Mai 2025, zeigt weiteres der AZ vorliegendes Material Schulz unter anderem in einem Casino in Kärnten – erneut mit Kujath. Eine Person setzt am Roulettetisch Geld auf die Zahl 18 und sagt: “Ich schwör‘ auf 18 gleich – für Adolf Hitler.” Die Anwesenden lachen.

Schulz ist auf dieser Aufnahme nicht erkennbar – jedoch zeigen weitere Sequenzen, dass er mit der Gruppe vor Ort war: Er ist im selben Raum zu sehen. In der Nacht trinkt er neben ihnen einen Aperitif auf einem Sofa.

Vorstand aus der AfD-Jugend stellt sich Gespräch

Schulz hatte sich einem Gespräch nicht verschlossen und traf die AZ in Siegertsbrunn südlich von München zu einem mehr als zweistündigen Gespräch. Sein Vater Jimmy war FDP-Bundestagsabgeordneter und Netzpolitiker, der digitale Bürgerrechte verteidigte. Im November 2019 starb er an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Der Vorstand von Generation Deutschland in Bayern, der AfD-Jugendorganisation. Tim Schulz steht mittig, rechts neben dem Landtagsabgeordneten Franz Schmid.
Der Vorstand von Generation Deutschland in Bayern, der AfD-Jugendorganisation. Tim Schulz steht mittig, rechts neben dem Landtagsabgeordneten Franz Schmid.
© Screenshot Instagram
Der Vorstand von Generation Deutschland in Bayern, der AfD-Jugendorganisation. Tim Schulz steht mittig, rechts neben dem Landtagsabgeordneten Franz Schmid.

von Screenshot Instagram

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Etwas vom Digitalen, sagt Schulz, sei bei ihm geblieben. Doch Mitte 2020 trat er aus der Partei seines Vaters aus – ein “schleichender Prozess”, wie er im Gespräch sagt. Über eine “Corona-Demonstration” und Kontakt zum islamfeindlichen Aktivisten Michael Stürzenberger sei er mit der AfD in Berührung gekommen. 2023 trat er eigener Angabe zufolge ein.

Ein Aufstieg über die Parteistrukturen

Was folgte, war ein Aufstieg durch die Strukturen der Partei. 2024 berichteten bayerische Medien über seine Kontakte ins rechtsextreme Milieu. Schulz wechselte in den Kreisverband München-Ost, unter dem vom Verfassungsschutz beobachteten AfD-Landtagsabgeordneten Rene Dierkes – und wurde im Dezember 2025 unter dem Vorsitz des ebenfalls beobachteten Abgeordneten Franz Schmid in den Landesvorstand der Generation Deutschland (GD) gewählt.

Die GD war als Nachfolge der aufgelösten Jungen Alternative (JA) gegründet worden, die der Verfassungsschutz zuvor als gesichert rechtsextremistisch eingestuft hatte.

Der Landtagsabgeordnete und GD-Chef Franz Schmid distanziert sich einer Stellungnahme von Antisemitismus.
Der Landtagsabgeordnete und GD-Chef Franz Schmid distanziert sich einer Stellungnahme von Antisemitismus.
© Frank Hoermann/Sven Simon/imago
Der Landtagsabgeordnete und GD-Chef Franz Schmid distanziert sich einer Stellungnahme von Antisemitismus.

von Frank Hoermann/Sven Simon/imago

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Der AZ vorliegende Bilder zeigen Schulz mit Maximilian Krah, dem früheren AfD-Spitzenkandidaten für die Europawahl, den er 2024 in Holzkirchen in einem Cabrio im Wahlkampf traf. Sie zeigen ihn neben Björn Höcke und wiederholt mit dem AfD-Landtagsabgeordneten Benjamin Nolte: im Landtag, bei Veranstaltungen in Weilheim, bei der Weihnachtsfeier der AfD-Fraktion, wo Schulz einen Platz mit Namensschild hatte.

Rücktritt nach AZ-Recherche

Dass Schulz als Mitarbeiter für Nolte arbeiten soll, heißt es aus dem AfD-Umfeld. Nolte teilt der AZ mit: “Meine Mitarbeiter leisten allesamt hervorragende Arbeit. Wie sie ihre Freizeit gestalten, darauf habe ich keinen Einfluss.” Ob Schulz tatsächlich für ihn arbeitet, lässt er unkommentiert. Auch Schulz will sich dazu nicht äußern.

Nachdem die AZ den GD- und den AfD-Landesvorstand mit einem umfangreichen Fragenkatalog konfrontiert hatte – Querverbindungen zu bekennenden Neonazis, rassistische und antisemitische Beiträge, NS-Symbolik –, reagierte die Gruppierung. GD-Chef und Abgeordneter Schmid distanziert sich in seiner Stellungnahme “aufs Schärfste” von jeglichem Antisemitismus:

“Der Landesvorstand hat Tim Schulz aufgrund der im Raum stehenden Vorwürfe dazu aufgefordert, sein Amt niederzulegen. Dieser Aufforderung ist er nachgekommen.” Über die Begleiter in Budapest schreibt er: “Es ist dumm, sich in die Nähe solcher Provokateure zu begeben.”

Auch der AfD-Landesvorstand Stephan Protschka schaltet sich in die Debatte ein.
Auch der AfD-Landesvorstand Stephan Protschka schaltet sich in die Debatte ein.
© dts Nachrichtenagentur/imago
Auch der AfD-Landesvorstand Stephan Protschka schaltet sich in die Debatte ein.

von dts Nachrichtenagentur/imago

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Bayerns AfD-Landesvorsitzender Stephan Protschka teilt der AZ wiederum mit, man habe “erst durch Ihre eingehende Recherche von den spezifischen Vorwürfen erfahren”. Ein Parteiausschlussverfahren schließt er nicht aus.

Zahlreiche Posts zeigen Schulz’ Gesinnung

Es ist erstaunlich, dass die AfD nicht schon früher hellhörig wurde: Auf X schrieb ein Nutzer unter einen Post über Holocaust-Überlebende, darunter Margot Friedländer: “Faschisten hören niemals auf Faschisten zu sein.” Schulz klinkt sich laut einem der AZ vorliegenden Beitrag ein: “Wir haben auch nicht vor damit aufzuhören.”

Eine andere Person kommentierte sein Wahl-O-Mat-Ergebnis: Bei einem “strammen Anhänger” hätte er 88 Prozent erwartet – “88” steht als Zahlensymbol für “Heil Hitler”. Schulz antwortet: “Ich arbeite daran.”

Auf das Bild einer Familie – weißer Mann, schwarze Frau – schrieb er ausweislich eines X-Posts vom 14. Juli 2025: “Vermischung ist halt auch einfach scheiße.” Und auf die Frage eines Nutzers, ob er in seine Nachbarschaft ziehen könne: “Wenn du weiß bist, gerne.”

Er will zahlreiche Beiträge nicht kommentieren

Konfrontiert mit diesen Beiträgen, reagiert Schulz ausweichend. X sei eine “unseriöse Quelle”. Als die AZ darauf hinweist, dass die Beiträge von ihm selbst stammen, fasst er sich an die Brust, meint, er sei krank. “Wollt ihr mein Leben ruinieren?”, fragt er. Schulz ist wichtig, dass er nicht in den Zusammenhang mit Gewalt gestellt wird – hierfür gibt es auch keine Belege.

In dieser Ästhetik posiert Tim Schulz um Berchtesgaden.
In dieser Ästhetik posiert Tim Schulz um Berchtesgaden.
© Screenshot Instagram/Tim Schulz
In dieser Ästhetik posiert Tim Schulz um Berchtesgaden.

von Screenshot Instagram/Tim Schulz

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Es geht allerdings um die Lebensrune auf seinem Oberarm – ein Symbol, das im Nationalsozialismus von der SS verwendet wurde und heute in rechtsextremen Kreisen verbreitet ist. Schulz räumt die Tätowierung ein: “Das hat keinen NS-Bezug”, er interessiere sich für “germanische Mythologie”. Was die Rune seiner Aussage nach bedeute, kann er nicht benennen. Und dass er im Jahr 2022 ein Tiktok-Video veröffentlicht hat, in dem Lebensrunen-Plätzchen gebacken wurden, sei ihm nicht geläufig.

Aufnahmen zeigen ihn außerdem beim Krafttraining, untermalt mit einem Song der Neonazi-Band Landser, deren Mitglieder als kriminelle Vereinigung verurteilt wurden. Im AZ-Gespräch kommentierte er die Szene nicht.

Teilnehmer bestätigt Aufeinandertreffen in Ungarn

Zu Budapest bestreitet Schulz zunächst, mit Wagner dort gewesen zu sein. Konfrontiert mit dem Material sagt er: “Ich wurde unbemerkt gefilmt.” Die Aufnahmen dokumentieren das Gegenteil: Er wirkte ihnen zufolge an der Inszenierung mit. Dann sagt er: “Ich finde das Video, wo Lois Wagner den Rabbis hinterhergelaufen ist, ganz schlimm.”

Kujath bestätigt die beiden Treffen, bestreitet jedoch ein besonderes Näheverhältnis. Doch der AZ liegen Chatverläufe vor, in denen er davon schreibt, Kontakt zum “Bundesführer” der JN zu haben. Der bekennende Nationalsozialist Wagner reagiert auf die AZ-Konfrontation über Telegram lediglich mit einem Katzen-Sticker – und antwortet nicht mehr.

Enge Verbindungen zur Identitären Bewegung

Schulz’ Vernetzung reicht weit: von Budapest über Kärnten bis in die Berchtesgadener Alpen. Sie führt in Burschenschaften in München und Salzburg. Insbesondere seine Verbindungen zur rassistischen Identitären Bewegung (IB), die auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD steht, sind vielfach dokumentiert. Auf Bildern trägt er Shirts mit IB-Aufschrift. Warum er sie trage, wenn er kein Mitglied sei?

“Die kann man ja auch so kaufen”, sagt er. Ein Post der bayerischen IB-Gruppe “Lederhosenrevolte” vom September 2024 zeigt ihn allerdings in den Berchtesgadener Alpen mit der sogenannten White-Power-Geste neben führenden IB-Akteuren. Schulz posiert dort auf weiteren Fotos in einer Ästhetik, die an historische Darstellungen erinnert.

IB-“Bundessprecher” Maximilian Märkl sagt der AZ: “Tim Schulz war zu keiner Zeit Aktivist der Identitären Bewegung. Die Vorwürfe, die ihm gegenüber im Raum stehen, können und wollen wir deswegen nicht bewerten.”

Vortrag bei Münchner Burschenschaft

Im Januar 2026 besuchte Schulz ausweislich eines Posts einen Vortrag in der Münchner Burschenschaft Danubia – von der Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus als Szenetreffpunkt von Rechtsextremisten eingestuft.

Referentin war Mathilda Huß, die das Gästehaus “Landhaus Adlon” führt, in dem im November 2023 das bekannt gewordene Potsdamer Treffen stattfand. Huß referierte einer Folie zufolge zur “hereditären Wende” einem Konzept, das politische Fragen mit genetischer Vererbung verknüpft. Schulz will sich nicht dazu äußern.

Der Aussteiger Ahrens erklärt, warum Personen wie Schulz in der AfD trotzdem aufsteigen können: “Da heißt es: Lösch’ einfach deine alten Bilder und Beiträge”, so der frühere Digitalstratege. Schmid teilt der AZ mit, sein Vorstand prüfe “nicht im Vorfeld Äußerungen der privaten Social-Media-Accounts” von Mitgliedern.

Zentralrat der Juden schaltet sich ein

Cemal Bozoglu, Rechtsextremismus-Experte der Grünen-Landtagsfraktion, sagt der AZ: “Die AfD tritt immer offener rechtsextremistisch auf.” Die Frage sei nicht, was die AfD nach der Veröffentlichung mache, sondern: “Wie reagieren unsere demokratischen Institutionen darauf?”

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Josef Schuster.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Josef Schuster.
© imago
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: Josef Schuster.

von imago

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Für den SPD-Abgeordneten Florian von Brunn ist es ein klarer Fall: “Wer so handelt, ist ein lupenreiner Rassist und Nazi. Aber die AfD hat damit offensichtlich kein Problem”, sagt er der AZ. Die Geschichte habe gezeigt, “den Feinden und Totengräbern der Demokratie” müsse man das “Handwerk legen”.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden sagt der AZ: “Diese Vorgänge zeigen wieder einmal deutlich, wes Geistes Kind viele Funktionäre der sogenannten Alternative für Deutschland sind.”

Politiker fordern Konsequenzen – Schulz hat bereits seine eigenen gezogen. Beim Treffen mit der AZ in Siegertsbrunn sagt er auf dem Weg zum Auto, er könne sich vorstellen, aufgrund seiner Aktivitäten vom Verfassungsschutz überwacht zu werden. Mittlerweile hat er sein Amt niedergelegt und all seine Beiträge gelöscht.

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