Straße nicht zugreifbar? Warum die Krötenwanderung so wichtig ist | ABC-Z

Krötenwanderung läuft
Auf den Straßen in Baden-Württemberg hat die alljährliche Amphibienwanderung begonnen. Zehntausende Tiere machen sich derzeit auf den Weg zu ihren Laichgewässern. Ehrenamtliche Helfer sichern mit Eimern und Schutzzäunen viele Tiere vor dem Tod im Straßenverkehr.
Doch die sogenannte Krötenhilfe hat zunehmend weniger zu tun. Der Grund: Die Bestände von Fröschen, Kröten und Molchen im Südwesten gehen seit Jahren deutlich zurück.
Mehr als die Hälfte der Arten auf der Roten Liste
Von den 21 in Deutschland heimischen Amphibienarten kommen 19 in Baden-Württemberg vor, darunter Feuersalamander, Bergmolch, Teichmolch und Springfrosch. Elf dieser Arten gelten als gefährdet, einige stehen sogar kurz vor dem Aussterben.
Mehr als die Hälfte aller heimischen Amphibien- und Reptilienarten des Landes ist inzwischen auf der Roten Liste verzeichnet. Fachleute sprechen weiterhin von einer besorgniserregenden Lage und fordern ein engmaschiges Netz geeigneter Biotope, um die Populationen langfristig zu stabilisieren.
Besonders bedrohte Arten im Südwesten
Als akut vom Aussterben bedroht gelten die Geburtshelferkröte, die Knoblauchkröte und der Moorfrosch. Stark gefährdet sind zudem Arten wie Kammmolch und Laubfrosch.
Für die Gelbbauchunke sieht der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) eine besondere Verantwortung des Landes: „Diese Art hat ihren Verbreitungsschwerpunkt im Südwesten“, teilte der Verband mit.
Lebensraumverlust, Pestizide und Klimawandel
Hauptursache für den Bestandsrückgang ist der Verlust geeigneter Lebensräume. Straßen zerschneiden Wanderkorridore, Feuchtgebiete werden trockengelegt, Landschaften intensiv genutzt. Hinzu kommt eine Landwirtschaft mit hohem Einsatz von Dünger und Pestiziden, die Gewässer belastet und Böden austrocknet.
Zusätzlichen Druck erzeugt der Klimawandel: Flachgewässer fallen häufiger trocken, zugleich nehmen Pilz- und Hautkrankheiten zu.
Amphibien als Verlierer des Klimawandels
Der baden-württembergische Amphibienexperte Hubert Laufer bezeichnet Frösche, Kröten und Salamander als große Verlierer der Erderwärmung. Steigende Temperaturen, Krankheiten und das Insektensterben erschweren ihr Überleben.
Da Amphibien zur Fortpflanzung zwingend auf Gewässer angewiesen sind, wirken sich trockene und ungewöhnlich warme Sommer besonders stark aus. Die Tiere legen ihre Eier in Tümpel und Pfützen. Trocknen diese aus, fehlen Brutplätze. Kaulquappen schaffen es dann oft nicht rechtzeitig zur Metamorphose und sterben in großer Zahl.
Leichte Entspannung durch mehr Regen und Biber
In diesem Jahr scheint sich der zuvor dramatische Rückgang zumindest zu stabilisieren, sagt Laufer. Teilweise entwickeln sich Populationen sogar wieder positiver. Grund seien zuletzt niederschlagsreichere Phasen ohne extreme Trockenperioden.
Auch die Ausbreitung des Bibers wirkt sich günstig aus. Wo er Gewässer aufstaut, entstehen neue Lebensräume. In Radolfzell etwa habe sich durch seine Rückkehr die Zahl der wandernden Amphibien vervierfacht.
Warum die Krötenwanderung so wichtig ist
Die jährliche Wanderung zu den Laichgewässern ist für das Überleben der Arten zentral. Amphibien kehren an ihre Geburtsorte zurück, um dort ihre Eier abzulegen. Ohne Schutzmaßnahmen würden viele Tiere im Straßenverkehr sterben – mit gravierenden Folgen für ganze Populationen.
Als sogenannte Schlüsselarten stabilisieren sie Ökosysteme: Sie regulieren Insektenbestände, dienen anderen Tieren als Nahrung und transportieren Nährstoffe. Gleichzeitig sensibilisiert die Wanderung viele Ehrenamtliche für den Artenschutz.
Erste Zahlen zur Wanderung 2026
Seit knapp drei Wochen sind die Tiere unterwegs, zuletzt deutlich verstärkt durch warme Nächte und Regen. Die Hauptwanderphase wird in den kommenden Wochen erwartet.
Bislang wurden rund 20.000 Amphibien gezählt – sie wurden von Helfern eingesammelt oder nutzten Querungshilfen wie Tunnel. Nach Einschätzung Lauffers ist das aufgrund des frühen Starts und der zuletzt milden Witterung etwas mehr als im Vorjahr.
Ob sich das positiv auswirkt, bleibt offen: Frühere Eiablage verschafft dem Laich mehr Entwicklungszeit. Kommt es jedoch zu späten Nachtfrösten, kann die gesamte Brut absterben.





















