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Gucci: Demnas Debüt auf der Mailänder Modewoche – Stil | ABC-Z

War das jetzt genial? Lausig? Oder einfach nur zynisch? Lange hat keine Modenschau mehr derart polarisiert wie das Debüt des Designers Demna für Gucci am vergangenen Freitag. Aufmerksamkeitstechnisch ist das schon mal nicht das Schlechteste, wenn viele andere Kollektionen als irgendwie egal sofort wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis verschwinden. Im gut besuchten Showroom von Gucci, wo die besten Kunden am nächsten Tag gleich ihren Einkaufszettel abgeben durften, lautete die Frage derweil nicht mehr, ob man diese Sachen tragen möchte, sondern nur noch wie.

Der Designer setzt nämlich auf eine spezielle Form des Minimalismus: nicht nur wenig Stoff, sondern auch kaum Nähte. Die Sachen sollen so ultraglatt, hautnah und sexy am Körper sitzen, wie das bislang allenfalls Strumpfhosen taten. Was genau man dann drunter trägt, etwa unter diesem weißen Basic-Instinct-Kleid, den Leggings mit Gürtelschlaufen oder dem rücken- wie steißbeinfreien Abendkleid von Kate Moss – zweitrangig.

Kate Moss für Gucci Fall/Winter 2026/2027 (Foto: Daniele Mascolo/REUTERS)

Erst mal muss der Körper überhaupt auf Gucci getrimmt werden. Diese Art „Investment Pieces“ erfordern also nicht nur vierstellige Summen, sondern auch einiges an Körpereinsatz. Die männliche Zielgruppe dürfte demnächst noch mehr Zeit im Gym verbringen, die weiblichen Kundinnen eine Extraladung Ozempic spritzen. Das erinnert an Karl Lagerfeld, der im Jahr 2000 rund 42 Kilo abnahm, um in die schmalen Dior-Homme Anzüge von Hedi Slimane zu passen. Begehrlichkeit, von der Luxuskonzerne träumen. Demi Moore jedenfalls, die mit Chihuahua auf dem Arm bei der Show erschien, hat bereits das neue Gucci-Gewicht.

Demi Moore hat bereits Gucci-Gewicht

Die Preise dazu, heißt es, sollen „realistischer“ ausfallen als zuletzt, was bei knapp 3000 Euro für eine Jackie Bag gleich wieder zynisch klingt, aber tatsächlich ein wichtiges Signal bedeutet. Die immer absurderen Summen, die da die vergangenen Jahre aufgerufen worden waren, haben viele Kunden nicht nur verschreckt, sondern zu Protestkäufern gemacht, die jetzt lieber zu mittelpreisigen Labels wie Arket und Sézane abwandern. Oder sie greifen gleich zu Fakes, die ohnehin immer besser werden.

Demna Gvasalia nach seiner ersten großen Gucci-Show.
Demna Gvasalia nach seiner ersten großen Gucci-Show. (Foto: Daniele Mascolo/REUTERS)

Wer jetzt einwerfen möchte, dass das ziemliche „First World Problems“ sind – natürlich sind sie das und natürlich gibt es gerade andere Sorgen. Sogar einen ganzen Haufen davon, ständig kommen neue dazu. Was haben die Designer in Mailand dazu zu sagen? Der umschwärmte Designer Demna war bei seinem vorigen Arbeitgeber Balenciaga stets einer der wenigen, die mit ihren Shows und ihren Kollektionen das soziale wie politische Geschehen kommentieren wollten. Nun erklärte er, dass das ja am Ende auch nichts gebracht habe. Die Lage sei sogar schlimmer als je zuvor, da helfe eigentlich nur noch eins: „Mode als Ort zum Träumen, ich will etwas begehren, verführt werden“, meint Demna. Kleidung als Weltflucht. So unterschiedlich die Kollektionen in Mailand ausfallen, zumindest in diesem Punkt scheinen sich die Designer diesmal einig zu sein.

Bei Ferragamo, Max Mara und Tod’s waren deshalb hochgeschlossene Jacken und Mäntel mit viel Stoff und mehreren Lagen zu sehen, die ihren Träger umhüllen und geradezu einwickeln wollen. „Comfort Dressing“ statt allzu konzeptioneller oder unbequemer Schnitte. Etro liefert nach einigen schwächeren Saisons mit langen Kleidern zu Militaryjacken und Wollcardigans wieder genau das unbeschwerte Lebensgefühl, das die Kundin gerade braucht. Während Simone Bellotti vergangene Saison bei Jil Sander alles Überflüssige wegnahm, fügt er für kommenden Herbst Faltenwürfe und Stoffbahnen als ablenkende „Add-ons“ hinzu. Am besten funktioniert das bei einem grauen Lederrock, dessen Bund an der Taille schräg abgewinkelt ist und sich dann unwiderstehlich vom Körper zu schälen scheint.

Jil Sander
Jil Sander (Foto: Photo: Filippo Fior / Gorunway.com;)

Den anspruchsvollsten Eskapismus bietet derzeit Louise Trotter bei Bottega Veneta. Nach ihrer gefeierten Show sprach die 57-jährige Britin backstage über das Zusammenspiel von Mailänder Brutalismus plus theatralischer Extravaganz und war ohnehin schon sichtlich erledigt, als sie auf die aktuelle Weltlage angesprochen wurde. Erst ein paar Stunden zuvor hatten die USA und Israel schließlich Iran angegriffen. Sehr ehrliche, ermattete, absolut unpolitische Antwort: „Ich bin Designerin, ich mache Kleidung.“ Das sei nun mal primär ihr Job, und den wolle sie so gut wie möglich erledigen.

Bottega Veneta
Bottega Veneta (Foto: MIGUEL MEDINA/AFP)

Tatsächlich macht sie ihn sogar verdammt gut. Mit nur zwei Kollektionen hat sie bereits eine Trotter-Silhouette etabliert, die bei Mänteln und Anzügen in Richtung altes Armani geht, aber gleichzeitig markanter und doch fließend daherkommt. Man legt mit diesen Entwürfen sofort einen Hammerauftritt hin. Wer verbirgt sich darin? Was sind das für Stoffe? Mit welcher Technik hergestellt? Wie geht das Jackett in diesen Wickelrock mit angesetzter Gürtelschnalle über? Ist das ein Kleid oder ein Oberteil, das da wie seidenes Schafsfell an allen Seiten hervorquillt? Trotters Spiel mit Volumen ist beeindruckend, allerdings sind die Handwerker mit „all ihrer Technologie“, wie Trotter es ehrfürchtig nennt, bei Bottega Veneta mittlerweile so versiert und experimentierfreudig, dass es manchmal mit ihnen durchgeht. Die fluffig flirrenden Entwürfe zum Ende hin wirkten eher clownesk.

Die wenigsten Menschen werden solche „High Fashion“-Entwürfe je besitzen. Aber sie nur anzusehen oder in einem Video in Bewegung zu erleben, kann eine ähnliche Faszination ausüben wie ein Gemälde in einer Ausstellung. Wer Kleidung grundsätzlich als oberflächliches Gedöns abtut, übersieht manchmal, dass er selbst ja auch welche im Schrank hat und vieles davon keinesfalls nur als zufällige Körperbedeckung anzieht. Manche Stücke enthalten schöne Erinnerungen und können sofort die Stimmung heben. Andere funktionieren wie eine Rüstung und geben Haltung und Selbstsicherheit. Die Jacke mit dem bestickten Kragen kann einen Moment des Glücks, das Glitzertop ein sexy Gefühl vermitteln. Ist das wirklich so nichtig?

Der Tech-Teufel trägt Prada

So oder so ist die Modewelt nach wie vor ein Magnet, der die unterschiedlichsten Menschen in seinen Bann zieht. Die Fondazione Prada, wo auch die Modenschauen der Mailänder Marke stattfinden, wurde diesmal noch weiträumiger von der Polizei abgesperrt. Offensichtlich wurde ein Stargast besonderen Kalibers erwartet. Nur erkannten die meisten das Paar erst gar nicht, dass da im Schlepptau von Anna Wintour in die Halle huschte. Schauspieler? Sänger? Influencer? Alles falsch: Mark Zuckerberg und seine Frau Priscilla Chan. Nachdem Jeff Bezos und Lauren Sánchez bereits im Januar die Couture-Schauen von Schiaparelli und Dior besucht hatten, hatten die zwei gerade noch gefehlt.

Meta-CEO Mark Zuckerberg mit seiner Ehefrau Priscilla Chan bei der Show von Prada.
Meta-CEO Mark Zuckerberg mit seiner Ehefrau Priscilla Chan bei der Show von Prada. (Foto: Alessandro Garofalo/REUTERS)

Aber warum ausgerechnet bei Prada und nicht bei, sagen wir, Dolce & Gabbana? Miuccia Prada war früher bekanntlich Mitglied der Kommunistischen Partei, sie ist politisch immer noch eindeutig links einzuordnen. Warum lassen sie und Raf Simons diesen talgigen Tech-Milliardär in ihre erlauchten Reihen? Ganz einfach: Negozio. Die Lizenz für Prada-Brillen liegt beim italienischen Hersteller Luxottica, und der wiederum macht Geschäfte mit Meta. Es gibt bereits Meta-Brillen mit Ray Ban, demnächst auch mit Prada. Dafür reist der Boss dann auch mal persönlich nach Mailand, zumal er schon lange keine grauen T-Shirts mehr trägt, sondern jetzt auch Alexander McQueen, Amiri oder eben Prada. Große Entrüstung bei der versammelten Modegemeinde, die sie sofort auf Instagram, Threads und Whatsapp kundtaten. Alles übrigens Plattformen von einem Konzern namens Meta.

Glücklicherweise lieferte die Kollektion mindestens genauso viel Gesprächsstoff. 60 Looks an nur 15 Models. Heißt: Wie beim Strip-Poker wurde nach jedem Gang über den Laufsteg immer eine Schicht abgelegt und mit verändertem Look die nächste Runde gedreht. Das umgekehrte Zwiebelprinzip sollte die Vielseitigkeit der Entwürfe zeigen. Auf dem Laufsteg mag das ein neuer Dreh sein, aber wirklich revolutionär ist das Prinzip für viele Frauen nicht. Zeit zum Umziehen oder Schnell-nach-Hause-Gehen hat schon lange niemand mehr. Zwischen Arbeit, Gym, Kindern und Ausgehen werden die Elemente der Garderobe über den Tag zwangsweise variiert.

Bella Hadid für Prada.
Bella Hadid für Prada. (Foto: MIGUEL MEDINA/AFP)

Natürlich sieht das nie so toll aus wie jetzt bei Prada, wo jeder transparente Layer perfekt zu dem darunter passt und die Länge der abgewetzten Lederjacke perfekt für den Pullover darunter ist. Die kleinen Capes über Mänteln, die schon bei den Männern auffielen, werden im kommenden Herbst in jedem Fall häufiger zu sehen sein.

Keine Fashion Week mehr ohne Designerdebüts

Neben Demna für Gucci standen in Mailand noch zwei weitere Debüts an. Die Belgierin Meryll Rogge bei Marni führt die einst heiß geliebte Marke wieder deutlich mehr zu ihren Wurzeln zurück. Viele erinnerte das Ergebnis arg an altes Prada, was allerdings nicht das schlechteste Kompliment ist. Die Seidentops mit Ziernähten an der Brust und die Zip-Cardigans mit Kordelzug am Kragen dürften gleich ein paar Abnehmer finden. Auch die Pumps mit Bergsteigerdetails und die wie Windspiele klimpernden Ketten.

Marni
Marni (Foto: Photo: Filippo Fior / Gorunway.com)

Außerdem: Maria Grazia Chiuri und ihre Rückkehr zu Fendi. Dort hatte die Italienerin in den Neunzigern angefangen, jetzt kehrt sie als gestandene Ex-Valentino und Ex-Dior-Designerin nach Rom zurück. Sie gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Frauen der Branche und offensichtlich hat sie nicht vor, sich diesen Ruf mit irgendwelchen allzu kreativen Experimenten zu versauen. Die wadenlangen Röcke mit Söckchen, viel Spitze, klassische Jacketts – das tut alles gar nicht so, als sei es viel anders als ihr Dior damals. Viele Looks hatten statt einer Kette einen weißen Kragen am Hals, der an ihren Vorvorgänger Karl Lagerfeld erinnerte. Fast alles in Schwarz, weil, wie Chiuri erklärte, das sowieso die Farbe ist, die am Ende alle tragen. Damit dürfte sie richtigliegen, und man muss ihr zumindest lassen, dass sie hier einfach schmerzfrei ihr Ding durchzieht. Lausig? Zynisch? Genial? Das können dann im Herbst die Kunden entscheiden.

Fendi
Fendi (Foto: Fendi)
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