Kultur

„Die kleine Meerjungfrau“ am Thalia: Von Schwänzen und Verwandlungen | ABC-Z

Absolut unwiderstehlich sind sie, diese sieben „leichten Musen“, wie sich selbst bezeichnen. Unwiderstehlich, charmant und schonungslos offen. Sie spielen Meerjungfrauen, aber – wenn es sein muss – auch mal deren Eltern, Schwestern oder gar den Märchenprinzen. Sie sind Dragqueens oder Schauspieler:innen, die solche spielen.

Doch unter ihren hochtoupierten Perücken, ihren exakten Lidstrichen und falschen Wimpern sind sie einfach Menschen voller Sehnsüchte und Verletzungen. Sie sind queer und auch nicht, sind aus Hamburg, Berlin, Tel Aviv und aus dem Iran. Einen Abend lang erzählen sie von ihren Träumen und Zweifeln, ihren Sorgen und Transformationen und von den schmerzhaften Grenzen, auf die sie dabei gestoßen sind.

Der Regisseur Bastian Kraft hat sie – nach der Zürcher Premiere des Abends vor ziemlich genau einem Jahr – nun am Thalia Theater neu versammelt, einige Ensemblemitglieder des Thalia Theaters und Stars aus der Hamburger und Berliner Drag-Szene, um mit ihnen „Die kleine Meerjungfrau“ zu inszenieren. In dem Märchen erzählt Hans Christian Andersen von einer Nixe, die sich in einen Menschenprinzen verliebt, für diesen ihren Fischschwanz und ihre Stimme aufgibt und, weil ihre Liebe an Land unerfüllt bleibt, sich schließlich in Meeresschaum verwandelt.

Von Schwänzen und Verwandlungen wissen die Dar­stel­le­r:in­nen auf der Thalia-Bühne auch einiges zu erzählen. Und so entpuppt sich diese Inszenierung als ein assoziativer, klug und kritisch durchwobener und berührend ehrlicher Abend über Wünsche, unerfüllte Sehnsüchte und auch voll grausamer Berichte über Homosexuellenhass.

Glamourös schillernd, selbstironisch oder erschütternd

Vor sieben Schminktischen (Bühne: Peter Baur) machen sich die Dar­stel­le­r:in­nen – Elias Arens, Olympia Bukkakis, Julian Greis, Judy Ladivina, Leona London, Moné Sharifi und Victoria Trauttmansdorff – nach und nach zurecht. Sie ziehen Augenbrauen und Lippen nach, setzen Perücken auf, legen Glitzer und Federboas an und berichten abwechselnd aus ihren eigenen Leben und von ihrem Blick auf die kleine Meerjungfrau.

Die Grenzen sind fließend, die Szenen mal glamourös schillernd, mal selbstironisch, mal zutiefst erschütternd. Da wird herzergreifend – und im großartigen Video von Jonas Link medial vervielfacht – „I Need a Hero“ gesungen, da wird im funkelnden Pailletten-Outfit (Kostüme: Sophie Reble) performt. Da schwimmt ei­ne:r – seilgesichert – als Meerjungfrau über den schilfigen Bühnenhorizont, ein:e an­de­re:r tanzt sich als einsamer Matrose die Seele aus dem Leib, während ein:e drit­te:r aus der Hamburger Drag-Szene erzählt, und damit von Clubnächten zwischen Faszination und Überforderung.

Genauso aber erzählen sie auch von homophoben Anfeindungen, von Übergriffen mit Kieferbruch und gescheiterten Outings. Bastian Kraft gibt all diesen grandiosen Dar­stel­le­r:in­nen Raum, lässt sie hemmungslos strahlen in seiner fluid fairy fantasy, die nur manchmal ein wenig zu didaktisch gerät.

Weit spannt Kraft an diesem mitreißenden Abend den Bogen von Show- über Musicalanleihen bis hin zu leisen Lebensbeichten, erzählt anhand einer Meerjungfrau von Diversität und Queerness, appelliert an Toleranz und Solidarität, feiert den Rausch und damit das Leben. Dieser Abend funkelt und schillert. Wenn man genauer hinschaut, so – wie es einmal heißt – ähnlich wie „der Schaum, aus dem die Tränen sind, und jede Blase glitzert bis sie platzt“.

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