Stil

Wie wählen Moderatoren Kleider für ihre Sendungen aus? | ABC-Z

Manchmal ist Timing so eine Sache. Da will man eine länger geplante Stilkritik über Moderatorinnen und Moderatoren deutscher Nachrichten- und Politiktalk-Sendungen schreiben, hat sich mit Farben, Schmuck, Krawatten und Schuhen befasst – und dann bricht eine kleine, aber leidenschaftlich geführte Diskussion darüber aus, ob die Optik derer vor der Kamera überhaupt kommentiert werden darf.

Getriggert hatte die Diskussion ein Beitrag in der „Süddeutschen Zeitung“ Ende Januar, der als Kritik einer „Maischberger“-Sendung begann und als Ode an die Oberarme von Constantin Schreiber endete. Schreiber reagierte auf Social Media mit einem Video: Er finde den Text „ziemlich lustig“, sei aber irritiert darüber, dass „Kleidung und Körper“ so im Fokus stünden.

Hierzulande ist es oft ein Balanceakt, sich über das Erscheinungsbild von Menschen zu äußern, die vor der Kamera stehen (oder sitzen). Der feine Unterschied liegt zwischen der Bewertung von Körpern und der Analyse von Kleidung. Zu kommentieren, welche Konfektionsgröße jemand wohl trägt, ist wenig erhellend. Zu fragen, ob sich größere gesellschaftliche Entwicklungen hinter der Lockerung von Dresscodes verbergen, die auch und gerade in den Nachrichten und in Politiktalks zu beobachten sind, ist wesentlich ergiebiger.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Je ernster die besprochenen Sujets, desto eher gilt als oberflächlich, wer sich mit der Kleidung der Sprechenden befasst. Den Medien falle wohl nichts mehr ein, heißt es dann oft. Das ist erstaunlich, immerhin arbeiten Moderatoren in einem visuellen Medium und dürften mindestens einen Blick in den Spiegel werfen, bevor sie vor die Kamera treten. Würde es tatsächlich niemandem auffallen, wenn Markus Lanz seine nach ihm benannte Sendung plötzlich im Kapuzenpullover und Louis Klamroth „Hart aber fair“ im akkuraten Dreiteiler moderierte?

In Cremeweiß: Constantin Schreiber im Januar bei „Maischberger“
In Cremeweiß: Constantin Schreiber im Januar bei „Maischberger“Picture Alliance

Als Jens Riewa 2025 „nur“ mit T-Shirt unterm Sakko die Nachtausgabe der „Tagesschau“ moderierte, sorgte das jedenfalls für ein großes Echo. Ob „so ein Locker-Auftritt auch beim SRF möglich“ wäre, fragte etwa ein Schweizer Magazin. Bereits 2022 hatte André Schünke die krawattenlose Ära der „Tagesschau“ eingeläutet, ebenfalls spätnachts, aber noch mit Hemdkragen. Der Verzicht auf die Krawatte, deren Funktion vor allem eine soziale ist, kann Nahbarkeit signalisieren – oder, dass Komfort wichtiger ist als textilgewordene Regeln.

Nachrichtensprecher und ihre Krawatten rücken immer wieder in den Fokus: Im ersten Tiktok-Video der „Tagesschau“ 2019 etwa veränderte Jan Hofer per Regler die Farbe seiner Krawatte. Monate zuvor hatte Hofer auf – damals noch – Twitter wissen lassen, dass sein Schlips „nicht angewachsen“ sei. Zum Abschied von der „Tagesschau“ 2020 legte er ihn dann auch vor der Kamera ab.

Daran erinnert sich auch Manuel Almeida Vergara. Der Berliner Modejournalist und Kommunikationschef des Fashion Council Germany nennt es zwar eine Berufskrankheit, sehr genau darauf zu achten, was andere tragen, weist aber auch auf die Beobachtung von John Carl Flügel hin, dass es „neben dem Gesicht und den Händen (…) die Kleidung unserer Mitmenschen“ sei, die wir sehen und auf die wir reagieren; „jeder nimmt wahr, was das Gegenüber trägt, ob bewusst oder unbewusst.“ Das gilt auch, wenn das Gegenüber auf dem Bildschirm erscheint.

Schmale Chelsea-Boots und Anzug: Markus Lanz
Schmale Chelsea-Boots und Anzug: Markus LanzZDF

Wer im Fernsehen moderiert, hat aus Almeida Vergaras Sicht zwar keinen „Lehrauftrag in Sachen Stil“. Einen Effekt könne das, was vor der Kamera getragen wird, aber haben. Nämlich jenen der Inspiration. Trotzdem muss so ein eventuell inspirierender Look zunächst einmal einige Anforderungen erfüllen, wie „Tagesthemen“-Moderatorin Jessy Wellmer 2025 in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ erklärte: Ihre „Fernseh-Kleidung“ müsse auch der Nachrichtenlage angepasst sein; fröhliche Pastelltöne und Meldungen über Kriegshandlungen etwa passten nicht zusammen. Auch jenseits vom Gefühl für Anlässe und dafür, was zu ihnen passt, gebe es in der Mode sinnvolle Regeln, sagt Almeida Vergara: „Nicht jeder hat Modelmaße, aber durch Kleidung kann man mit dem, was einem gegeben ist, textil gut umgehen.“ Es geht also nicht darum, Schönheitsidealen zu entsprechen, sondern einen eigenen, authentischen Stil zu finden.

So wie Moderatorin Linda Zervakis. Sie überzeugt stets in so simplen wie zeitgemäßen Looks, meist sieht man sie in Hosen. Eine kluge Wahl, findet Almeida Vergara: „Ein Bleistiftrock könnte für ihre frische, lockere Art zu förmlich, zu madamig wirken. Viele andere Rockformen gibt es für eine Moderatorin in ihrem Bereich aber nicht, Godets oder Volants könnten zu verspielt wirken.“ Aber wer weiß: Womöglich tritt Zervakis ja irgendwann im opulenten Ballonrock auf – Mut zum Bruch mit Erwartungen bewies sie schon 2021, als sie die „Tagesschau“ in Jogginghose moderierte.

Meistens in Hosen: Linda Zervakis, hier in der „NDR Talk Show“ im Oktober vergangenen Jahres
Meistens in Hosen: Linda Zervakis, hier in der „NDR Talk Show“ im Oktober vergangenen JahresPicture Alliance

Noch ein Beispiel für authentischen Stil ist Sandra Maischberger. Sie begrüßte ihre Gäste auch schon im Wollcardigan, oft trägt sie sanfte Pastellfarben. „Entweder hat sie diesen Stil selbst gefunden oder mit guten Stylisten ein gemeinsames Level gefunden, auf dem professionelle und persönliche Vorlieben gut zusammenpassen“, sagt Almeida Vergara. Nie fehlt die Kette mit Bernsteinanhänger, nahezu immer trägt sie Schuhe mit hohen Absätzen.

Schuhe für Fernsehauftritte sollten mit Bedacht gewählt werden, sagt (und hofft) Matthias Vickermann, Gründer der Maßschuhmacherei Vickermann und Stoya in Baden-Baden: „Im öffentlichen Raum sind Schuhe kein privates Detail. Sie sagen auch etwas über die Wertschätzung des Gegenübers aus.“ Maischbergers klassisch-elegante Wahl sei dafür ein gelungenes Beispiel.

Nie ohne die Kette mit Bernsteinanhänger: Sandra Maischberger
Nie ohne die Kette mit Bernsteinanhänger: Sandra MaischbergerWDR

Auf ein bewährtes Schuhmodell setzt auch Markus Lanz. Seine ZDF-Sendung moderiert er stets mit dunklen, schmal geschnittenen Chelsea-Boots an den Füßen. Die moderne, aber gerade eben nicht zu modisch wirkende Alternative zum Schnürschuh verpasse dem Look etwas Zeitgemäßes, sagt Vickermann. Er lobt auch, dass – offenbar dank Kniestrümpfen – nie der so seltsam privat wirkende Blick auf die Wade möglich ist, wie oft Lanz die Position auf seinem Sessel auch ändern mag. Weit mehr als Lanz’ Moderationsstil überzeugt Manuel Almeida Vergara dessen textiler Stil: „Ich goutiere einen gut geschnittenen Anzug und eine schöne Krawatte.“ Spielraum sieht er dennoch, etwa für einen Rollkragenpullover oder nur ein Hemd unter dem Jackett.

Ein Pendant zu Lanz’ Akkuratesse ist der legere Stil von „Hart aber fair“-Moderator Louis Klamroth. Zum offenen Hemd über dem T-Shirt und lockeren Stoffhosen trägt er immer wieder Sneaker – wie so viele: „Man sieht Sneaker heute so oft, dass es mir rebellischer erscheint, Lederschuhe zu tragen“, sagt Almeida Vergara. Aber mit diesem Look können sich eben viele identifizieren. Klamroth ist angezogen wie der Kollege im Büro, der Vater auf dem Weg in die Kita, der Homeofficearbeiter in der Pause beim Bäcker.

Lockere Jacke über dem weißen T-Shirt: Louis Klamroth bei „Hart aber fair“
Lockere Jacke über dem weißen T-Shirt: Louis Klamroth bei „Hart aber fair“WDR

Klamroths Stil wirke authentisch, aber wieder wünscht sich der Modeexperte mehr Mut zum Bruch: „unten Chelsea-Boots, oben ein Kaschmirpullover oder doch mal ein Jackett überm Shirt“. Auch Matthias Vickermann würde sich freuen, öfter eleganteres Schuhwerk an Klamroth zu sehen: „Mit klassischen Formen wird oft eine gewisse Distanz assoziiert, dabei signalisieren sie vor allem Verlässlichkeit.“

Auf ganz eigene Weise verlässlich zeigt sich Benjamin Stöwe. Wenn er im ZDF-Morgen- und Mittagsmagazin das Wetter präsentiert, trägt er oft bunt gemusterte, zur Jahreszeit oder zur Wetterlage passende Pullover. Allein über 50 Exemplare mit Weihnachtsmotiven sind darunter. Auch im „Raumschiff Enterprise“-Look und in blumenübersäten T-Shir­ts verkündete er schon die Wetterlage.

Während der Sendungen wechselt Stöwe für seine kurzen Auftritte mehrfach das Outfit. Er arbeitet auch als Synchronsprecher, ist etwa die Stimme aus dem Off bei „Maybrit Illner“ und weiß offensichtlich um die Wirkung der Bilder.

Gewitter auf dem Pullover: Benjamin Stöwe, hier im Jahr 2019 bei einer ZDF-Veranstaltung
Gewitter auf dem Pullover: Benjamin Stöwe, hier im Jahr 2019 bei einer ZDF-VeranstaltungAction Press

Auf Stöwes Instagram-Seite zeigt sich das Publikum begeistert. Ob er den persönlichen Geschmack jedes Zuschauers trifft oder nicht: Stöwe hat sich durch seine Garderobe zur Marke gemacht. Manchmal tritt er auch im Sakko auf, zum Jahresende gar traditionell mit Fliege – Bilder von ihm mit Krawatte sind aber nicht zu finden. So wie Lederschuhe heute angesichts der vielen Sneaker rebellisch wirken, wäre es geradezu revolutionär, wenn der Wettermoderator plötzlich im Dreiteiler mit Krawatte vor die Kamera treten würde.

Die Krawatte führt uns dann auch zurück zu Constantin Schreiber. Seinen krawattenlosen Auftritt als Nachrichtensprecher während einer Ausgabe des Morgenmagazins im Sommer 2024 dokumen­tierte er auf seiner Instagram-Seite. Unter dem Foto formulierte er nur eine Frage: „Was fällt euch auf?“

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