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Worauf man beim Verfassen von Liebesbriefen achten sollte | ABC-Z

Mit Gefühl, aber ohne Schwulst – so kann und soll er sein, der Liebesbrief. Es gibt wohl keine schwierigere und zugleich schönere private Textart. Denn im Gegensatz zum Kondolenzschreiben, in dem man einem gewesenen Leben in Buchstaben nachgeht, ist der Liebesbrief voller Hoffnung und annonciert einen möglichen Neubeginn. Er ist Verheißung und soll Sehnsucht wecken, gerade auch mit den Schwingungen zwischen den Zeilen.

In Zeiten von Snaps, Apps und Sekunden-Botschaften hat der Brief zudem das Zeug zur relativen Ewigkeit. Denken wir nur an die vergilbten Briefstapel, mit Stoffbändern umwickelt, die unsere Großmütter bis zu ihrem Tod ganz hinten im Schrank aufbewahrten – und die, so stand es in den Testamenten einiger alter Frauen, zum Verbrennen bestimmt waren. Der wirklich intime Brief kommt, da Menschen „dick pics“ oder „pussy pics“ als romantische Anmache ausprobieren, als wirklich wunderschöne Geste daher.

Aber: Wie schreibt man einen guten Liebesbrief? Sagen wir, als allererste Botschaft in der zarten Anfangsphase einer möglichen Beziehung. Hört man sich bei Bestseller-Autorinnen zu diesem Thema um, so sind sie entweder zu ausgelastet, um dazu etwas zu sagen (Caroline Wahl), oder es fällt ihnen gar nicht so viel dazu ein (Ildikó von Kürthy) – oder sie sind zu lange mit demselben Mann zusammen (Isabel Bogdan).

Also die Frage an einen Mann gestellt, der für seine Eloquenz und seinen Charme bekannt ist. Der 1952 geborene Journalist und Reisefilmer Hasan Cobanli ist bei dem Thema Feuer und Flamme. „Es gibt ja Tausende Möglichkeiten für einen Liebesbrief, denn das hängt von der Situation ab“, sagt er. Nehmen wir einmal an: Ein Mann hat eine Frau bei einem Abendessen bei Freunden kennengelernt und dann noch einmal wiedergesehen. Und nun?

Unbedingt mit der Hand schreiben

„Okay. Du spürst, du könntest dich verlieben. Du wünschst dir, dass sie deine Gefühle erwidert.“ Oder er. Aber bleiben wir für diese Übung einmal bei ihr: „Der Blick in deine Augen beim Abschied lässt dich hoffen … Jetzt sitzt du am Schreibtisch und schreibst ihr …“, sinniert Cobanli. Aber wie und was schreiben? „Mit der Hand! Am Computer wäre jetzt ein No-Go! Auf dem besten Papier, das du auftreiben kannst. Warum nicht ein antikes, feines englisches Briefpapier in Blassblau oder Zartgelb? Und das Kuvert muss passen.“ Die nächste Regel: „Schreib nicht zu viel! Bei diesem ersten Liebesbrief reicht eine Seite oder maximal zwei Seiten.“

Vor allem zum Valentinstag schreiben viele Menschen einen Liebesbrief.Alicia Windzio

Und was soll drinstehen? „Erinnere an euer Tischgespräch, denn so sieht sie, dass du ihr zugehört hast und dass dich ihr Leben wirklich interessiert und gehe liebevoll darauf ein.“ Dann der zweite Punkt: „Schreib auf, was dich an ihr und ihrer Geschichte fasziniert hat – gerne auch in Stichworten.“ Und danach: „Schreib ihr, was du dir als nächstes vorstellen kannst, aber nicht übertreiben.“ Das kann ein Ausflug zu einem kleinen Abenteuer sein, etwas, was sie entweder liebt oder noch nie erlebt hat, sich aber vorstellen kann. Vielleicht ein Wochenend-Trip, der zu ihrem Leben passt. Cobanli rät zudem: „Überfordere sie nicht mit dem Brief. Komplimente (nicht zu viele) erst am Schluss.“ Humorvoll soll der Brief zudem sein – und bitte nicht schwülstig! „Und um Gottes Willen“, sagt Cobanli zum Ende noch, „einen Liebesbrief nicht von der KI überarbeiten lassen. Das riecht sie.“

Schon bevor es künstliche Intelligenz gab, wandten sich literarisch minderbemittelte Verliebte in amourösen Angelegenheiten an Ghostwriter. In der Literatur tauchen diese diskreten Edelfedern immer wieder auf. So wurde aus dem wohl berühmtesten Schreiber, dem großnasigen Cyrano de Bergerac aus dem gleichnamigen Stück von Edmond Rostand, das Musterbeispiel eines romantischen Liebesbriefdichters. Cyrano schreibt zauberhafte Briefe an die schöne Roxane, aber nicht für sich, sondern auch für seinen verliebten Regimentskameraden Christian von Neuvillette, dem dadurch in den Augen der Angeschwärmten eine zauberhaft schöne Seele zugeschrieben wird – und die ihn tatsächlich deshalb heiratet.

Drama und Gefühle – ein Blick in die Geschichte des Liebesbriefs

Die subversive Kraft von Liebesbriefen hingegen erscheint im Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782, in dem Liebesbriefe gestohlen, weitergeleitet und gefälscht werden. Auch in Stendhals Roman „Rot und Schwarz“ von 1830 werden die Briefe von Julien Sorel an Madame de Rênal öffentlich gemacht und sogar als Anklageschriften gegen ihn eingesetzt. In Gustave Flauberts „Madame Bovary“ von 1856 hingegen spielen die Briefe an Emma Bovarys Geliebte Rodolphe und Léon eine innerlich-seelische Rolle. Emma Bovarys gutgläubiger Mann Charles entdeckt die Briefe von Rodolphe erst nach ihrem Tod, und es kommt für ihn zu einer postumen psychischen Zerrüttung.

Die Briefe Effi Briests an ihren Geliebten Major Crampas, die Effis Ehemann Geert von Innstetten Jahre nach der Affäre seiner Frau liest, werden in der Vorstellung von Theodor Fontane zu Zeitbomben aus der Vergangenheit – nach dessen Lektüre es zum Duell und zum Verstoßen der Frau kommt. 1895, im Jahr des Erscheinens des Romans, galten Liebesbriefe an den Falschen immer noch als sozialer Tod.

Wie gefährlich Liebesbriefe sein können, zeigte sich prominent im Jahr 1989 für Prinzessin Anne, die Tochter der britischen Königin Elisabeth II., als Briefe ihres damaligen Liebhabers, des Stallmeisters der Königin, Timothy Laurence, während ihrer Ehe mit Captain Mark Phillips 1989 aus ihrer Handtasche entwendet wurden. Sie brachten ihr Verhältnis ans Licht – und auf die Seiten der Boulevardpresse. Wenig später wurde bekannt, dass Mark Phillips schon 1984 eine Affäre gehabt und auch eine uneheliche Tochter gezeugt hatte. 1992 kam es zur Scheidung, und Anne heiratete ihren Briefeschreiber. Wie zuvor bei Stendhal, Flaubert und Fontane transportierten die Briefe Gefühle, die in der sozialen Ordnung nicht lebbar waren, da die Protagonisten mit anderen Personen verheiratet waren. Mit der Entdeckung der Briefe trat die Leidenschaft aus dem Privaten heraus, und das öffentliche Bloßstellen zeigte die soziale Macht der Entdecker über die Verliebten.

Die schönsten Botschaften sind manchmal kleine Kunstwerke

Aber es muss nicht immer so dramatisch zugehen. Und Liebesbriefe können nicht nur aus Papier bestehen. Die schönsten Botschaften sind manchmal kleine Kunstwerke. Wie etwa ein gerahmtes Bild mit handschriftlicher Botschaft auf der Rückseite. So wie beim Großvater eines Freunds, der im Jahr 1906 seiner angebeteten Elisabeth (seiner späteren Ehefrau) nach einem ersten Ball, ganz Mann von Welt, eine Teichansicht schenkte mit der französischen Widmung: „En agréable souvenir de la belle soirée à Stolzenberg. J’y pense encore avec beaucoup de plaisir“ – In angenehmer Erinnerung an den schönen Abend in Stolzenberg. Ich denke noch mit viel Freude daran.

Nicht zuletzt: Liebesbriefe können auch gesungen werden. So ging es der Autorin dieser Zeilen, die von ihrer ersten großen Liebe, einem wunderschönen Italiener aus Mailand, mit einem von ihm komponierten Lied umworben wurde, am Klavier begleitet. Der Text handelte von ihren grünen Augen und den Stunden, die sie ihm geschenkt hatte. Und dass sie die einzige Frau sei, die ihn, den ständig in drei Sprachen plappernden Zwei-Meter-Alpha-Mann, mit einem einzigen Blick je zum Verstummen gebracht habe.

Der schöne Italiener nahm das Lied auf einer Kassette auf, schrieb den Liedtext mit der Hand auf ein Blatt und schickte beides über die Alpen in den Norden. Die Kassette liegt bis heute, mehr als 35 Jahre später, in einem alten Sekretär. Leider gibt es kein Abspielgerät mehr, um die Musik zu hören. Aber die Worte sind nach all den Jahren noch im Kopf. Und auch in einen versteckten Winkel des Herzens eingeschrieben.

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