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Sind Eltern handysüchtiger als ihre Kinder? – Gesellschaft | ABC-Z

Achtung, diese Kolumne kann Spuren von Nostalgie enthalten. In meinem Freundeskreis fällt ein Satz in letzter Zeit immer öfter. „Bin ich froh, dass es das damals noch nicht gab, dass wir noch eine normale Kindheit hatten.“ Mit es ist das Internet mit seinen sozialen und anti-sozialen Kanälen gemeint. Und mit normale Kindheit eine völlig zu Recht verklärte Zeit, in der man nach der Schule nicht panisch auf seinen Accounts nachsah, wer einen heute gedisst und wer einen gefeiert hatte – so was wurde direkt ausgetragen – sondern halt zu irgendeiner Freundin nach Hause ging, gemeinsam ein Nickerchen machte, Basketball spielte oder sich durchs Privatfernsehen verblöden ließ, Dank geht an dieser Stelle an Hans Meiser und Barbara Salesch.

Es gab gute und nicht so gute Tage, klar. Doch die Welt lag noch vor einem, sie stürmte nicht in Form von Kacheln und Kriegsvideos auf einen ein.

Wie alle 2026-Menschen bin ich mit meinem Handy verwachsen, ich liebe es, trage es bei mir, hasse es, will es los sein. Und je älter meine Tochter wird und von je mehr Freunden ich höre, dass ihre elfjährigen Kinder „todunglücklich“ sind, weil ihre Bildschirmzeit gekürzt wurde, desto mehr verwandele ich mich in eine reaktionäre Anhängerin der Nullerjahre, eine Zeit ohne totalen „brain rot“ und Handynacken.

Mit meiner Hassliebe bin ich nicht alleine. Seit die CDU auf ihrem Parteitag ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige gefordert hat, seit Australien ein ähnliches Verbot durchsetzte und die französische Nationalversammlung neulich für ein entsprechendes Gesetz stimmte, seit Menschen ihren Bildschirm auf Schwarz-Weiß stellen und seit gefühlt eine Dauertalkshow zum Thema junge Handymenschen läuft, frage ich mich, ob wir hier eigentlich wirklich über die zu schützenden Kinder und Jugendlichen sprechen – oder doch mehr über uns selbst? Ist dieses ganze Gerede um Detox und Verbote vielleicht eine Ersatzhandlung von erwachsenen Menschen, die noch viel süchtiger sind als ihr Nachwuchs?

Wenn ich aufwache, muss ich sichergehen, wer mir über Nacht geschrieben hat. Wenn ich ins Bett gehe, muss ich checken, was der orangefarbene Mann auf der anderen Seite des Atlantiks heute zu Protokoll gegeben hat. Und in den wenigen klaren Momenten, die meinem Hirn geblieben sind, freue ich mich darüber, dass ich ohne Handy und Chatbots aufgewachsen bin und bilde mir ein, so etwas wie digitale Impulskontrolle gelernt zu haben. Bis ich in einem Moment von – ja, ist es innere Leere? – den alten Instagram-Account reaktiviere, um mir die Bauchmuskeln einer Fremden anzusehen, ein Meal-Prep-Video, das ich niemals nachkochen werde, die pädagogischen Einlassungen eines reichweitenstarken Vaters, die Bilder seiner putzigen Kinder, die offenbar so viel entspannter sind als …

Dürfte ich mir noch eines zu meinem biografischen Glück wünschen, in den Achtzigerjahren geboren zu sein, dann wäre es, jene Phase des Internets verpasst zu haben, in der Elternschaft permanent digital dokumentiert wird. Hätte ich diese Phase als aktive Mutter verpasst, dann wäre meine Tochter jetzt aus dem Haus und ich 60 Jahre alt. Genauso alt fühle ich mich. Muss an meiner Bildschirmzeit liegen.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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