Swag Gap: Prominente Paare und ihr Stilunterschied – Stil | ABC-Z

Kürzlich hat es Lana del Rey erwischt. Die Sängerin tauchte bei der Fashion Week in New York vor einem Pulk Fotografen auf, in Lederblazer und hellem Chiffon-Rock von Ralph Lauren, mit perfekt gelegten Locken – und an ihrer Seite den größten anzunehmenden Fauxpas: ihren Ehemann.
Der Partner von del Rey, ein nicht weiter bekannter, deutlich älterer Kapitän für Ausflugsboote aus Louisiana, trug für den Anlass eine Truckercap über der speckigen Mähne und eine Sonnenbrille im Stil von, nun ja, Ausflugsbootskapitänen aus Louisiana. Der Mann wirkte damit etwas, sagen wir, ästhetisch unbeholfen neben seiner wie immer recht feenhaft einschwebenden Lana. Im Netz setzte sogleich ein Schauer gehässiger Kommentare ein. Quintessenz: Mal wieder typisch! Da angelt sich ein Provinzkerl eine Superstarfrau – und putzt sich nicht mal für eine Modenschau ein bisschen raus.
Damit befinden sich die Eheleute del Rey in bester Gesellschaft. Ähnliche Vorwürfe werden in letzter Zeit von der Internet-Öffentlichkeit so häufig erhoben, dass sich auf Tiktok und Instagram ein eigener Begriff dafür eingebürgert hat: „Swag Gap“. Das Wort beschreibt, analog zum Age Gap, ein modisch als besonders ungleich wahrgenommenes Paar. Das mit „Stil-Lücke“ nur unzureichend übersetzte Swag Gap wird immer dann diagnostiziert, wenn ein Partner deutlich weniger elegant, geschmackvoll oder dem Anlass angemessen auftritt als der andere und damit dessen „Swag“ deutlich unterbietet, ja sogar herunterzieht. Im schlimmsten Fall, so der Verdacht: mutwillig!
Was hat es mit diesem oft etwas ungerecht anmutenden Urteil auf sich – und warum können sich gerade jetzt so viele Menschen darauf einigen?
Die Schöne und der Schluffi – zuletzt traf dieser Vorwurf zum Beispiel die Schauspielerin Selena Gomez und ihren Mann, den deutlich unkonventioneller gekleideten Musikproduzenten Benny Blanco, oder das (inzwischen endgültig geschiedene) On-Off-Paar Jennifer Lopez und Ben Affleck. Der wurde neben ihr so häufig abgenervt und mit Kippe im Mund fotografiert, dass er damit schon vor Jahren zum Meme avancierte.
Das Paradebeispiel für ein eklatantes Swag Gap sind aber Justin Bieber und seine Frau Hailey. Sie – höhere Hollywood-Tochter und von Beruf Topmodel – ist bei öffentlichen Auftritten grundsätzlich bis in die Haarspitzen gestylt, während ihr Mann gern in Jogginghosen und Crocs hinter ihr her schlurft, als würde er seine Mutter widerwillig zum Schuldirektor begleiten. Immerhin ist Bieber mit seiner Gammel-Couture konsequent: Bei der Grammy-Verleihung trat er kürzlich sogar nur in Socken und Boxershorts auf die Bühne.
Wer die Swag Gaps der letzten Jahre vermisst, merkt schnell: Es ist üblicherweise nicht reversibel. Einmal als derart ungleich abgestempelt, kommt ein Paar da schwer wieder raus. Mit wenigen Ausnahmen: Victoria und David Beckham hätten sich am Anfang ihrer Beziehung womöglich den Vorwurf des Swag Gaps anhören müssen, hätte es ihn damals schon gegeben. Der Fußballer trug, heute kaum vorzustellen, mit Vorliebe schmierige Wetgelfrisuren zu Pickelgesicht und Trainingsanzug, bevor Posh Spice Kontrolle über seinen Kleider- und Kosmetikschrank übernahm. Tempi Passati, die Swag-Lücke ist längst geschlossen.
Nun sind Lästereien über Stars, die ihre Partnerinnen vermeintlich absichtlich in deren Glamour bremsen, natürlich vor allem zweierlei: sehr erwartbar und sehr egal. Prominente sind Projektionsflächen, und niemand weiß, wie liebevoll Bieber, Blanco und Co. in ihren Beziehungen tatsächlich sind; eine Jogginghose in der Öffentlichkeit macht noch lange keinen schlechten Ehemann.
Der Zeitgeist verdichtet es auf eine Frage: „Ist es peinlich, einen Boyfriend zu haben?“
Das Swag Gap wird aber gerade offenbar auch deshalb so gnadenlos diskutiert, weil es längst im Beziehungsalltag junger Menschen angekommen ist. Nicht nur Cosmopolitan berichtet darüber, sondern sogar das Wall Street Journal und die BBC. Die darin interviewten Betroffenen der Generation Z kommen zu einem einhelligen Fazit: Ein Swag Gap sei meist ein „sicheres Todesurteil“ für eine junge Beziehung. Partner wollten sich schließlich „stolz fühlen, wenn sie nebeneinander stehen“; gebe sich einer von beiden weniger Mühe, „kann es sich anfühlen, als würde er oder sie die Beziehung missachten.“
Dass es gewisse Paare gibt, deren modisches Fingerspitzengefühl ein wenig auseinanderklafft, kann sicher jeder bestätigen. Üblicherweise finden solche Partner früher oder später einen Weg, damit halbwegs würdevoll umzugehen – dann wird wenigstens zu Silvester und beim halbjährlichen Theaterbesuch das Band-T-Shirt oder der Funktionsfleece mal im Schrank gelassen. Und natürlich muss man als Normalbürger auch nur selten vor blutrünstigen Fotografen defilieren. Es mag also doch merkwürdig anmuten, dass jüngere Leute der Stil-Lücke heute offenbar so viel Bedeutung beimessen.
Könnte es daran liegen, dass es fast immer Männer sind, die auf der mangelhaften Seite des Gaps verortet werden? Schließlich diskutiert eine Generation junger Frauen seit einiger Zeit offener und schonungsloser denn je die Nachlässigkeit, Unzuverlässigkeit und generelle Unzumutbarkeit vieler junger Männer in Beziehungen. In hunderten Threads auf Social Media kotzen sich Frauen gemeinsam über Kerle aus, die ihre Freundinnen gaslighten, Erfolge missgönnen, wütend und trotzig werden oder Grundlagen der Körperpflege missachten.
Eine kritische Masse selbstbewusster junger Frauen, so der Eindruck, scheint es also langsam satt zu haben, einer kritischen Masse zunehmend abgehängter junger Männer das Einmaleins des menschlichen Zusammenlebens beibringen zu müssen. Oder sich gar von ihnen ausbremsen zu lassen. Vor ein paar Monaten ging ein Essay aus der britischen Vogue weltweit viral, weil er die im Zeitgeist wabernde Grundstimmung pointiert auf eine Frage verdichtete: „Ist es peinlich, einen Boyfriend zu haben?“
Angesichts dieser Basta-Stimmung zwischen den Geschlechtern erscheint die Einführung eines passenden Schlagworts wie Swag Gap nur folgerichtig: Ehrgeizige, zielstrebige Frauen haben es schlicht satt, auf ihrem swag- und schwungvollen Weg nach oben stoffelige Dudes hinter sich herzuschleifen – und warum sollten sie auch? Die Fotos von Jogginghosen-Justin und dem abgenervten Affleck illustrieren dieses Sentiment perfekt, ob nun gerechtfertigt oder nicht. Wobei man natürlich auch sagen muss: Es gibt sicherlich Paare, bei denen die Rollenverteilung andersherum ist. Sie eher Couchkanone, er eher im Dreireiher mit Anstecktuch. Es sind nur bis zum Redaktionsschluss leider keine beispielhaften Promipaare für diese Variante gefunden worden. Vielleicht, weil eine prominente Frau im Schluffi-Look neben ihrem rausgeputzen Mann deutlich mehr und schärfere Reaktionen zu erwarten hätte – gerade auch von ihren Geschlechtsgenossinnen. Denn während Grundkenntnisse in Stil und Mode bei Frauen immer vorausgesetzt werden, gelten sie beim Mann immer noch als Bonus.
Apropos: Der Mann von Lana del Rey soll, so zitieren Klatschblätter „enge Freunde“, ein ganz fantastischer Kerl sein; Vater von drei Kindern, charismatisch und ausgestattet mit einem Südstaaten-Charme, den del Rey liebt. Vielleicht lässt sich von diesem Paar ja doch mehr lernen als nur, welche Kopfbedeckung zur aktuellen Fashion Week passt.





















