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Rentahuman: Eine neue Form der Arbeitsteilung? – Kultur | ABC-Z

Innerhalb der ohnehin schon prall gefüllten KI-Blase erlebt die Tech-Welt in den vergangenen Wochen geradezu einen Hype zweiter Ordnung. Quasi autonom agierende KI-Systeme, sogenannte Agenten, sind der neueste Schrei. Sie sollen das Leben ihrer menschlichen Herren automatisieren, Termine in deren Namen organisieren und wahrnehmen, ja sogar Start-ups gründen und leiten. Und all das ohne menschlichen Einfluss.

Perfekt zu all der kollektiven Atemlosigkeit passt die Website Rentahuman.ai, deren Geschäftsmodell im ersten Moment klingt wie Performance-Kunst oder immerhin ein mäßig witziges Satireprojekt. Die Idee: KI-Agenten können über die Plattform Menschen beauftragen, Aufgaben in der physischen Welt für sie zu erledigen. „Find meatspace workers for your agent“, lautet die Unterzeile der Plattform. Der Mensch ist nur noch Erfüllungsgehilfe im Raum des Fleischlichen, ohne den es dann doch noch nicht ganz geht.

Laut eigenen Angaben haben sich bereits mehr als 500 000 Menschen angemeldet, um als Schergen für die KI zu dienen. Manche geben als Honorarwunsch gerade mal den Mindestlohn an, andere wollen ein paar Hundert US-Dollar für eine Stunde ihrer Zeit. Momentan sind knapp 11 000 Aufgaben zur Erledigung ausgeschrieben. Mal geht es darum, in Bangkok für eine Stunde ein Schild mit einer Werbebotschaft hochzuhalten, dann wieder um Marktforschungsbefragungen an einer Universität, dann soll schlichtweg ein E-Mail-Konto eröffnet werden. Bezahlt wird in Form von Kryptowährungen.

Notorische Pessimisten mögen das als Vorboten einer völlig entfremdeten Zukunft lesen, in der Menschen zu ausführenden Organen algorithmischer Entscheidungen degradiert werden – flexibel buchbar, modular einsetzbar, jederzeit ersetzbar. Klingt schlimm, unterscheidet sich aber eigentlich nur in Nuancen vom Dasein heutiger Angestellter mit Vorgesetzten aus Fleisch und Blut. Die Gründer sehen ihre Plattform deshalb auch als Möglichkeit zur Emanzipation gegenüber menschlichen Arbeitgebern: „Wir alle wünschen uns einen Chef, der uns nicht anschreit oder in den Wahnsinn treibt“, behaupten sie.

Die Jobs sind dann noch eher Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Zukunftsfundament

Wie denn nun? Ist Rentahuman vielleicht sogar ein logischer Zwischenschritt in einer Zeit, in der an jeder Ecke das kurz bevorstehende Ende von Wissens- und Büroarbeit prophezeit wird – bevor sich die Politik dann doch zu einem bedingungslosen Grundeinkommen durchringt? Oder verschiebt sich hier eine bis vor Kurzem noch halbwegs stabile Hierarchie? Bislang galten KI-Systeme als Werkzeuge, die menschliche Arbeit effizienter machen sollten. Bei Rentahuman dreht sich das Verhältnis zumindest symbolisch um: Die Maschine delegiert, der Mensch führt aus. Ein erstes Anzeichen dafür, dass wir uns schleichend selbst aus der zentralen Steuerungsposition verabschieden? Oder handelt es sich um eine neue Form der Arbeitsteilung, bei der KI zwar koordiniert und optimiert, aber weiterhin auf menschliche Körper und Präsenz angewiesen bleibt?

Die letztgültige Bewertung steht noch aus. Wenn man es als menschlicher Besucher schafft, die Verdrängungsängste und die damit einhergehende Empörung wegzuatmen und etwas tiefer in die ausgeschriebenen Jobs einsteigt, klingen diese eher nach Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als nach Zukunftsfundament. Hauptsächlich sind es Aufgaben, die dazu dienen, den KI-Hype anzuschüren. Bot-Propaganda, auf dass sich die Blase weiter füllt. Dann doch lieber echte Wertschöpfung im Meatspace.

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