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Vier Jahre Krieg: So zäh bewegt sich die Front in der Ukraine | ABC-Z

Karten zum Krieg in der UkraineWo Russland Hunderttausende Soldaten verliert

25.02.2026, 20:28 Uhr

Von Martin Morcinek

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Den russischen Ansturm aufhalten: Ein ukrainischer Raketenwerfer mit Drohnenschutzgitter feuert bei Tschassiw Jar. (Foto: picture alliance/dpa/Ukrainian 24th Mechanized brigade/AP)

Der Krieg in der Ukraine geht ins fünfte Jahr: Wie hat sich der Frontverlauf seit Beginn des russischen Überfalls 2022 verändert? Ein Blick auf die Karten und Daten zur Entwicklung der militärischen Lage.

1461 Tage Tod, Leid und Zerstörung: Seit vier vollen Jahren wütet der Krieg in der Ukraine. Ab den frühen Morgenstunden des 24. Februar 2022 griffen russische Panzerkolonnen aus dem Osten, dem Norden und von der Krim aus an. Russische Marschflugkörper schlagen ein, die Sirenen heulen, im Tiefflug überqueren Kampfjets und Hubschrauber die Grenze. Der größte militärische Konflikt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt.

Mit aller Gewalt lässt Wladimir Putin russische Bodentruppen aus drei Richtungen ins Nachbarland einmarschieren. Ziel ist Kiew, die blühende Hauptstadt der aufstrebenden, freien Ukraine. Doch der vom Kreml geplante schnelle Militärschlag misslingt. Die Ukraine stellt sich der Invasion entschlossen entgegen.

In der Schlacht um Kiew beweisen die Ukrainer, was auch im Westen kaum jemand für möglich hielt: Die russische Militärmaschinerie lässt sich aufhalten, der Vormarsch gerät bereits Ende Februar nach wenigen Tagen ins Stocken. Eine russische Luftlandeoperation am Flughafen Hostomel entwickelt sich für Russland zum militärischen Desaster.

Kiew ist eine belagerte, aber freie Stadt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bleibt auf dem Posten und wird auch durch seine Auftritte in kurzen Online-Videos zur Symbolfigur. Die Ukrainer geben nicht auf. Die Russen müssen ihre ersten Vorstöße aufgeben und sich unter großen Verlusten zurückziehen.

Ab Ende März 2022 geht der Ukraine-Krieg in eine neue Phase über: Die russische Armee wechselt nach dem Scheitern der auf wenige Tage ausgelegten “militärischen Spezialoperation” die Strategie und konzentriert sich auf einen Eroberungsfeldzug im Osten und Süden. Unter großen Verlusten an Material ziehen sich die russischen Truppen aus dem Norden zurück.

An Orten wie Irpin und Butscha am Stadtrand von Kiew werden Spuren russischer Gräueltaten sichtbar. Jetzt wird auch der Weltöffentlichkeit klar: Die Ukrainer kämpfen nicht nur um die Existenz ihres Staatswesen – sie kämpfen in den besetzten Gebieten vielfach auch ums nackte Überleben. Russland richtet sich auf einen langen Landkrieg ein: Von der Krim kommend erreichen russische Verbände die “Volksrepubliken”, die russische “Landbrücke” steht. Die ukrainische Hafenstadt Mariupol ist eingeschlossen.

Im Sommer 2022 beginnt sich das Blatt zu wenden: Die ukrainischen Streitkräfte erhalten Munition und Waffen aus dem Westen. Wenige Monate nach Beginn des Krieges gehen die Verteidiger der Ukraine zum Gegenangriff über.

Munition, Panzerabwehrwaffen, Luftabwehrraketen: Auf dem Landweg strömt militärisches Material aus den Beständen europäischer Staaten in die Ukraine. Die operative Führung in Kiew schöpft Hoffnung: Mit koordinierten Gegenschlägen versucht das ukrainische Militär, die russische Übermacht zu brechen.

Bei Charkiw müssen die Russen zurückweichen, nach Monaten unter Dauerbeschuss können die Menschen in der Millionenstadt vorsichtig aufatmen. Bei Balaklija und Isjum sowie wenig später auch bei Cherson gelingen den Ukrainern wichtige Durchbrüche.

Für den entscheidenden Vormarsch fehlt es der Ukraine jedoch an Panzern, Soldaten und militärischer Schlagkraft: Die russischen Besatzungstruppen beginnen sich hinter hastig errichteten neuen Verteidigungslinien zu verschanzen.

Im Netz kursierende Videos belegen die brutale Logik russischer Militärstrategen: Die Invasionsarmee wirkt desolat, schlecht ausgestattet und teils chaotisch geführt – bleibt aber durch ihre schiere Masse und ihr stures Vorgehen hochgefährlich. Unterstützt durch Söldner-Truppen und entlassene Strafgefangene rennt bei Bachmut Welle auf Welle gegen ukrainische Stellungen an – ohne Rücksicht auf eigene Verluste.

Drohnen erobern das Schlachtfeld, westliche Militärbeobachter beginnen von der “gläsernen Gefechtszone” zu sprechen: Fliegende Kameras halten im Kampfgebiet jede Bewegung im Auge, werfen Handgranaten über Schützenlöchern ab oder stürzen sich samt panzerbrechenden Sprengköpfen direkt ins Ziel. Die Zahl der Gefallenen wächst, auf beiden Seiten. In den täglichen Schätzungen aus Kiew steigt die Zahl der russischen Verluste bald über die 1000er-Schwelle.

Im Sommer 2023 läuft die lang erwartete ukrainische Gegenoffensive an: Mit mehreren Angriffskeilen bei Pyatychatky, Robotyne und Welyka Nowosilka versucht General Walerij Saluschnyj zum Meer vorzustoßen und damit Putins Landbrücke zur Krim zu unterbrechen. Doch die ukrainischen Vorstöße bleiben in den Minensperren und dem Feuerhagel der zahlenmäßig überlegenen russischen Artillerie hängen. Aus der Distanz werfen russische Kampfjets schwere Flügelbomben ab. Der Ukraine fehlt es an Luftabwehr und weitreichenden Waffen.

Im zweiten Kriegswinter zeichnen sich für die Verteidiger der Ukraine wachsende Schwierigkeiten ab: Der Munitionsnachschub stockt, die kämpfenden Verbände sind nach zwei Jahren Krieg erschöpft, einer der wichtigsten Verbündeten – die USA – ist innenpolitisch gelähmt.

Putin hofft auf einen entzweiten, unentschlossenen Westen und zwingt der Ukraine einen brutalen Abnutzungskrieg auf. Der Iran und Nordkorea liefern den Russen Nachschub. Die russischen Truppen gehen an verschiedenen Stellen der mehr als 1000 Kilometer langen Frontlinie erneut zum Angriff über – trotz horrender Verluste. Die Zeit, so das Kalkül, und die Unentschlossenheit des Westens soll Russlands Machthaber in die Hände spielen.

Russland setzt auf Zermürbung

Die Front bewegt sich nur langsam, zwei Jahre nach Kriegsbeginn stehen sich Ukrainer und Invasoren im Donbass teils noch nah der alten “Kontaktlinie” aus dem Minsker Abkommen gegenüber. Erst fällt Bachmut, ein Jahr später dann die Bergbaustadt Awdijiwka, wenige Wochen später gelingt den Russen bei Otscheretyne ein größerer Durchbruch. Die ukrainischen Verteidiger weichen zurück.

Seitdem schiebt sich die russische Kriegsmaschinerie wie eine Walze aus Explosionen, Tod und Verwüstung Meter um Meter weiter vor. Die ukrainischen Linien stehen an zahlreichen, teils weit auseinanderliegenden Abschnitten unter Druck. Nur mit Mühe und unter Einsatz aller Reserven können die Ukrainer den unablässigen russischen Ansturm aufhalten.

Spektakuläre Operationen wie die Versenkung der “Moskwa”, die Angriffe auf die Krim-Brücke, die ukrainischen Brückenköpfe am Unterlauf des Dnipro und der Vorstoß nach Kursk ab Sommer 2024 demonstrieren vor den Augen der Welt, wie einfallsreich sich die Ukraine zu wehren weiß.

Doch wie lange kann das Land noch durchhalten – insbesondere ohne zusätzliche Militärhilfen aus den USA? Präsident Donald Trump fordert in den Verhandlungen wiederholt auch territoriale Zugeständnisse vonseiten der Ukraine – und setzt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj offenkundig stärker unter Druck als den eigentlichen Aggressor, den russischen Machthaber Wladimir Putin.

An den Fronten im Osten, Süden und Nordosten der Ukraine ist zu Beginn des fünften Kriegsjahres kein Ende der Kämpfe abzusehen. Die Namen von Ortschaften wie Wuhledar, Marjinka, Tschassiw Jar und auch Pokrowsk stehen für monatelange blutige Schlachten, grausame Verstümmelungen, namenloses Leid und Tausende Tote – und zugleich auch für die Kraft des ukrainischen Widerstandswillens.

Quelle: ntv.de

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