Neues Album von Apparat: Drei Jahre Psychoanalyse und ein fehlendes Stromkabel | ABC-Z

Es gibt Musiker*innen, die sich kontinuierlich an ein und derselben Idee abarbeiten. Und dann gibt es solche, deren Debütalbum bereits so ergebnisoffen klingt, dass es schwer zu prognostizieren ist, wohin das Pendel beim Nachfolgewerk ausschlagen wird. Der Berliner Technoproduzent Sascha Ring – alias Apparat – gehört zur zweiten Kategorie.
2001 erschien sein Debütalbum „Mulitfunktionsebene“, damals auf dem Berliner Label Shitkatapult. Laptops hatten seinerzeit eine Rechenleistung erreicht, mit der sich vollkommen neue Soundästhetiken erfinden und umsetzen ließen. Die Jahrtausendwende markierte einen Einschnitt in die elektronische Musik, der bis heute nachhallt.
Die Dringlichkeit von Dancefloorsound, bestimmt durch wiedererkennbare und schon damals historisch tradierte, klangliche Marker, wurde um das Millennium abgelöst von einer kompositorischen Freiheit, die die Tanzfläche und den Gedanken von Rave neu interpretierte. Was es nicht von der Stange gab, wurde ab dann selbst programmiert.
Apparat: „A Hum Of Maybe“ (Mute/Pias)
So entstand musique concrète für eine Generation, die vom französischen E-Musik-Komponisten Pierre Schaeffer noch nie etwas gehört hatte. Sascha Ring war mittendrin, siebte die Wucht und Möglichkeiten der elektronischen Tanzmusik grob durch und stellte sie frisch wieder hin. In Berlin fiel dieser Ansatz auf fruchtbaren Boden. Gemeinsam mit Modeselektor gründete Ring Moderat, produzierte zwei Alben mit der Künstlerin und DJ Ellen Allien und komponierte Soundtracks. Apparat brach so das Gerüst der geraden Bassdrum immer weiter auf.
Heute, ein Vierteljahrhundert später, hat Sascha Ring mit Moderat die reine Lehre des Techno für ein größeres Publikum anschlussfähig gemacht – ohne Smartphone-Taschenlampen-Momente, dafür mit ordentlich Visuals. Und mit seinen Soloalben als Apparat seine eigene Idee von musikalischen Gewerken immer wieder auf den Prüfstand gestellt. „A Hum Of Maybe“ – sein sechstes Album – orchestriert diese Entwicklung exemplarisch mit allem nur erdenklichen Gestrüpp.
Der Kick blieb aus
Gestrüpp, über das Ring beinahe final gestolpert wäre. Ist ja auch kein Wunder. Mehr akustische Instrumente, mehr Band, mehr Gesang, mehr Songwriting – all das kulminierte 2019 in seinem Album „LP5“. Nach der obligatorischen Tour geschah fast gar nichts mehr. Die Pandemie trocknete das Live-Geschäft aus, der Kick im Studio blieb aus.
Wem diese Geschichte bekannt vorkommt, liegt richtig: Zahlreiche Musiker*innen haben diese Story individuell ausgeschmückt. Wenn es nicht mehr flutscht, kommt die Krise ganz automatisch. Ring strampelte sich mit klassischer Arbeitsmoral frei. Jeden Tag machen, die Routine wiederfinden. „So wurde ‘A Hum Of Maybe’ schließlich zu Musik, die mir Spaß gemacht hat. Das Material ist in vielen Sessions entstanden, für die es gar keinen konkreten Anlass gab.“
Ring musste sich erst wieder ans Produzieren gewöhnen, entwickelte unterdessen neuen Flow. „Und dann, Schritt für Schritt und Tag für Tag formten sich Ideen“, erinnert er den Herbst 2025, als die Songs für „A Hum Of Maybe“ entstanden. Hatte er zuvor noch in Erwägung gezogen, aufzugeben, half ihm bei diesem Prozess die Entscheidung, die Texte von Beginn an mitzudenken.
Statt sich musikalisch zu verdaddeln, hat er den eigenen Status quo thematisiert. „Früher sind die Texte erst zum Schluss entstanden.“ Vielleicht ist es das, was „A Hum Of Maybe“ zu einem beeindruckenden Werk macht. Es zeigt eine Entwicklung hin zum Kompositionsprozess.
Muss das alles größer werden?
Dass Ring den Gedanken des Aufhörens verworfen hat, ist eine gute Nachricht. Es stand spitz auf Knopf – der Musik hört man das zum Glück nicht an. „Das hat meinem Selbstvertrauen geholfen. An der Mär des First-Takes beim Gesang ist schon was dran. Das macht etwas mit dem Stück, wenn der Text sitzt. Diese Erstfassungen habe ich liegen lassen. Schon über Nacht waren sie gewachsen.“
Elektronik, ja, früher ermöglichte sie den Zugang zum Sound. Alles andere jedoch – Gitarren, Gesang – sei immer eine Annäherung geblieben an Territorien, die ihm eigentlich fremd waren. Auch diese Erkenntnis hat die neuen Stücke beeinflusst. Als wäre dem Laptopartisten das Stromkabel abhandengekommen.
Der Künstler Apparat und seine Musik sind ein Beispiel dafür, wie aus einem kleinen Projekt an der Schnittstelle von Mensch und Maschine schnell – vielleicht zu schnell – etwas Unkontrollierbares entsteht. Erst macht man euphorisch mit, hechelt atemlos hinterher und scheitert schließlich. Scheitern als Chance, Sinnbild vieler Produzent*innen, die den Schritt aus der „kleinen elektronischen Musikwelt“, aus der Komfortzone Homerecording hinaus ins Ungewisse gewagt haben. Wer diese Hürde nimmt, kann frei agieren.
Das summende Vielleicht
„Alles ist mittlerweile elektronisch. Für meine Generation war es eigentlich unvorstellbar, exakt diesen Sound an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, aber genau das ist passiert. Für mich ist klar, dass sich Musik weiterentwickeln muss.“ Und fügt hinzu, dass ihn kommerzieller Erfolg, was sein Soloprojekt Apparat angeht, nicht sonderlich interessiert. Das sagt er natürlich nur, weil er es sich leisten kann.
Dass Ring eigentlich ein Singer/Songwriter ist – und eben kein Technoproduzent –, hat er erst kürzlich für sich entschieden. Das Gleichgewicht zwischen Track, Sound und Text verschiebt sich für ihn nicht, sagt er, eher das Selbstverständnis seiner Musik. „Den Texten beim Songwriting mehr Gewicht einzuräumen, hat mich mehr vorangebracht, als drei Jahre Psychoanalyse“, gesteht Ring. Und vielleicht – maybe – stimmt das auch.
Dass auf A Hum Of Maybe Großes passiert, wird besonders gegen Ende des Albums offenkundig
Dass auf „A Hum Of Maybe“ Großes passiert, wird besonders gegen Ende des Albums offenkundig. Bis zum Dreiklang aus „Williamsburg“, „Pieces, Falling“ und „Recalibration“ schmirgelt er sich durch die ausufernde Welt des Pop, referenziert seinen eigenen Werdegang, dickt die größtenteils ruhigen und doch lauten Stücke mit Sounds und Passagen an, die nur er so denken und umsetzen kann.
Dann jedoch folgt eine Attacke der Stille, die zeigt, dass Apparat nie ein Thom-Yorke-Epigone war, sondern vielmehr Album für Album daran gearbeitet hat, seinen charakteristischen Sound zu schmieden. Sounddesign und Songwriting setzen eine Tradition fort, die auch der britische Künstler Mark Hollis auf den letzten beiden Alben mit seiner Band Talk Talk und seinem finalen Soloalbum zur Disposition stellte.
Sascha Ring braucht knappe 15 Minuten für die Unendlichkeit. Ohne Rave-Signale, ohne dringliche Basslines, minus jeder Effekthascherei: Dann entsteht purer Klang, unmittelbares Driften, ein Abtauchen ohne Wenn und Aber. Und genau das zeichnet Apparat schon seit seinem Debütalbum aus. Klangräume hinstellen. Die passten früher vielleicht in die Kellerclubs einer Stadt, die nicht wusste, wohin mit sich selbst. Heute summen sie auf Transparentgröße: Nichts wird gut, aber wir sind alle hier.
Keine schlechte Übersetzung der Wirklichkeit.





















