Neue Diskussion um sowjetische Ehrenmale: Erklären, nicht abreißen | ABC-Z

In Berlin wird wieder über die sowjetischen Ehrenmale diskutiert. „Wir müssen das sowjetische Erbe neu bewerten“, fordert die ukrainische Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk zum vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Dazu brauche es „intellektuelle Tapferkeit“.
Müssen die monumentalen Ehrenmale aus der Stalinzeit in Treptow, im Tiergarten und in der Schönholzer Heide in Pankow also weg? Die Debatte ist nicht neu. Bereits kurz nach dem Beginn des Krieges hatte eine CDU-Abgeordnete gefordert, die beiden T34-Panzer vom Ehrenmal im Tiergarten zu entfernen.
Die Antwort des damaligen rot-grün-roten Senats war eindeutig: „Hier geht es um das Gedenken der Toten des Zweiten Weltkriegs, in dem auf Seiten der Roten Armee Soldaten vieler Nationalitäten der Sowjetunion, darunter etliche russische und ukrainische, im Kampf gegen das Nazi-Regime starben“, sagte Vize-Regierungschefin Bettina Jarasch (Grüne). Die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) schloss sich Jaraschs Argumentation an.
Vier Jahre später fordert nun nicht nur Nobelpreisträgerin Matwijtschuk eine Neubewertung, sondern auch das Ukrainische Institut sowie der ukrainische Verein Vitsche. „Die deutsche Erinnerungskultur hat einen weißen Fleck, und das ist Russland“, sagt die Direktorin des Ukrainischen Instituts, Kateryna Rietz-Rakul, am Montagabend beim „Café Kyiv“ der Konrad-Adenauer-Stiftung im ehemaligen Kino Colosseum. „Wir brauchen deshalb eine multidirektionale und antikoloniale Erinnerungskultur.“
Überall in Europa werden sowjetische Denkmale entfernt, nur nicht in Berlin
Andrii Portnov, Historiker
Was darunter zu verstehen ist, erklärt der Historiker Andrii Portnov mit Blick auf die Debatte in der Ukraine selbst. „Auch dort ist die Diskussion nicht einfach“, betont Portnov. In der Denkmaldebatte in der Ukraine gebe es zum einen eine antikoloniale Argumentation, also den Willen, die russischen Narrative abzulegen. „Und gleichzeitig begreift sich die Ukraine bereits als eigenständiges Subjekt“, so Portnov. Je selbstbewusster die Erinnerung, soll das wohl heißen, desto mehr Widersprüche kann sie aushalten.
In Deutschland dagegen, so der Historiker, sei die Debatte anders gelagert. „Da geht es auch um den eigenen Umgang mit der Geschichte.“ Portnov beklagt ebenfalls den „weißen Fleck“, den Rietz-Rakul angesprochen hat, und sagt: „Man darf die deutsche Haltung nicht auf andere Länder übertragen.“ Gleichzeitig fordert Portnov aber auch eine Weitung der Berliner Diskussion auf eine europäische Ebene. „Überall in Europa werden sowjetische Denkmale entfernt, nur nicht in Berlin.“
Parallelen zur Berliner Mauer
„Die Solidarität mit der Ukraine darf nicht dazu führen, destruktiv mit dem kulturellen Erbe umzugehen“, warnt dagegen der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, und weiß sich darin auch einig mit Berlins Landeskonservator Christoph Rauhut. Wohin ein solcher destruktiver Umgang führen könnte, erklärt Klausmeier auch mit seinem eigenen Thema. „Die Mauer war das verhassteste Bauwerk in Berlin“, erinnert er. „Glücklicherweise hat man sich dafür entschieden, Teile davon zu behalten.“
Klausmeiers Vergleich ist auch ein Plädoyer dafür, am Beispiel unbequemer Denkmale miteinander ins Gespräch zu kommen über den Umgang mit Geschichte und Erinnerung. Wenn man sie entfernte, ginge das nicht mehr. „Was weg ist, ist weg.“
Doch so einfach ist ein solcher Dialog nicht. Nicht nur Eva Yakubovska von Vitsche weist darauf hin, wenn sie daran erinnert, dass sich am 9. Mai, dem russischen Siegestag über Nazideutschland, Russlands Nachtwölfe, eine Gruppe von rechtsradikalen Bikern, immer wieder an einem der Ehrenmale treffen.
Russischer Botschafter in Pankow
Wie umkämpft die Denkmale erinnerungspolitisch sein können, zeigte sich auch bei den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestags des Kriegsendes am 8. Mai. Russlands Botschafter Sergej Netschajew, bei den offiziellen Feiern nicht eingeladen, zeigte sich seinen Anhängern am Ehrenmal in Pankow. Im Treptower Park dagegen wurden vor der Soldatenstatue Kränze aufgestellt mit der Aufschrift „Gegen Invasoren“.
Wäre es also nicht doch besser, die Denkmale zu entfernen? Geht schon rein rechtlich nicht, sagt Axel Klausmeier und verweist auf den besonderen Schutz der Ehrenmale als Friedhöfe und Grabstätten. Darüber hinaus seien die Monumente im Zwei-plus-vier-Vertrag rechtlich gesichert.
Das wiederum will Vitsche-Vertreterin Yakubovska so nicht stehen lassen. „Welchen Stellenwert hat das Gesetz vor dem Hintergrund, dass Russland mit dem Krieg gegen Völkerrecht verstößt?“, will sie wissen. Klausmeiers Antwort. „Den Zwei-plus-vier-Vertrag haben alle Alliierten unterschrieben.“ Selbst die Briten hätten sich nach dem Mauerbau für den Erhalt des Ehrenmals am Brandenburger Tor eingesetzt. „Wir müssen das respektieren, auch wenn wir heute eine ganz andere Situation haben.“
Einig waren sich die Teilnehmer des Panels am Montag, das voranzutreiben, was in Großbritannien „retain and explain“ heißt. Mehr erklären also, oder, wie es Klausmeier nennt: „kontextualisieren“. Zusätzliche Erklärtafeln oder QR-Codes seien möglich. „Wir können am Beispiel der namenlosen Gräber auch erzählen, wie wenig wert ein Menschenleben im Sowjetsystem war“, sagt Klausmeier.
Kontextualisierung ist auch für Vitsche wichtig. Allerdings müsse diese dann auch weithin sichtbar sein. So könnte man einen Teil der Denkmale auch umgestalten, schlägt Eva Yakubovska war. Ein paar QR-Codes, das ist ihre Botschaft, werden den russischen Botschafter nicht davon abhalten, vor der monumentalen Kulisse von Panzern und ruhmreichen Sowjetsoldaten seine Propaganda zu verbreiten.





















