Haar: Kandidat auf CSU-Stadtratsliste wechselt zur AfD – Landkreis München | ABC-Z

Die Wählerinnen und Wähler in der Stadt Haar bekommen bei der bayerischen Kommunalwahl am 8. März auf der CSU-Liste für den Stadtrat einen Kandidaten von der AfD präsentiert: Chrisostomos Liatsos steht dort auf Listenplatz 23. Seit Freitag gehört der 19-Jährige nicht mehr der CSU an, sondern hat nach eigenen Worten am selben Tag einen „politischen Neuanfang“ bei der Rechtsaußen-Partei unternommen. Damit hat der Stadtratskandidat gut zwei Wochen vor der Wahl die CSU in der Münchner Stadtrandgemeinde in schwere Turbulenzen gestürzt und nebenbei größtmögliche Verwirrung gestiftet. Denn die Liste steht und gilt am Wahltag. Wer per Briefwahl bereits die CSU-Liste pauschal angekreuzt hat, hat damit also den Neu-AfDler unterstützt.
Was die CSU und ihre Glaubwürdigkeit hinsichtlich einer Brandmauer zur AfD angeht, hätte Liatsos, der bisher als Beisitzer in der CSU-Jugendorganisation Jungen Union aktiv war, keinen schlechteren Zeitpunkt für seine politische Neuorientierung wählen können. Die Nominierung der Stadtratsliste liegt Monate zurück, der Wahlkampf läuft auf Hochtouren und viele Wähler haben schon per Brief ihre Entscheidung getroffen. Die CSU versucht sich daher an Schadensbegrenzung.
Ihr Ortsvorsitzender Dietrich Keymer sagt, man habe sich maximal von Liatsos distanziert. Dieser habe auch „im Beisein meiner Stellvertreterin“ mit Unterschrift erklärt, „dass er die Kandidatur beendet und die Partei verlässt“. Insofern, sagt Keymer, herrsche absolute Klarheit, dass dieser über die CSU nicht in den Stadtrat einziehen werde – selbst den unwahrscheinlichen Fall angenommen, dass er von Platz 23 vorgehäufelt würde. „Für die CSU ändert sich nichts“, so Keymer.
Was den jungen CSU-Anhänger mit griechischen Wurzeln getrieben hat, der Partei ausgerechnet jetzt den Rücken zu kehren, ist dem Haarer CSU-Chef nach eigenen Worten ein Rätsel. Ihm gegenüber habe Liatsos „persönliche Gründe“ genannt. Er kenne Liatsos als Parteigänger, Näheres zu seinen Motiven wisse er nicht. Die CSU hat Namen und Foto des Abtrünnigen umgehend von ihrer Homepage gelöscht.
Auf der Facebook-Seite der CSU erklärt Liatsos dagegen in seiner Kurzvorstellung noch immer, er wolle „Verantwortung für unsere Stadt übernehmen“. Ihm liege „die Stärkung unserer Demokratie und der lokalen Wirtschaft besonders am Herzen“. Als Koch wisse er, wie wichtig eine solide Ausbildung und faire Chancen seien. Doch mittlerweile verbreitet er andere Nachrichten.
Auf einem Foto zeigt er sich zusammen mit AfD-Bürgermeisterkandidat Christoph Rätscher
Ein Foto auf seinem Instagram-Kanal zeigt ihn nach einem „sehr sympathischen Abend“, wie er dazu schreibt, in demonstrativer Eintracht mit dem AfD-Bürgermeisterkandidaten Christoph Rätscher, der sich im Kommunalwahlkampf offen am rechtsextremen Rand seiner Partei positioniert und Remigration von Menschen mit ausländischen Wurzeln fordert. Dass Chrisostomos Liatsos zumindest Sympathien für harte Meinungen am rechten Rand hegt, hätte man auch schon früher feststellen können. Schon im August 2025 postete er auf Instagram: „wenn dich linke hassen machst du alles richtig“.
Die Liste mit Liatsos auf Platz 23 haben die CSU-Mitglieder auf einer Versammlung Anfang November aufgestellt. Damals herrschte große Einigkeit. Bürgermeister Andreas Bukowski wurde einstimmig nominiert. Auf dem obligatorischen Gruppenfoto der Kandidaten stand der 19-Jährige mittendrin unter altbekannten Stadträten und anderen jungen Nachwuchskräften, wie man sich rühmte.
Eine Änderung der Liste kurz vor der Wahl ist ausgeschlossen. „Das ist alles gegessen“, sagt CSU-Chef Keymer, der selbst Jurist ist. Chrisostomos Liatsos wird daher zu Stimmen kommen und könnte so auch als AfD-Mitglied in den Stadtrat gelangen. Und das ungeachtet seiner schriftlichen Erklärung, die er vor dem CSU-Vorsitzenden abgegeben hat. Denn wie Walther Michl, Professor für öffentliches Recht und Europarecht an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg, erklärt, hat diese für die Wirksamkeit der Wahl selbst keine Bedeutung.
Entscheidend ist, was der Kandidat nach der Wahl macht und vor der zuständigen Wahlbehörde im Rathaus erklärt. „Eine Wahl gilt als angenommen, wenn man sie nicht mindestens innerhalb einer Woche abgelehnt hat.“ Dies müsse der Gewählte „aktiv“ von sich aus erklären. Aus Sicht von Michl steckt die CSU in Haar deshalb in einer wahren Zwickmühle. Einerseits wolle man den Fall mit dem abtrünnigen Kandidaten nicht groß thematisieren, andererseits müsse man sich ehrlicherweise natürlich distanzieren. Das Problem sei nicht rechtlich, sondern vor allem „wahltaktisch zu beantworten“.
Die Wähler bleiben, sofern sie nicht schon per Briefwahl abgestimmt haben, auch in der Wahlkabine am 8. März der Souverän. Denn selbstverständlich, sagt Michl, habe jeder die Möglichkeit, einen Kandidaten auf der Liste durchzustreichen. Ebenso wie jeder Wähler bei der Kommunalwahl die Möglichkeit, einzelnen Kandidaten bis zu drei Stimmen zu geben und damit nach vorne zu häufeln, mithin die Sitzvergabe zu beeinflussen.





















