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Warten auf Preissenkung beim Führerschein: Anmeldungen bei Fahrschulen brechen ein – Bayern | ABC-Z

In gewisser Weise kann es Reiner Endres ja verstehen. Wenn er hören würde, dass der Führerschein fürs Auto billiger werden soll – „da würde ich auch erst mal warten“, sagt er. Dabei ist genau das gerade das Problem. Endres ist Fahrlehrer aller Klassen, mit sieben Schulen in Forchheim und Umgebung. Im Netz wirbt sein Betrieb mit mehr als 50 Jahren Erfahrung. Aber jetzt? „Es ist wirklich ein Hin und Her“, sagt Endres.

Hin, weil Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) vor ein paar Monaten angekündigt hat, dass der Führerscheinerwerb reformiert, vor allem aber günstiger werden soll. Her, weil seitdem neue Fahrschüler tendenziell lieber diese Preissenkung abwarten wollen, anstatt sich an den Fahrschulen einzuschreiben – während man dort noch gar nicht genau weiß, was sich durch die Reform wie ändern wird. Eine „doppelte Verunsicherung“ nennt Endres das, für die Kunden und für die Fahrlehrer. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“

Das aber würden gerne auch andere Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer in Bayern wissen. Denn seit der Ankündigung, dass der Führerschein 2026 billiger werden soll, sind die Neuanmeldungen bei den Fahrschulen eingebrochen. Und in Bayern ist das Minus laut einer Branchenumfrage besonders groß, zeitweise lag es bei mehr als 80 Prozent. Die Folge: Erste Schulen überlegen, Personal in Kurzarbeit zu schicken oder zu entlassen. Dabei klagte man bis vor Kurzem nicht über ein Übermaß, sondern einen Mangel an Fahrlehrern.

Die in Regierungskreisen gehandelten Sparpläne, für viele Fahrlehrer ein „Witz“

Stattdessen fehlen jetzt die Fahrschüler. Und die Fahrschulen fragen sich, woher die Kostenersparnisse kommen sollen. „Ich brauch’ ein Auto, daran kann ich nichts ändern“, sagt etwa Endres, der sich auch als Regionalvorsitzender für Bamberg und Umgebung im Landesverband Bayerischer Fahrlehrer engagiert. Gleiches gelte für Personal, Werkstattbesuche, Spritkosten oder Versicherungen. Ähnlich äußern sich Kollegen. Einer nennt es am Telefon einen „Witz“, dass man zwar den Führerscheinerwerb einfacher machen, aber „gleichzeitig die Verkehrssicherheit erhalten“ wolle. „Realitätsfern“ nennt ein anderer die Pläne, „eine Nebelkerze“ ein Dritter.

Schon seit Längerem wird um die Fahrerlaubnis der Klasse B gestritten. Einerseits ist sie oft alternativlos: Ohne Auto gehört man gerade im ländlichen Bayern der Katz. Andererseits mehren sich auch so die Klagen über steigende Lebenshaltungskosten. Die Ausgaben für einen Führerschein lassen sich dabei pauschal nur schwer beziffern. Der ADAC hat das exemplarisch auf seiner Webseite vorgerechnet. Im ersten Szenario würde, wer nach 15 Fahrstunden beide Prüfungen im je ersten Versuch schaffte, 2500 Euro zahlen. Das zweite Szenario ist realistischer. Hier fällt man zunächst durch und benötigt 25 Stunden sowie 4500 Euro.

Da möchte die Politik ran. Einen Antrag für niedrigere Führerscheinkosten haben beispielsweise im Januar 2025 die Fraktionen von CSU und Freien Wählern im Landtag eingebracht: „Die Befähigung, ein Auto zu fahren, darf nicht zum Luxusgut werden“, heißt es darin. Auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung findet sich das Thema.

Diesen Februar präsentierte dann – nachdem Schnieder zuvor das Jahr 2026 ins Spiel gebracht hatte – das Bundesverkehrsministerium mehrere Vorschläge. Eine Auswahl: Theorieunterricht soll künftig auch online stattfinden, bei den mehr als 1100 Prüfungsfragen soll ausgedünnt werden. Praktisch soll die Zahl der zu absolvierenden Sonderfahrten – auf Autobahn, Landstraße und im Dunkeln – von zwölf Unterrichtsstunden auf drei sinken. Eine „Experimentierklausel“ soll die Laienausbildung ermöglichen, also dass junge Menschen nach einigen Fahrstunden mit ihren Eltern weiterüben, ähnlich wie in Österreich. Und Fahrsimulatoren sollen „als Option“ rechtlich verankert werden.

Grafik-Diagramm Nr. 110074, Format 60 x 85 mm, 'Führerscheinkosten in Deutschland'; Redaktion: B. Schaller (Wiederholung); Hinweis: Diese Grafik finden Sie als Webgrafik auch im dpa-shop: https://dpaq.de/TeI3K8Y
Grafik-Diagramm Nr. 110074, Format 60 x 85 mm, ‘Führerscheinkosten in Deutschland’; Redaktion: B. Schaller (Wiederholung); Hinweis: Diese Grafik finden Sie als Webgrafik auch im dpa-shop: https://dpaq.de/TeI3K8Y (Foto: dpa-infografik GmbH/dpa)

Manches finden auch Fahrlehrer überlegenswert. Sie bezweifeln nur, ob es zielführend ist. Beispiel Fragenkatalog: 2025 wurden in Bayern 44 Prozent der theoretischen Prüfungen für die Klasse B nicht bestanden. Weniger Fragen könnten also die Quote verbessern. Das Problem: Die Prüfungsgebühren machen nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten aus. Auch mehr Onlineunterricht kann man sich in der Branche vorstellen. Kleinere Fahrschulen treibt aber die Sorge um, dass dies einzelnen Unternehmen, die auf Masse setzen, mehr und mehr Marktmacht verschaffen könnte – bis sie womöglich die Preise diktierten.

Das richtige Fahren auf der Straße, „das ist etwas ganz anderes“, sagt Nowak

Fahrsimulatoren sind ebenfalls nichts Neues, zumindest nicht für die Schulen, die sich die Geräte leisten können. Fahrlehrer Manfred Nowak hat eines bei sich in Passau stehen. Anfänger verbringen darauf die ersten drei Doppelstunden, lernen anfahren, abbiegen und die Vorfahrtsregeln. Der Simulator helfe vor allem, sich sicherer zu fühlen, sagt Nowak. Weniger Stunden bräuchten seine Schüler nicht unbedingt: Das richtige Fahren auf der Straße, „das ist etwas ganz anderes“.

Inwiefern sich durch diese und andere Ideen Geld sparen lässt, ist nun die große Streitfrage. Der ADAC etwa begrüßte die Vorschläge des Bundesverkehrsministeriums. Der TÜV-Gesamtverband hingegen warnte davor, „Erfolge bei der Verkehrssicherheit der letzten Jahrzehnte zunichte“ zu machen. Auch beim bayerischen Innenministerium ist in den vergangenen Monaten Kritik von Branchenvertretern eingegangen. „Aus meiner Sicht dürfen die Standards und Anforderungen der Fahrschulausbildung und -prüfung keinesfalls so abgesenkt werden, dass dies perspektivisch zu mehr Verletzten und Unfalltoten führt“, heißt es in einem Antwortschreiben von Minister Joachim Herrmann (CSU), das der SZ vorliegt. Man warte die weitere „fachliche Diskussion“ ab.

Ein Ergebnis dürfte es nicht vor Herbst geben. Bayerns Fahrlehrer hoffen, dass neue Fahrschüler nicht ganz so lange warten: Wollten dann alle zugleich Unterricht nehmen, könnten die Kapazitäten fehlen, sagt Fahrlehrer Endres in Forchheim. Er glaubt nicht, dass er in Zukunft weniger Stunden geben könnte, nur weil laut Vorgaben weniger genügen würden. Heute dauere es mit dem Führerschein eher länger als früher, sagt Endres, der Verkehr habe zugenommen, das erschwere die Sache. Außerdem sei nicht jeder Schüler gleich begabt fürs Autofahren. „Wenn einer 80 Stunden braucht, braucht er 80 Stunden.“

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