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Nach Anti-Rassismus-Statement: Vincent Kompany und die Chance auf echten Wandel | ABC-Z

Stand: 23.02.2026 • 15:27 Uhr

Nach rassistischen Vorfällen in der Champions League meldet sich Bayern-Trainer Vincent Kompany ungewöhnlich deutlich zu Wort. Sein Appell reicht weit über den Einzelfall hinaus – und legt offen, wie tief verankert Ungleichheiten in den Strukturen des Profifußballs sind.

Legendäre Pressekonferenzen gehören im Vereinsheim des FC Bayern München fast schon zum Alltag. Giovanni Trappatoni, Luis van Gaal oder Pep Guardiola – viele große Namen aus der Fußball-Welt haben an der Säbener Straße schon denkwürdige Momente geliefert. Und doch wird die Pressekonferenz von Bayern-Trainer Vincent Kompany vor dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt auch in vielen Jahren noch herausragen.

Ethmnologin Atse: “Das hat Wirkung entfaltet”

Fast 12 Minuten lang lies Vincent Kompany seinen Gedanken freien Lauf und sprach über das, was sich vergangene Woche beim Champions-League-Spiel zwischen Benfica Lissabon und Real Madrid abgespielt hatte. Über Madrids Siegtorschützen Vinicius Jr., der von seinem Lissaboner Gegenspieler vermeintlich rassistisch beleidigt wurde. Über die rassistischen Affenlaute im Stadion. Und über Jose Mourinho, der als Trainer der Heimmannschaft nach der Partie seinen eigenen Spieler in Schutz nahm und Vinicius Jr. selbst die Schuld an der Eskalation gab – er hätte mit seinem Torjubel schließlich unnötig provoziert.

“Vincent Kompany hat als Trainer wirklich etwas Herausragendes gemacht”, sagt die Ethnologin Rachel Etse, die seit Jahren selbst als rassismuskritische Beraterin im Fußball arbeitet. “Er hat erst einmal alles, was bei diesem Champions-League-Spiel abgelaufen ist, eingeordnet. Nicht nur das, was auf dem Platz passiert ist, sondern auch, wie damit umgegangen worden ist – gerade die Aussagen von Jose Mourinho. Und dann hat er diese Vorgänge auch noch historisch kontextualisiert und erklärt, was das eigentlich bedeutet für die Lebensqualität von betroffenen Spielern.”

In seiner Rede sprach Kompany auch ausführlich über seine eigenen Rassismus-Erfahrungen als junger Schwarzer Fußballer. “Er ist auf die persönliche Ebene gegangen und hat sich selbst sozusagen vulnerabel gemacht. Er hat also auf so vielen Ebenen Menschen erreicht und mit so einer Klarheit und einer Haltung gesprochen, dass das Wirkung entfaltet hat. Deswegen bin ich wirklich beeindruckt von ihm, das auch als Mensch in seiner Trainerrolle zu tun. Weil es das ist, was wir betroffene Personen uns in diesem System wünschen – dass Raum geschaffen wird für genau diese Perspektiven.”

Diversität im Fußball nur auf dem Spielfeld

Vincent Kompany leitet seit Sommer 2024 die Geschicke beim FC Bayern München. Er ist der erste Schwarze Trainer des größten deutschen Fußball-Vereins überhaupt – eine Tatsache, die bei seiner Amtsübernahme, wenn überhaupt, dann nur am Rande erwähnt wurde. “Eigentlich sollte es ja so sein, dass er nur in seiner Trainerrolle gesehen wird. Aber dadurch, dass die Struktur es gar nicht hergibt, dass Schwarze Menschen in den Sportstrukturen repräsentiert werden, finde ich, dass das viel mehr Raum bekommen sollte – welchen Effekt es hat, dass er da ist”, sagt Etse.

Schwarze Personen sind in Sportstrukturen stark unterrepräsentiert, das zeigen vor allem internationale Analysen in den vergangenen Jahren. In der englischen Premier League, die in Experten-Kreisen als beste Liga der Welt angesehen wird, identifizierten sich 2022 beispielsweise 43 Prozent aller Spieler als Schwarz – in den Vereinsstrukturen selbst lag der Anteil an Schwarzen Menschen aber bei unter zehn Prozent, auf Exekutiv-Ebene sogar bei gerade einmal 1,6 Prozent. In Deutschland gibt es solche wissenschaftlichen Analysen bisher noch nicht, die Zahlen würden sich vermutlich aber in einem ähnlichen Rahmen bewegen, wenn nicht sogar noch geringer ausfallen als in England.

Rachel Etse gibt Anti-Rassismus-Workshops in Nachwuchsleistungszentren und ist damit seit einigen Jahren selbst Teil der deutschen Fußball-Strukturen. Im Dezember wurde sie ins Kuratorium der DFB-Kulturstiftung berufen. Sie hat festgestellt: “Je höher man in die Strukturen geht, in den Vereinen und in den Verbänden, desto unsichtbarer sind vor allem Schwarze Menschen. Und das hat natürlich auch historische Gründe, die viel mit Kolonialismus und Rassismus zu tun haben. Dadurch gibt es strukturelle Barrieren, über die kaum gesprochen wird.”

Fußball als Kolonialisierungs-Instrument – Schwarzer Körper, weißer Geist

Zu Zeiten des Kolonialismus war Fußball für koloniale Großmächte aus Europa ein Instrument, das dazu genutzt wurde, um andere Kulturen zu “zivilisieren”, zu kontrollieren und in eine weiße, europäische Richtung zu erziehen. Dadurch entstanden Narrative, die in Mannschaftssportarten auch heute noch präsent sind, erklärt Atse. “‘Schwarzer Körper, weißer Geist‘: Das bedeutet, Schwarze Menschen werden stark auf ihre Körper reduziert – basierend auch auf transatlantischem Sklavenhandel – während weiße Menschen als intelligent dargestellt werden. Deswegen sieht man weiße Spieler auf dem Platz auch heute noch im Zentrum, im Tor oder als Mannschaftskapitän, und Schwarze Spieler eher im Sturm oder auf den Außenbahnen.”

“Racist Stacking” wird dieses Phänomen genannt, das wissenschaftlich auch schon durch deutsche Studien belegt wurde. Rachel Etse hat im Umgang mit jungen Fußballern in Nachwuchsleistungszentren festgestellt, dass die rassistischen Narrative auch in der nächsten Generation noch tief verankert sind. “Das heißt, im Grunde genommen wird diese implizierte Botschaft vermittelt: Dein Schwarzer Körper hat Platz auf dem Spielfeld, aber nicht in den Strukturen – dort, wo entschieden wird. Und da zeigt sich wieder dieses Hierarchie-Gefälle, dieses Machtgefälle, wie es koloniale Strukturen eben mit sich bringen”, so die Ethnologin.

Kompanys Statement bietet Chance für neue Art von Dialog

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren einiges in Sachen Diversität getan: 2016 wurde Ex-Nationalspieler Cacao als erste Schwarze Person zum Integrations-Beauftragten des DFB berufen, seitdem gab es auch in vielen Bundesliga-Vereinen immer wieder Anti-Rassismus-Kampagnen. Auf Pressekonferenzen des FC Bayern fliegt der Münchner “ROT gegen Rassismus”-Slogan neben all den anderen Hauptsponsoren im Hintergrund durch das Fernsehbild.

Aber: Was bedeutet eigentlich echte Anti-Rassismus-Arbeit? Sensibilisierung für das Thema wäre der erste Schritt, den viele in den Fußballstrukturen aus Sicht von Rachel Etse trotz aller Kampagnen bisher noch nicht gegangen sind. Je länger Menschen in den bereits bestehenden Strukturen aktiv sind, desto schwieriger ist es, vorhandene Muster aufzubrechen. “Das heißt, was es in diesen Strukturen jetzt braucht, ist Druck. Druck von außen, so dass die ganze Zeit über dieses Thema gesprochen wird. Nicht nur auf der Meta-Ebene nach einzelnen Rassismus-Vorfällen, sondern auch über Fragen wie: ‘Was bedeutet das jetzt eigentlich? Wie kommen wir jetzt ins Handeln? Was muss jetzt konkret verändert werden?’ Und wenn da Druck entsteht, dann hat das System irgendwann auch keinen Platz mehr und muss kollabieren”, erklärt Etse.

Vincent Kompany hat in seinem zwölfminütigen Statement viele dieser Punkte angerissen. Am Wochenende wollte er sich nach dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt aber nicht weiter dazu äußern, sondern der Debatte Raum geben, sich zu entfalten. “Ich hoffe, dass die Tür offen bleibt, damit wir aus diesem Moment wachsen”, sagte er auf der Pressekonferenz nach dem Spiel.

Für Rachel Etse muss Kompany nicht unbedingt zur Gallionsfigur für Anti-Rassismus-Kampf werden: “Er hat einen Marker gesetzt und den kriegt man nicht mehr weg. Und das ist das Starke. Und das ist jetzt eigentlich genau die Chance, gerade auch für die Medien, das zu nutzen und diesen Diskurs weiterzuspinnen.”

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