Empörung über Preisträger: Wer der Berlinale wirklich schadet | ABC-Z

D ie deutsche Politik empört sich mal wieder über die Berlinale. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ während der Preisverleihung den Saal, Berlins Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer schäumten über angeblichen „Israel-Hass“, und Alexander Hoffmann, Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, sprach von „Drohungen“ und fordert Konsequenzen. Oh weh.
Die Berlinale war einmal stolz darauf, ein politisches Filmfestival zu sein. Lange war es die erste Adresse für iranische Regisseure, deren Filme im eigenen Land verboten wurden. 2023 zeigte sich die Festivalleitung demonstrativ solidarisch mit den Menschen in der Ukraine und den Protestierenden im Iran, organisierte Soli-Fotos auf dem roten Teppich und Panels zur Lage in beiden Ländern, sie ließ sogar Ansteck-Bären-Pins in den ukrainischen Nationalfarben verteilen. Doch seit dem 7. Oktober 2023 hadert sie mit ihrem hehren Anspruch.
Die aktuelle Leiterin, die US-Amerikanerin Tricia Tuttle, hat es besonders schwer. Die deutsche Politik erwartet von ihr unverhohlen, dass sie allzu deutliche Solidaritätsbekundungen mit den Menschen in Gaza und Kritik an der deutschen Staatsräson bei der Berlinale möglichst unterbindet – und sie finanziert schließlich das Festival. Damit hat sie ein Druckmittel zur Hand.
Erinnerung als Bedrohung?
Es ist nachvollziehbar, dass deutsche Politiker wie Carsten Schneider nicht an die deutsche Mitschuld am Genozid in Gaza erinnert werden wollen. Überraschend ist, wie vielen deutschen Filmjournalisten es ähnlich geht. Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland legte der Berlinale (in der Sendung „Kulturzeit“ auf 3Sat) sogar nahe, dem Journalisten Tilo Jung die Akkreditierung zu entziehen, weil dieser ihm zu kritische Fragen stellte.
Andere fühlen sich wie der CSU-Politiker Hoffmann „bedroht“, weil der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib in seiner Dankesrede sagte, man werde sich an jene erinnern, die zum Völkermord in Gaza schwiegen. Erinnerung als Bedrohung? Da spielt manchen wohl das eigene schlechte Gewissen einen Streich.
Doch offene Debatten lassen sich zum Glück nicht so einfach unter dem Deckel halten. Es waren die klugen Entscheidungen der Jury, kritische Filmemacher und Journalisten, welche die diesjährige Berlinale gerettet haben. Politiker wie Weimer, die kritische Künstler im rassistischen Duktus als „Pali-Aktivisten“ abkanzeln und ihnen den Mund verbieten wollen, schaden dagegen dem Ansehen der Berlinale. Sie sollten sich über deren drohenden Bedeutungsverlust dann nicht wundern.





















