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Werder Bremen: Verwirrung, Verzweiflung und Verdruss im Abstiegskampf – Sport | ABC-Z

Wer wissen wollte, wie es aktuell um den SV Werder Bremen steht, bekam in der 82. Minute sehr anschauliches Studienmaterial präsentiert. Verwirrung, Verzweiflung, Verdruss: Niklas Stark und Mio Backhaus schafften es tatsächlich, diesen unheilvollen Dreiklang in nur einer Szene zu vereinen. Aus dem Bremer Mittelfeld rollte ein Rückpass an, dieser war allerdings genau so dosiert, dass keiner wusste, wer für die notwendige Klärungsaktion zuständig sein sollte. Der Verteidiger Stark schirmte den Ball ab und erwartete einen Vorstoß von Backhaus. Der Torwart kalkulierte mit einer tatkräftigen Intervention von Stark. Nimm du ihn, ich hab’ ihn sicher – diese deutlich überstrapazierte Fußballweisheit darf herangezogen werden, wenn nicht klappt, was auf Profiniveau wie selbstverständlich klappen sollte.

Stark verhinderte einen Zugriff des gegnerischen Stürmers letztlich dadurch, dass er den Ball auf die Tribüne drosch. Es folgte eine Zurechtweisung des Kollegen Backhaus. Backhaus schimpfte zurück. Bremer Spieler stemmten ihre Hände an die Hüften oder schüttelten den Kopf. Und wenig später, nach Abpfiff, war der Zustand des SV Werder dann erneut in schonungsloser Transparenz zu besichtigen. Rund um dieses 1:2 beim FC St. Pauli verdichtete sich alles, was der Fußball an furchterregenden Zahlen, Fakten und Krisenszenarien zu bieten hat. Der Kiezklub konnte sich durch den Sieg auf den Relegationsplatz 16 vor- und an Werder vorbeischieben.

Werder hat dagegen seine Schreckensserie auf 13 Ligaspiele ohne Sieg erweitert, so viele wie nie zuvor in der 127-jährigen Vereinsgeschichte. Und Daniel Thioune, der weiterhin neue Trainer, von dem man sich erhofft hatte, er würde dem Team eine Kehrtwende oder wenigstens spürbare Impulse verpassen – ist jetzt mit drei Niederlagen nacheinander in den neuen Job gestartet. War’s das nun schon mit dem viel zitierten Trainereffekt, für den Trainerwechsel schließlich vorgenommen werden?

„Ich habe genug Fantasie“, sagte Thioune, „diese Mannschaft ein Stück weit wieder in die Spur zu bringen.“ Der Coach rang auf der Pressekonferenz mit sich und seinen Mundwinkeln darum, ein Lächeln zu mobilisieren. Oder wenigstens eine Art von körperlicher Regung, die beweist, dass Thioune, der Werder vor dem Schlimmsten bewahren soll, selbst daran glaubt, der richtige Mann am richtigen Ort zu sein. So hatte er es bei seiner Vorstellung vor zweieinhalb Wochen selbst formuliert. So war er auch sonst aufgetreten, optimistisch, offen, tatkräftig, trotzig. Auch am Sonntag kamen Selbstversicherungsbegriffe wie „Zuversicht“ noch auffällig oft zur Anwendung, sowohl bei Thioune als auch beim Bremer Sportchef Clemens Fritz. Das Problem war nur: Ihre Gesichter spielten da nicht mit. Zuversicht sieht anders aus. Auch dies war sehr eindrückliches Studienmaterial darüber, wie es gerade um den einst so glorreichen SV Werder steht.

Ein echtes Aufbäumen bekommt Bremen nicht zustande

Das Spiel auf St. Pauli erzählte im Grunde auch die Geschichte der Bremer Saison. Mit Recht durften Thioune und Fritz ihrem Team eine ordentliche erste Halbzeit attestieren; hierbei handelte es sich jedoch um einen Zeitraum, in dem sich die Rahmenhandlung größtenteils zwischen den Strafräumen und fast gar nicht in den relevanten Zonen zutrug. Mit Recht durften Thioune und Fritz zudem an ungünstige Begleitumstände erinnern; aufgrund personeller Sorgen musste etwa Mittelfeldmann Senne Lynen auf die linke Innenverteidigerposition rücken, beim Aufwärmen hatte sich der zuletzt spritzige Felix Agu eine Verletzung zugezogen. Ja, man kann sich sogar darauf einigen, dass die Bremer nicht nur kein Glück haben, sondern noch dazu Pech verkraften müssen: Als Beleg hierfür ließe sich auch St. Paulis 1:0-Führungstreffer durch Hauke Wahl (55.) aufführen, bei dem Bremens sonst zuverlässiger junger Torwart Mio Backhaus den Ball aus seinen Händen flutschen ließ.

Fehler zu ungünstigen Zeitpunkten können jedoch nur dann strafmildernd in die Gesamtbetrachtung einfließen, wenn es noch wirklich günstige Zeitpunkte gibt. Dieses Bremer Team erreicht allerdings schon viel zu lange keine echten Zwischenhöhen mehr. Eine solche hätte die Phase nach Jovan Milosevics zwischenzeitlichem 1:1 (62.) sein können, nicht nur deshalb, weil der zweite Saisontreffer des in der Winterpause geliehenen Serben der erst dritte Mittelstürmertreffer der Werder-Saison war. Wenig später aber traf Joel Chima Fujita zu St. Paulis 2:1 (70.). Und wer nun auf ein Aufbäumen des Bremer Teams gehofft hatte, auf ein echtes Aufbäumen mit Wille, Leidenschaft, Druckphasen, Chancen und einem stringenten Offensivplan – der bekam lediglich den SV Werder des Frühjahrs 2026 und somit nichts davon zu sehen.

„Hintenraus fehlten uns die Ideen und Lösungen“, musste Thioune einräumen. Das Ergebnis sei „unfassbar unglücklich, weil es heute um sehr viel ging“. Diese Beobachtung war auf jeden Fall von der Realität gedeckt, aus mehreren Gründen: Je mehr Negativerlebnisse sich aneinanderreihen, desto schwieriger wird es, sich aus dieser Phase herauszuwinden. Desto stärker wird der Druck und desto niedriger das „Selbstvertrauen“, wie nicht nur Bremens Kapitän Marco Friedl hinterher bei Sky anmerkte.

Wenn man den Trend schon nicht gegen den Abstiegskonkurrenten St. Pauli brechen kann, gegen wen dann? Und vor allem: Wer soll Hoffnung verkörpern, wenn bei Thioune bereits erste Abnutzungseffekte aufzutreten scheinen? Für „Daniel“, sagte sein Vorgesetzter Fritz, sei es aktuell „nicht ganz einfach“. Fritz hat es ihm allerdings auch besonders einfach gemacht: Thioune übernahm den Job vor einem Auswärtsspiel in Freiburg und einem Heimspiel gegen den FC Bayern, auch der Zeitpunkt eines Trainerwechsels hat Einfluss auf den erhofften Trainereffekt.

Nach der Partie auf St. Pauli stehen nun zahlreiche Kellerduelle an, mit Heidenheim, Union Berlin, Mainz, Wolfsburg. Die Bremer müssen diese Aufgaben zunächst ohne ein Übermaß an Selbstbewusstsein angehen. Doch immerhin, die Beteiligten scheinen zu wissen, welche Härten in dieser Saison noch zu erwarten stehen. „Es wird bis zum Ende gehen“, prognostizierten sowohl Thioune als auch Fritz. Wortgleich. Über die Aussichten des SV Werder war somit alles gesagt.

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