Schicksalsstadt München: So lernte Wolfgang Niedecken seine Frau kennen | ABC-Z

Er sitzt ganz nah am Rand, “close to the edge”, wie Wolfgang Niedecken mit Verweis auf ein altes Yes-Album sagt. Eine richtige Bühne gibt es nun mal nicht im Filmtheater Sendlinger Tor, nur einen kleinen Vorsprung vor der Leinwand. Ein Flügel passt nicht darauf, anders als bei den anderen Auftritten seiner “Zwischen Start und Ziel”-Tour.
So sitzen er und Pianist Mike Herting beengt hinter Tisch und E-Piano. Niedeckens Gitarrenkoffer liegen daneben, und das passt bestens zum Charme dieses recht spontanen Abends im “Dings”. Die Zwischennutzung des historischen Kinos ermöglichte es Niedecken, auf seiner aktuellen Tour kurzfristig einen Abend in München einschieben. Der war so schnell ausverkauft, dass noch ein zweiter anberaumt wurde. Der sympathische Großfan neben mir hat zum Glück für beide Abende Tickets ergattert: Er erlebt Niedecken zum 102. Mal, am nächsten Abend zum 103. Mal. Ende März fährt er nach Köln, wo Niedecken an seinem 75. Geburtstag in der Philharmonie auftritt, und im Januar war er schon in Augsburg dabei.
Niedecken erzählt, wie er in München seine Frau kennenlernte
Er kennt das feste Tourprogramm also schon: Es ist halb Lesung, halb Konzert. Niedecken singt autobiographische Lieder und liest die passenden Passagen aus seinen Büchern: von den Tagen seiner behüteten Kindheit, als er mit seinen Freunden die Spiele des 1. FC Köln so lang nachkickte, bis sie doch noch gewonnen wurden (“Nix wie bessher”), bis in die Jahre, in der für ihn “dä Herbst jekumme” ist, wie er in “Zosamme alt” singt. Dazwischen lag, wie es im selben Lied heißt, der “endlos lange Sommer, enn dämm allerhand passiert” ist.
Niedecken schöpft aus diesem reichen Leben, erzählt mit sonorer Stimme unterhaltsam, oft lustig – und schafft es, fast drei Stunden lang über sich selbst zu singen und zu sprechen, ohne im Entferntesten eitel zu wirken. Eine der schönsten Geschichten spielt in München: Auf dem Flug von Köln traf er eine Frau und war wie vom Blitz gerührt: “Ich hatte 50 Minuten, um aus Zufall Schicksal zu machen.” Es gelang ihm, sich abends nach einem Fernsehdreh mit ihr in einem Lokal zu verabreden, das sie in Eile vorgeschlagen hatte: dem Nachtcafé am Maximiliansplatz.
Musik passt bestens in die intime Atmosphäre des Kinos
Mit so einem Schickimicki-Laden hatten seine Band-Kollegen und er – Stammgäste des Kölner Chlodwig Ecks – nichts am Hut. Der Türsteher musterte sie kritisch, bis ein Kollege Niedecken erkannte: “Und schlagartig waren wir willkommene Gäste des Nachtcafés – eine Freundlichkeit, die sich auf Knopfdruck einstellt, war für mich das Letzte.” Am Tresen bestellt ein Musiker “’ne Kasten Bier und ‘ne Öffner” – und bekam beides. “Und dann drehte ich mich um und sie stand plötzlich hinter mir, und ich fing ein Lächeln auf, das diesen Ort dahin beförderte, wo er hingehörte: in die Bedeutungslosigkeit.”
Noch Jahrzehnte später wundere er sich darüber, dass diese Frau tatsächlich seinen Weg gekreuzt hat. Tina Niedecken ist auch an diesem Abend im Sendlinger Tor Kino dabei. Im Anschluss an die Münchner Episode besingt er sie in “Für Maria”, dann in “Zosamme alt”.
Der Kölner Arrangeur, Bandleader und Pianist Mike Herting begleitet ihn bei diesem und 18 weiteren Songs, stilistisch vielseitig und oft von Zwischenapplaus bedacht. Bei “Ich wünsch mir, do wöhrs he” streut er ein Sirtaki-Motiv ein, bei “Verdamp lang her” den Blues. Niedecken spielt dazu Rhythmusgitarre.
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Die Musik kann auf die Dauer natürlich nicht so abwechslungsreich und kraftvoll sein wie in voller BAP-Besetzung, passt aber bestens in die intime Atmosphäre des Kinos. Zu den stärksten Momenten zählen “Jupp”, “Nix wie bessher” und vor allem “Do kanns zaubere”, das die Leser eines Kölner Boulevard-Blatts zum beliebtesten BAP-Song wählten, so Niedecken.
Besonders bewegend ist ein Text, den er über seinen Vater schrieb, den Lebensmittelhändler Josef Niedecken. Als Kind war er mit ihm wie “Pech und Schwefel” verbunden, als Jugendlicher begehrte er gegen ihn auf, später bereitete er ihm Sorgen, weil seine Zukunft als Künstler so ungewiss war.
Vorgeschichte macht “Verdamp lang her” noch bewegender
Zum klärenden Gespräch kam es nicht mehr, der Vater starb 1980. Wenig später schrieb Wolfgang Niedecken dann ein imaginäres Zwiegespräch mit ihm: “Verdamp lang her”, das Lied, das BAP zum Durchbruch verhalf. Wenn er es später auf der Bühne sang, habe er oft das Gefühl gehabt, sein Vater stehe in seinem grauen Arbeitskittel neben ihm und sage: Es sei alles okay, er habe aufgehört, sich Sorgen um ihn zu machen.

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Mit dieser Vorgeschichte klingt das Lied umso bewegender – sofern man die kölschen Zeilen als Nicht-Rheinländer versteht. Niedecken bedankt sich dann auch vor der Zugabe “Für ‘ne Moment” bei den Münchner Zuschauern dafür, seinen Dialekt über all die Jahre so “geduldig” akzeptiert zu haben. Und diese singen beim letzten und schönsten Lied des Abends, “Jraaduss”, den kölschen Refrain mit, aus vollem Hals, wie Niedecken sich das gewünscht hat: “so laut wie die Südkurve in Köln-Müngersdorf”.
Vielleicht sieht man sich ja am 3. Dezember wieder, wenn BAP in der Olympiahalle auftreten, sagt Niedecken am Ende dieses sehr schönen langen Abends im Sendlinger Tor Kino. Die Zukunft des Saals ist bekanntlich offen, und auch dazu äußert Niedecken sich knapp. Er wisse ja wenig über die Vorgeschichte. Doch er bringt die Sache mit einem Satz auf den Punkt: “Es wäre ein Verbrechen, aus diesem Kino einen Supermarkt zu machen”.





















