Werder Bremen: Jetzt holen den Krisen-Klub die Fehler der Vergangenheit ein | ABC-Z

Werder Bremen ist nach zwölf Spielen ohne Sieg im Abstiegskampf angekommen. Der neue Trainer Daniel Thioune soll für Aufbruchstimmung sorgen. Doch die Mannschaft weist strukturelle Schwächen auf – unabhängig davon, von wem sie trainiert wird.
Es war ein trauriger Tag für Werder Bremen. Am vergangenen Mittwoch verstarb Sepp Piontek im Alter von 85 Jahren. Der frühere Verteidiger und Trainer war eine der herausragenden Persönlichkeiten in der Geschichte des Vereins.
Er stand für Werte, die heute noch mit Werder in Verbindung gebracht werden: Bodenständigkeit sowie die Fähigkeit, sich auch im turbulenten Geschäft des Profifußballs stets eine gewisse Gelassenheit zu bewahren – sich nicht treiben zu lassen.
Piontek, der breiten Öffentlichkeit in erster Linie als überaus erfolgreicher dänischer Nationaltrainer bekannt, hatte als Verteidiger 278 Ligaspiele für Werder absolviert. Er war Teil der Mannschaft, die 1965 die Meisterschaft gewann – die erste in der Klubhistorie. Es gab nicht viel, was den „Büffel“, so Pionteks Spitzname, aus der Ruhe bringen konnte.
Die Gegenwart in Bremen ist dagegen von Befürchtungen gekennzeichnet. Könnte es tatsächlich sein, dass es für die Hanseaten, die erst 2022 in die Bundesliga zurückgekehrt waren, wieder in die Zweite Liga geht?
Ein solches Szenario hätte noch bis vor wenigen Monaten nahezu jeder ausgeschlossen. Hinter Werder liegen zwei Spielzeiten, in denen ein einstelliger Tabellenplatz erreicht werden konnte. In dieser Saison, so träumten viele, könne vielleicht die Rückkehr in den Europapokal gelingen. So kann man sich irren.
Vor dem Spiel beim FC St. Pauli am Sonntag (17.30 Uhr/live DAZN) steht die Mannschaft unter massivem Druck: Sollte es gegen den Vorletzten eine weitere Niederlage geben – Werder, derzeit auf dem Relegationsplatz, würde auf einen direkten Abstiegsplatz rutschen.
„Das sind die Spiele, in denen wir bestehen müssen“
„Ich will nicht sagen, dass es die Wochen der Wahrheit sind, die vor uns liegen. Aber das sind jetzt die Spiele, in denen wir bestehen müssen, um am Ende der Saison drei Mannschaften hinter uns zu lassen“, sagte Daniel Thioune.
Der Trainer ist sich bewusst, dass die Partie gegen den Tabellensiebzehnten der Beginn eines Turnarounds sein muss. Werder muss nach zuletzt zwölf sieglosen Spielen in Folge dringend neues Selbstvertrauen aufbauen, um auch in den kommenden Wochen gegen direkte Konkurrenten wie den 1. FC Heidenheim, den 1. FC Union Berlin, den 1. FSV Mainz 05 und den VfL Wolfsburg punkten zu können.
Thioune ist erst gut zwei Wochen im Amt. Er war auf Horst Steffen gefolgt, der im vergangenen Sommer als Nachfolger von Ole Werner gekommen war. Doch spätestens im Herbst wuchsen Zweifel, ob Steffens ruhige, analytische Herangehensweise die richtige für die Mannschaft sei.
Denn egal, wie schlecht sie spielte – Steffen nahm sie in Schutz. Die Unzufriedenheit wuchs – zunächst bei den Fans, die sich einen emotionaleren Typen an der Linie wünschten, dann auch bei den Verantwortlichen. „Wir brauchen einen neuen Impuls und vielleicht auch eine neue Ansprache“, erklärte Sportchef Clemens Fritz.
Neues Spielsystem mit mehr Druck über die Außen
Die Aufgabe, eine neue Aufbruchstimmung zu erzeugen, fällt also Thioune zu. Und seit der Partie gegen die Bayern am vergangenen Samstag, dem zweiten Spiel unter der Regie des neuen Mannes, gibt es zarte Hinweise, dass dies gelingen könnte – trotz eines 0:3. „Es war das intensivste Spiel der Saison. Wir sind noch nie so viel gelaufen, haben noch nie so viele Sprints hingelegt. Die Bereitschaft der Jungs ist da, alles zu tun. Das muss unsere Basis sein“, sagte der 51-Jährige, der zuletzt beim Zweitligaklub Fortuna Düsseldorf tätig war.
Thioune bringt Frische herein – und neue Ideen. Er änderte die Grundordnung, setzte auf ein 3-4-2-1-System. Er beorderte den bislang glücklosen Stürmer Justin Njinmah auf den rechten Flügel und setzte links wieder auf Felix Agu, der sich im Hinspiel gegen St. Pauli schwer verletzt hatte. Die Folge war ein deutlich dynamischeres Spiel über die Außen, eine bessere Arbeit gegen den Ball. Werder wehrte sich endlich wieder. Das macht Mut.
Thioune ist anders als Steffen – laut, energisch und kommunikativ. Er kritisiert während des Trainings, arbeitet aber auch mit positiven Verstärkungen. Und er versteht es, an trüben Tagen ein wenig aufzulockern. „Ich habe irgendwo gehört, dass ich der unerfolgreichste Trainer der Werder-Geschichte sei“, sagte er selbstironisch.
Tatsächlich könnte dies rein statistisch so kommen: Lediglich Fred Schulz legte in der Saison 1977/78 mit drei Niederlagen einen noch schlechteren Start hin. Mit dem will Thioune nicht gleichziehen und am Sonntag im dritten Versuch seinen ersten Sieg einfahren. „Ich bin gekommen, um zu bleiben.“
Dazu allerdings muss das Team wie gegen die Bayern ans Limit gehen. Denn eines ist in den vergangenen Monaten deutlich geworden: Die Mannschaft hat, unabhängig davon, von wem sie trainiert wird, strukturelle Schwächen.
Da ist vor allem eine erschreckend harmlose Offensive. Die Bremer konnten bislang nur 22 Tore erzielen und blieben zehnmal in der laufenden Saison ohne eigenen Treffer – Tiefstwert gemeinsam mit Mönchengladbach.
Werder wird von Fehleinschätzungen in der Transferpolitik eingeholt. Für die ist Clemens Fritz verantwortlich. Spieler wie Skelly Alvero, Olivier Deman oder Samuel Mbangula entpuppten sich nicht als Verstärkungen. Auch der im Sommer von Bayer Leverkusen gekommene Victor Boniface floppte. Gleichzeitig gelang es nicht, Spieler, die keine Perspektive mehr haben, zu verkaufen, um sich finanziellen Spielraum für Verstärkungen zu verschaffen. Im Winter kam mit Jovan Milosevic lediglich ein neuer Angreifer auf Leihbasis.
Apropos Leihgeschäfte: Im Januar war bekannt geworden, dass der von Fritz geleiteten Abteilung ein peinlicher Fauxpas unterlaufen war. Wie der Sportchef zugeben musste, war man fälschlicherweise davon ausgegangen, keinen weiteren Spieler mehr ausleihen zu dürfen, da bereits im Sommer sechs Spieler auf Leihbasis bekommen waren. Damit, glaubte Fritz, sei das erlaubte Kontingent ausgeschöpft gewesen. Ein Irrtum, auf den die Bremer durch das Portal „transfermarkt.de“ aufmerksam gemacht wurden.
Die Fans nahmen die Peinlichkeit mit bissigem Humor. „Fritz ausleihen“ hieß es auf einem Transparent vor der Ostkurve. Das allerdings würde aktuell auch nicht weiterhelfen.
Oliver Müller ist Fußball-Reporter. Er berichtet seit vielen Jahren für WELT. Müller besucht zahlreiche Spiele in der Bundesliga und ist zudem Podcaster.





















