Kann ein Exoskelett die Freude am Skifahren zurückbringen? Ein Selbstversuch | ABC-Z

Oh je, wieder keine Schlange am Lift. Drehkreuz, Förderband, Sessel. Man flutscht in Sekunden durch, es bleibt kaum Zeit zu zappeln. Aber zappeln ist nötig, also abwechselnd die Beine anheben und schwungvoll strecken, bevor es in die Zeblasbahn in Ischgl geht. Nur so kann man sich wieder in einen Menschen zurückverwandeln. Sonst bleibt man ein Cyborg und als solcher ist die Fahrt im Lift unangenehm, ja sogar anstrengend.
Die Beine stecken heute nicht nur in Winterunterwäsche und dicker Hose. Sie haben auch eine Art federndes Stützkorsett erhalten. Ein künstliches Kniegelenk ist neben dem echten platziert, Ober- und Unterschenkel sind von Streben flankiert. Man schnallt sich die Dinger um, hängt sie an einem Hüftgurt ein und verbindet sie mit einer Spezialvorrichtung am Skischuh, bevor man die Piste hinunterfährt. Metallfedern fangen das Gewicht jedes Mal ab, wenn man in die Knie geht.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Der Hersteller beschreibt das Prinzip so: „Exoskelette zur Unterstützung der Anstrengung sind mechanische Strukturen, die das menschliche Skelett nachahmen und ihm physische Fähigkeiten verleihen, die es nicht hat oder nicht mehr hat.“ Das Versprechen lautet: weniger Belastung für Gelenke und Muskeln, mehr Spaß auf der Piste. Halten die Dinger, was sie versprechen?
Die erste Erkenntnis ist: Die Bewegungen auf der Abfahrt fallen zwar nicht federleicht, aber der positive Effekt ist bereits bei den ersten Schwüngen spürbar. Man muss sich nicht so sehr anstrengen wie sonst. Wehe aber, man kommt an den Lift oder steigt vor einer Hütte aus den Skiern. Dann fühlt man sich wie ein Roboter, der hilflos durch die Gegend stakst, weil nicht mehr alle Körperteile gehorchen. Man muss die Beine also mit Wucht strecken, um die Federn zu lösen.
Reicht ein Exoskelett?
Das sieht nicht nur komisch aus, sondern fühlt sich auch so an. Es klappt auch nie beim ersten Mal, weswegen einen die Begleiter heute nur Zappelphilipp nennen. Reicht die Zeit zur Deaktivierung nicht, sitzt man wie eine gespannte Feder in der Bahn und hat das Gefühl, dass einen die Go-Go-Gadget-O-Beine aus dem Sessel katapultieren wollen.
Inspektor Gadget aus der gleichnamigen Zeichentrickserie löste in den 80ern mit diesem Spruch aus, dass seine Beine, Arme oder sein Hals wie ein Teleskop ausfuhren. Lange her. Genauso wie die Zeiten, in denen man wild die Piste runterdüste und am nächsten Morgen schmerzfrei aufstand, um erneut möglichst viele Abfahrtskilometer zu sammeln. Heute bedeuten zwei Tage Skifahren drei Tage Pause, um wieder der Alte zu sein. Kaputte Gelenke und schlappe Muskeln erfordern entsprechende Regeneration. Oder reicht ein Exoskelett?
In jedem Fall ist man nicht allein. Schon beim Ausleihen im Skiverleih an der Silvrettabahn war ein Niederländer mit grauen Haaren aufgetaucht. „Knie heilt nie“, hatte er gesagt und seine Narben unter dem Exoskelett versteckt. Für die Konfiguration muss man am Anfang rund 30 Minuten einplanen. Kosten: 35 Euro pro Tag. Während der Pause auf der Hütte begegnet man einem Mann aus Norddeutschland, der das Exoskelett sogar über der Skihose trägt. Seines ist schwarz, bei unserem Modell hat der Designer offenbar einen Safari-Urlaub gemacht, bevor er sich das auffällige Leopardenmuster einfallen ließ, das man nicht unbedingt offen zur Schau tragen will.
Der Norddeutsche sagt jedenfalls: „Ohne die Dinger könnte ich nicht mehr Skifahren.“ Auf der Terrasse kommentiert ein Mann aus Bayern: „Vor 20 Jahren wären wir auch noch da unten rumgehupft.“ Er blickt auf die Menge unter uns, die zum fragwürdigen Hit „Arsch im Schnee“ tanzt und der Aufforderung des DJs nachkommt: „Alle auf die Knie!“ Hinknien kann sich hier auf der Terrasse keiner mehr. Der Bayer sagt: „Ich habe auch darüber nachgedacht, mir so ein Teil für die Gelenke zu kaufen. Aber jetzt habe ich mir beide Knie machen lassen.“
Skifahren im Laufe der Jahrhunderte
Am zweiten Tag begleitet uns Gottlieb Jehle. Eigentlich kennt man ihn nur als „Zither Gottl“, weil er 40 Jahre lang in Hotels zwischen dem Allgäu und dem Arlberg sein Instrument gezupft hat. Heute hält er jedoch zwei selbst gebastelte Skistöcke in den Händen, die einst zu einem Baum gehörten. Er trägt Lodenkleidung und einen Hut. Auf seinen Schultern liegt ein speckiger, alter Rucksack, in dem ein 100 Jahre altes Fernglas steckt.
Neben ihm der komische Typ, der immer wieder seine Beine schüttelt – wir fallen auf während der langen Abfahrt hinunter ins schweizerische Samnaun. Einer fragt, was wir hier machen. Gottlieb: „Wir sind auf der historischen Schmugglerrunde und ich erkläre, wie das früher lief. Mein Begleiter trägt heute ein Exoskelett und fühlt sich wie ein Roboter.“ Der Mann schaut zweifelnd und fährt weiter.
Die Tour mit Gottlieb stimmt nachdenklich. Die vielen Gegensätze, die Armut früher, unser Reichtum heute. Da ist er, der Schmuggler, der historisches Gewand trägt und seine Ausrüstung dafür extra downgegradet hat. Daneben der Gelenkkranke, der Hightech unter der Hose hat, damit er die Skirunde überhaupt schafft.
Ein Exoskelett hat so seine Tücken. Aber die Effekte sind erstaunlich
Gottlieb erzählt Geschichten wie diese: „Die Leute sind früher in einer Nacht von Ischgl nach Samnaun und wieder zurück, um Fleisch oder Zucker zu schmuggeln.“ In den Bergen lauerten Zöllner, man musste unauffällig sein. Auch heute kontrollieren sie, ob jemand eine Flasche Schnaps zu viel dabei hat. In Samnaun kann man seit 130 Jahren zollfrei einkaufen, aber keine Unmengen rüberbringen. „Früher haben die Leute geschmuggelt, um zu überleben. Heute, um ein paar Euro zu sparen“, sagt Gottlieb.
Man kann sich nur schwer vorstellen, wie das früher war und realisiert, wie verweichlicht man heute auf die Piste geht: Unsereins trägt beheizte Handschuhe und Silikonpflaster an den Füßen gegen die Druckstellen vom Skischuh. Protektoren sollen einen etwaigen Sturz abmildern, das Handy zeichnet Leistungsdaten auf und warnt vor Überlastung. Und dieses Mal auch noch das Exoskelett, das einem durch die Ski-Arena mit ihren 45 Bahnen und Liften hilft. So lassen sich die 240 Kilometer Piste erschließen, die wiederum von 1.200 Schneekanonen beschneit werden, damit die Saison schon im November starten kann.
Zurück in Ischgl, Zeit fürs Fazit: So ein Exoskelett hat Tücken bei der Bedienung. Aber die Effekte sind erstaunlich, auf verschiedenen Ebenen: Man kann längere Fahrten ohne Pause machen. Die Schenkel brennen nur noch selten, die Gelenke tun kaum mehr weh. Über den Tag verteilt macht man so auch mehr Kilometer – und das schmerzfrei. Abends und morgens zwickt und zwackt kaum noch etwas. Der Entlastungseffekt ist groß.
Ein Exoskelett lässt sich auch ein wenig mit einem E-Bike vergleichen: Man schafft längere Strecken mit weniger Anstrengung und braucht deswegen weniger Regenerationszeit. Dennoch führt uns der Weg an Tag drei in die Therme. Aber nur aus purer Lust am Schwimmen und Schwitzen – und nicht, weil die Gelenke und Muskeln schlapp sind.
Die Reise wurde unterstützt vom Verein Österreich Werbung und vom Tourismusverband Paznaun-Ischgl.





















