Polens Ostgrenze: Renaturierung zur Verteidigung | ABC-Z

An Polens Ostgrenze entsteht eine 800 Kilometer lange Befestigungsanlage. Ein Drittel davon soll aus schwer durchdringlicher Wildnis bestehen. Das Militär drängt deshalb auf die Renaturierung ganzer Landstriche.
Das polnische Militär hat seine Liebe zu Wäldern, Flüssen und Mooren entdeckt. Nicht etwa, weil die Flüsse und Bäche an der Ostgrenze so klangvolle Namen wie “Czarna Hańcza”, “Swisłocz” oder “Wołkuszanka” tragen. In den Augen der polnischen Armee sind sie Teil der großen Grenzsicherung, die Polen gegenüber Belarus und dem russischen Kaliningrader Gebiet plant.
Oberst Marek Pietrzak vom polnischen Generalstab erklärt: “Von unserem Standpunkt aus sagen wir oft: Die Landschaft kämpft. An vielen Stellen im Norden und Osten Polens verschafft sie uns Vorteile. Denn diese Gebiete sind bewaldet, da gibt es Seen und Feuchtgebiete. Parallel zur Ostgrenze verlaufen Flüsse. Wir wären keine guten Soldaten, wenn wir das unter dem Aspekt der Verteidigung nicht zu schätzen wüssten.”
Ein Drittel des “Ostschilds” aus Natur
Es geht um militärischen Grenzschutz über 800 Kilometer hinweg. “Ostschild” heißt das Projekt. Wer dabei Betonbefestigungen und militärische Stellungen im traditionellen Sinn vor Augen hat, denkt richtig.
Aber mehr als ein Drittel des geplanten Schutzwalls soll aus natürlichen Barrieren bestehen: aus Urwald, unüberwindlichen Überschwemmungsgebieten von Bächen und Flüssen und aus Sumpf und Moor. Damit das gelingt, müsse aus der Kulturlandschaft aber wieder Wildnis werden, sagt Oberst Pietrzak:
Verwilderung, die Wiedervernässung von Mooren, die Deregulierung von Flüssen – wir sind entschieden dafür. Wir Militärs markieren auf der Karte die Gebiete, von denen wir uns wünschen, dass sie schwer zugänglich sind. Und das Umweltministerium hat die Kompetenz, die Erfahrung, die Möglichkeiten, zu entscheiden, welche Maßnahmen in diesem Sinne sinnvoll wären.
Umweltministerium wiegelt ab
Für das Umweltministerium stellen sich aber noch andere Fragen: Welche Interessen hat die Landwirtschaft und die Forstwirtschaft? Wie sehen die größeren ökologischen Zusammenhänge über die Grenzregion hinaus aus?
Paweł Jaworski vom polnischen Umweltministerium betont, dass nicht “ausschließlich Überlegungen zur Verteidigung unsere Arbeit bestimmen” sollten: “Wir müssen unsere Aufgaben erfüllen. Bei der Renaturierung haben wir auch Vorgaben der EU zu berücksichtigen. Es ist super, wenn sich unsere Interessen überschneiden, aber unsere Aufgaben betreffen nicht allein die Verteidigung.”
Erfahrung mit Mooren als Barriere
Wie wirksam Moore und Feuchtgebiete einen militärischen Gegner aufhalten können, zeigt auch die jüngere Erfahrung. Die russischen Panzerkolonnen kamen auf dem Weg in Richtung der ukrainischen Hauptstadt Kiew Ende Februar 2022 nur schleppend voran, weil sie sich nur auf bestimmten Wegen durch den sumpfigen Norden des Landes bewegen konnten. So waren sie ein relativ leichtes Ziel für die ukrainischen Verteidiger.
Ein anderes, tragisches, Beispiel: Bei einem Manöver in Litauen versank im März 2025 ein Bergepanzer in einem Sumpf. Vier US-Soldaten kamen ums Leben. Die Bergung des Fahrzeugs dauerte eine Woche.
“Noch am selben Tag eine Barriere für Angreifer”
Im vergangenen Jahr wurden 60 Kilometer des “Ostschilds” erschlossen. Dieses Jahr sollen 200 Kilometer hinzukommen. An vielen Stellen entstehen Streifen mit Panzersperren aus Beton und anderen technischen Anlagen. Die sind relativ schnell errichtet.
Aus einer Kulturlandschaft wieder eine Wildnis zu machen, kann dagegen lange dauern – muss es aber nicht, sagt der Biologe Michał Żmihorski. “Es genügt, die Entwässerung zu stoppen, und noch am selben Tag ist das eine Barriere für einen Angreifer. Es würde nur ein paar Minuten dauern, um zu sehen, wie das Wasser steigt. Das ist billig, geht schnell und ist ökologisch gut.”
Żmihorski hat mit anderen Wissenschaftlern eine Studie zum Thema “grüner Grenzschutz” gemacht. Seiner Ansicht nach geht die Planung und die Umsetzung dessen, was möglich ist, zu langsam. Man könne sofort damit beginnen, so Żmihorski.
Ausbau von Verkehrswegen im Grenzgebiet
Allerdings reiche die Wiedervernässung allein nicht. In der Kulturlandschaft gebe es viel Infrastruktur, die ein Angreifer nutzen könne, auch wenn überall Moore und Feuchtgebiete renaturiert würden, so Żmihorski: “Während wir hier miteinander sprechen, werden im Grenzgebiet immer noch neue Verkehrswege angelegt oder ausgebaut. Meine Freunde in der Ukraine sagen, diese Wege sind am gefährlichsten. Denn selbst wenn man einen verwilderten Wald mit Feuchtgebieten hat, was nutzt das, wenn man sich auf den Wegen durch diese Wildnis schnell fortbewegen kann? Ich würde erwarten, dass das Verteidigungsministerium das noch heute – oder morgen früh verbietet.”
Żmihorski glaubt, dass ein Mentalitätswechsel nötig ist, um die Natur optimal als Bestandteil der Verteidigung zu nutzen. Dazu gehört für ihn auch der Abbau von Ängsten bei den Bewohnern der Grenzregion. Niemand werde umgesiedelt, keine Ortschaften würden überschwemmt. Stattdessen könne man dann mit unberührter Natur werben – und den Tourismus wachsen lassen.





















