Film „The Education of Jane Cumming“: Frauen vor dem Fall | ABC-Z

Eine Kutsche rumpelt durch das schottische Umland. Lady Cumming Gordon (Fiona Shaw), eine Dame mit unbewegter Miene, bringt im Jahr 1810 drei Mädchen in eine Privatschule nahe Edinburgh. Zwei von ihnen sind ihre Enkelinnen. Die dritte, Jane (Mia Tharia), ist es auch – ihr aber begegnet man anders. Denn sie ist ein uneheliches, dazu kein weißes Kind. Ihr verstorbener Vater zeugte sie während seiner Tätigkeit für die Ostindienkompanie, mit einer Frau aus Kalkutta. Sein letzter Wunsch: Bildung für das Kind.
Über subtile Verschiebungen im Tonfall und kleine Gesten der Distanz, wie sie das fein beobachtende Historiendrama „The Education of Jane Cumming“ durchziehen, lässt sich schnell erahnen, wie sehr Janes bisheriges Leben von Ausgrenzung geprägt war. Entsprechend vorsichtig bewegt sich die 15-Jährige durch die neue Umgebung.
Doch Jane hat Glück, denn die Schule ist kein Ort dumpfer Konvention. Geleitet wird sie von Jane Pirie (Flora Nicholson) und Marianne Woods (Clare Dunne), zwei Frauen, die ihrer Zeit voraus sind. Sie bringen den höheren Töchtern Mathematik und Griechisch bei, nicht nur Tanz und Konversation. Vor allem aber nehmen sie ihre Schülerinnen ernst, begegnen ihnen mit Empathie statt bloßer Strenge.
„The Education of Jane Cumming“:
22. Februar., 18.45 Uhr, Cubix 9, Berlin
Als sie auf Wunsch der Großmutter den Sommer mit Jane an der Küste verbringen, gelingt es ihnen sogar, einen Zugang zu ihr zu finden. In der Weite der Landschaft zeigt sich außerdem zunehmend, dass zwischen den beiden Lehrerinnen eine Vertrautheit liegt, die über das Kollegiale hinausgeht. Flora Nicholson und Clare Dunne spielen diese Nähe mit feinen Nuancen, und deuten ihre Verbindung nur über minimal zu lang gehaltene Blicke und kaum merkliches Innehalten im Gespräch an.
Emanzipation von gesellschaftlichen Konventionen
Bis weit in die zweite Spielhälfte hinein könnte man meinen, „The Education of Jane Cumming“ sei ein zartes Coming-of-Age-Drama über die leise Chance auf Emanzipation von gesellschaftlichen Konventionen – wüsste man nicht, dass der Film auf einem realen Verleumdungsprozess basiert. Denn Jane wird gegen ihre beiden Lehrerinnen, die sie bewundert und deren Nähe sie zunehmend sucht, schwere Anschuldigungen erheben.
Gegenüber ihrer Großmutter wird sie nicht nur behaupten, dass die beiden Lehrerinnen eine intime Beziehung unterhalten, sondern auch dass sie diese im Schlafsaal der Schülerinnen ausgelebt hätten. Für die beiden Frauen ist damit ihre Existenz bedroht. Eltern nehmen ihre Töchter von der Schule – bis kein Mädchen mehr übrig ist.
Der Fall wurde bereits vielfach rezipiert, hat etwa das Theaterstück „The Children’s Hour“ (1934) von Lillian Hellman und später die Verfilmung „Infam“ (1961) mit Audrey Hepburn und Shirley MacLaine inspiriert. Regisseurin Sophie Heldman, die gemeinsam mit Nicholson auch das Drehbuch verfasste, bleibt jedoch näher an der historischen Konstellation. Der Prozess, den die beiden Lehrerinnen gegen Janes Großmutter führen – dessen Akten ein Jahrhundert lang unter Verschluss bleiben sollten, um „die Gedanken von Frauen und Mädchen nicht zu verunreinigen“ –, bleibt im Film aber ausgespart.
Der Film richtet den Blick auf das, was keine Prozessakte zu fassen vermag
Sophie Heldman richtet den Blick lieber auf das, was keine Prozessakte zu fassen vermag, und imaginiert nicht nur, wer diese Frauen gewesen sein könnten, sondern auch wie aus persönlichen Verletzungen und gesellschaftlichem Druck ein Konflikt erwuchs, der sie einander als Gegnerinnen gegenübertreten ließ.
Das alles ist mit bemerkenswerter Empathie erzählt: „The Education of Jane Cumming“ urteilt nicht vorschnell, sondern zeichnet ein präzises Drama darüber, wie das Unheil bisweilen seinen Lauf nimmt – und entfaltet gerade durch sein genaues Gespür für Zwischentöne eine nachhaltige Wirkung.





















