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Verflixte vierte Plätze: Kommentar zum deutschen Abschneiden bei Olympia – Sport | ABC-Z

Als die fabelhafte Alysa Liu ihre Schlusspirouette drehte, ehe sie den Kontrahentinnen lachend um den Hals fiel, dürfte die Fußnote in der Ergebnisliste nur wenigen Zuschauern in der Mailänder Arena aufgefallen sein. Die Kür fand ohne deutsche Beteiligung statt. Der Verband, der über Weltklasse-Paarläufer verfügt, hatte keine Einzelathletin nominiert: Im früheren Katarina-Witt-Wunderland gibt es derzeit keine herausragende Eisprinzessin mehr.

Es blieb bei diesen wenigen Ausnahmen. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat in fast allen Sportarten Athletinnen und Athleten in Eis und Schnee geschickt, nur im Shorttrack war niemand qualifiziert. Das Team, 189 Personen, war so groß wie nie zuvor bei Winterspielen. Es entspricht auf sympathische Weise den Grundprinzipien hierzulande, die breite, bunte Sportkultur zu berücksichtigen. Anders in anderen Ländern, etwa Großbritannien, das nur fördert, was einen kühlen Nutzen, nämlich Medaillen, verspricht.

Trotz der Vielfalt zeigte die Ausbeute des deutschen Teams bis zum Freitagabend eine seltsame Schieflage: Vier von sechs Goldmedaillen, insgesamt 15 von 22 Plaketten, wurden bis dahin im Eiskanal erschlittert; von Rodlern, Bobpiloten und Skeletoni. Die Triumphfahrten durch das Kurvenlabyrinth in Cortina erinnerten fast an die Oranje-Festspiele im Eisoval. Ein Mysterium? Eher nicht, heißt es bei Olaf Tabor, dem Vorstand Leistungssport im DOSB, der die Übermacht durch „länderspezifische Domänen“ erklärt, gewachsen aus Historie und Kultur. In Skandinavien werde eine besondere Beziehung zum Langlauf gepflegt, die Niederländer schätzen ihren Schlittschuhlauf: „Und wir in Deutschland haben seit geraumer Zeit mit der Eisbahn eine besondere Liebesbeziehung.“ Auch, weil das Material stimmt und die Piloten die schnellsten Linien finden.

Zu Romantikern werden sie deshalb nicht gleich im DOSB. Das Ziel, wie 2022 in Peking zu den drei besten Nationen zu zählen, werde vermutlich kaum zu erreichen sein, sagte Tabor am Freitag. Manchmal liegt es nur an Winzigkeiten. Emma Aicher verpasste bei ihren phänomenalen Rodeos über die Alpinpiste in Abfahrt und Team-Kombination Gold jeweils nur um 0,04 und 0,05 Sekunden. Auch Laura Nolte donnerte im Monobob 0,04 Sekunden an der Bestzeit vorbei. Hundertstelsekunden! Das ist wahrlich kein maßgebendes Indiz für Erfolg.

Die DOSB-Verantwortlichen ziehen bei ihren Analysen deshalb eine andere Wertung vor, die Summe aller Medaillen. Was die Gesamtzahl betrifft, ist es keineswegs aussichtslos, der Beute aus Peking (27) bis Sonntag, zum Finale im Viererbob, nahezukommen. Da wäre man also wieder beim Seelentröster, dem Schlittensport.

In manchen der modernen olympischen Disziplinen, im Freestyle, ist die Weltspitze tatsächlich weit entrückt. Aber es gab vor allem Enttäuschungen in Traditionssportarten, in den früher die Medaillensammler in Mannschaftsstärke in die Spur gingen: Im Biathlon, in der Nordischen Kombination und im Skispringen – einer Disziplin, in der diesmal nur Philipp Raimund den Widrigkeiten trotzte. Manches war Pech, wie der Abbruch im Teamwettbewerb; manches hatte eine tragische Note wie Lena Dürrs Einfädler am ersten Tor des Slaloms oder die Stürze des Kombinierers Vinzenz Geiger.

Man wird den Athleten in unterschiedlichen Disziplinen mit Pauschalaussagen nicht gerecht. Es sind oft minimale Fehler, die zwischen einem dritten und vierten Platz liegen. Und vierte Plätze, das wird ein Fakt bleiben bis zum Einrollen der Fünf-Ringe-Fahne, gab es in „Team D“ zuhauf: zwölfmal bis Freitag, sagt Tabor, so oft wie in keiner anderen Nation.

Der vierte ist der fürchterlichste aller Plätze: der erste Platz, auf den der Schatten fällt. Er bedeutet, dass ein Athlet mit nichts in der Hand nach Hause fährt, obwohl er zu den Besten zählt. Die hohe Zahl der vierten Plätze sieht der DOSB als Beweis, dass der deutsche Wintersport weiter Weltspitze ist. Ob es Schicksal war oder doch ein Systemfehler, wird man sehen, wenn es in der Saison 2026/27 wieder schneit.

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