Stimmen zum Tod von Henrike Naumann: Eine echte antifaschistische Künstlerin | ABC-Z

„DDR-Noir“ im Alltag
Henrike Naumanns Vorschlag, die Arbeit „DDR Noir“ in meinem Büro im ifa einzurichten, war originell. Die alten Möbel waren gerade gewichen und ich hatte sie gefragt, ob sie es mit Secondhand-Möbeln von eBay Kleinanzeigen gestalten wolle, eine Fundgrube ihrer künstlerischen Praxis. Ihre Idee war natürlich besser: Sie suchte nur einen passenden Schreibtisch und einen Papierkorb. Der Rest des Büros wurde in DDR Noir umgewandelt.
Die Installation durfte, nein sollte in den ifa-Alltag integriert werden. Also fanden unsere Strategiebesprechungen und Terminplanungen, Politiker:innenbesuche und Personalgespräche ab sofort entweder am schwarz lackierten Esstisch mit übergroßer Haribo-Deko oder auf der Chaiselongue mit mintgrünem Kunstfell mit Blick auf Mickey Mouse und den Sandmann statt. Sie besorgte noch ein schwarzes Kaffeeservice, das für manche die 80er, für manche die 90er verkörperte.
Je nachdem, ob man aus dem Osten oder dem Westen kam – und mittendrin war man in Naumanns Kritik: Möbel und Objekte, die man im Westen schon längst abgelegt hatte, kamen verspätet und verteuert in den Osten – und waren sehr begehrt. DDR Noir hätte Grundstock einer ifa-Tourneeausstellung in den ehemaligen Ostblock werden sollen. Erste Station: Kuba, wo Naumanns Großvater 1961 Teil einer DDR-Kunstdelegation war.
Gitte Zschoch, Generalsekretärin des Instituts für Auslandsbeziehungen
In der Panoramabar kennengelernt
Heque und ich haben uns in der Panoramabar kennengelernt. Gemeinsame Freunde spielten. Sie erzählte mir von ihren Arbeiten und von einigen, die noch kommen würden. Kurz darauf sah ich ihre Diplomarbeit „Triangular Stories“. Aufgewühlt und voller Fragen schrieb ich ihr eine lange Mail. Ich hatte immer den Eindruck, dass Heque ihre Entscheidungen konsequent im Sinne ihrer Arbeit traf – und andere Parameter, wie etwa die Aussicht auf Erfolg, dahinter zurückstellte.
Solidarität und Kollegialität haben sich bei ihr im Handeln gezeigt. Heque hat uns an ihrem Erfolg teilhaben lassen. Ich und viele andere haben in ihren Installationen performt; es wurde darin diskutiert, gelacht und geweint. In ihrer Arbeit wurde gelebt. Beziehungen entstanden darin, die weit darüber hinausgingen. Heque war nicht nur unfassbar ehrlich, sondern auch bedingungslos zugewandt, unabhängig davon, wer ihr gegenüberstand.
Johannes Büttner, Künstler in Berlin
Orte, in die sich Politik und Ideologie einschreiben
Zum ersten Mal arbeiteten wir im Rahmen der Kyiv Biennale 2023 in Iwano-Frankiwsk zusammen. Die Intensität, mit der Henrike sich mit osteuropäischen Erfahrungen auseinandergesetzt hat, mit den Realitäten der 80er und 90er Jahre, dem Wandel vom Kalten Krieg zum rauen, triumphalistischen Neoliberalismus, ist einzigartig. Dass sie mit Möbeln ganze Umgebungen schuf und auf diese Weise zu den intimsten persönlichen, auch verletztlichsten Orten unseres Alltags vordrang, und damit aufzeigte, wie sich in diese Orte Politik und Ideologie einschreiben – einen solchen künstlerischen Ansatz habe ich noch nicht gesehen.
Am wichtigsten aber: Henrike war eine echte antifaschistische Künstlerin. Wenn es eine Kunst gibt, die heute weltweit benötigt wird, dann ist es eine solch engagierte.
Vasyl Cherepanyn, Kurator der 14. Berlin Biennale 2027
Wo es unbequem ist
Als ich mit Henrike über eine Publikation nachdachte, war schnell klar, dass sie ein Objekt entwickeln wollte, das ihrer Praxis entspricht und dann auch noch als Buch funktionieren kann. Sie war der Ansicht, dass der schwere Metallordner so „wie meine Arbeit, etwas unhandlich sein muss“. Henrike ging immer dorthin, wo es unbequem ist und schmerzen kann. Sie wunderte sich oft, warum das radikal sei, sie fand es selbstverständlich und notwendig, um unsere Gegenwart zu verstehen.
Bakri Bakhit, Verleger Bierke Books
Auf dem Flohmarkt in New Jersey
Henrike kam 2022 in die USA, um an einer Ausstellung zu arbeiten. Sie wollte Thomas Hart Bentons Wandgemälde „America Today“ im Metropolitan Museum of Art sehen. Und den größten Flohmarkt im Großraum New York, der sich in New Jersey gegenüber der riesigen American Dream Mall befindet. Wir fuhren gemeinsam hin. Nachdem ich mein Auto mit ihren Einkäufen beladen hatte, sprang es nicht mehr an. Henrike, die immer extrem bewusst mit Zeit und Ressourcen umging, wollte aber ihre Chance nicht verpassen, sich in New Jersey umzuschauen. Ich gab ihr mein Okay, mich zurückzulassen.
Sie und ihr Partner Clemens fuhren daraufhin per Uber von Secondhand-Shop zu Secondhand-Shop, füllten ihre Taschen mit Gegenständen für die Ausstellung. Es war beeindruckend, die USA durch ihre Augen zu sehen: voller Zeug, von sich selbst träumend, institutionell ein Wrack und in einer Sackgasse. Ihre wachsame Beobachtungsgabe dafür, wie sich Verschwörungen und Gewalt in den Alltag einschleichen können, war bewundernswert.
Kyle Dancewicz, stellvertretender Direktor des SculptureCenter New York
Des Sapeurs Großmutter
Als Henrike in Kinshasa war, lernte sie auch meine Großmutter kennen. Man muss dazu sagen: Meine Großmutter kann kaum sehen und hören, aber Henrikes starke Energie, die konnte sie spüren. Henrike war eine unglaublich nette Person. Als wir Sapeurs mit ihr ein Event veranstalteten, klappte vieles nicht. Sie war trotzdem gut drauf. Und sie hat viel geteilt. Die Fotos, die Aufnahmen, wir konnten alles behalten.
Wilfried Beki, Musiker aus Kinshasa
Technosekte in der Stasi-Zentrale
Unsere Wege kreuzten sich zum ersten Mal 2018 bei dem Ausstellungsprojekt „Wildes wiederholen – künstlerische Forschung im Archiv der DDR–Opposition“. Ich fand Henrikes Werk von Anfang an ebenso faszinierend wie beängstigend und sorgte mich um die Geister, die darin gerufen wurden. Ihre Arbeit erschien mir verzaubert und immer wieder bemerkte ich in mir den Wunsch, diesen Zauber aufzulösen, durch Verständnis zu entwaffnen.
2018 war ihr Beitrag eine Performance der Band Technosekte, die in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg in Fechtkostüme gekleidet im Nebel ein überwältigendes Schlagzeugkonzert spielte, das nichts greifbar, aber etwas sehr Krasses spürbar machte. Heute im Rückblick erinnere ich diese schwerverdauliche Erfahrung als eine klare Geste, die mich dazu einlud, gerade auch angesichts gewaltsamer, angsterfüllter Vergangenheit dem Unbewussten erst einmal Form und Raum zu geben, bevor wir uns an die Arbeit machen es zu erklären oder uns selbst zu entlasten.
Anna Zett, Künstlerin in Berlin
Fragen nach deutscher Geschichte in jedem Detail
Henrike richtete im Bankettsaal des Kronprinzenpalais, in dem 1990 der Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR unterzeichnet worden war, „Das Reich“ ein und schuf einen dystopischen Ort, ein Stonehenge aus Wohnzimmerschrankwänden, die sie mit den Fetischen, Büchern, Videos und anderen Requisiten von Reichsbürger*innen und rechten Verschwörungstheoretiker*innen befüllte. Sie schuf ein ganzes „Weltbild“, in das wir hineintreten konnten. Das war beim 3. Berliner Herbstsalon des Gorki. In jedem Detail steckten ihre Fragen nach deutscher Geschichte, Gegenwart und Zukunft.
Für den 4. Berliner Herbstsalon 2019 installierte sie mit „TAG X“ eine „Gedenkstätte“ im Haus der Statistik am Alexanderplatz. Hintergrund der Videoinstallation waren 2018 bekannt gewordene Prepper-Netzwerke, die bis in Bundeswehr und Polizei reichen und sich auf einen gewaltsamen Systemwechsel in Deutschland vorbereiten. Henrikes Arbeiten waren immer hochpolitisch. So klug, neugierig und liebevoll wie in ihrem Werk haben wir sie auch als Mensch kennenlernen dürfen und sind dankbar dafür.
Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters Berlin
In Kinshasa
Henrike hat es mit ihrer Neugier und offenen Art geschafft, ungewöhnliche Verbindungen herzustellen, Menschen zusammenzubringen und in unscheinbaren Details Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen. Sie war die erste internationale Künstlerin, die im Musée de l’art Contemporaine et de Multimédia in Kinshasa eine Ausstellung realisiert hat. Daraus ist eine langjährige Partnerschaft zwischen dem Museum und dem Goethe-Institut entstanden. Wir selbst arbeiten aktuell an einer Ausstellung in diesem Museum, die dadurch überhaupt erst möglich wurde.
Mukenge/Schellhammer, Künstler:innenduo in Kinshasa und Deutschland
Als würde sie mit den Augen hören
Es war das Jahr 2014. Wir waren gerade dabei, die Tore von „SAVVY Contemporary“ im alten Neuköllner Umspannwerk zu schließen und Feierabend zu machen. Vor dem Gebäude stand eine junge Frau – in ihrer Erscheinung schien sie Grace Jones und David Bowie zu vereinen – mit ihrer Mappe unter dem Arm. Was wir zu sehen bekamen, haute uns auf der Stelle um. Wir waren so begeistert, dass wir sie kurzerhand in die Ausstellung „Wir sind alle Berliner“ aufnahmen, obwohl die Künstler*innen-Liste längst feststand.
Henrike war immer absolut präsent: Sie begrüßte einen mit einer festen Umarmung, begleitet von ihrem unverkennbaren „hmmmm“. Dann saß sie neben einem, lauschte aufmerksam mit weit geöffneten Augen, als würde sie mit den Augen hören. In allen ihren Arbeiten und auch privat sprach sich Henrike konsequent und lautstark gegen jegliche Form von Faschismus, Rassismus und alle Ausprägungen von Hass aus. Dabei war sie immer sehr präzise im Ausdruck, ästhetisch stark in der Umsetzung, würdevoll und weitherzig im Auftreten – immer „sattelfest“.
Nein, wir verweigern uns dem Tod! Henrikes Präsenz ist so groß und stark, dass nicht einmal diese Sache, die wir den Tod nennen, sie von uns nehmen kann.
Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, Intendant des HKW Berlin





















