Sport

IOC und Weltpolitik: Herausforderungen bei den Olympischen Winterspielen – Sport | ABC-Z

Über manche Dinge spricht die Skilangläuferin Samaneh Beirami Baher aus Iran liebend gerne bei diesen Olympischen Winterspielen. Vor einer Woche hatte die 34-Jährige gerade die zehn Kilometer in der freien Technik hinter sich gebracht, da berichtete sie im Zielbereich, wie dankbar sie für das Paar Ski sei, das ihr die Amerikanerin Jessica Diggins vermacht hatte. Diggins habe „solch ein großes Herz“, sagte Beirami Baher, sie schätze auch die „Unverwüstlichkeit“ der Amerikanerin: „Wenn ich die Skier, die sie mir geschenkt hat, mit meinen Skiern vergleiche, dann ist das wie ein Unterschied zwischen einem Ferrari und einem Fahrrad.“

Die Skirennläuferin Jessica Diggins bewundert Samaneh Beirami Baher also enorm. Und die Person Jessica Diggins? Die hatte während der Spiele auf Missstände in den USA hingewiesen, insbesondere in Diggins Heimatregion Minneapolis, wo es zuletzt zu tödlicher Gewalt durch die Einwanderungsbehörde ICE gegen Demonstrierende kam. Doch als im Gespräch mit Beirami Baher die Rede auf die fürchterlichen Dinge kam, die sich in den vergangenen Wochen in ihrer Heimat ereignet haben, erfüllte ein Bedauern ihre Stimme. „Mir tut es aufrichtig leid, aber darüber kann ich nicht sprechen“, sagte sie. Gleiches gelte für die Frage, ob ihr Verband verfolge, was sie in den sozialen Medien veröffentliche: „Ich bin einfach nicht in der Lage, dazu etwas zu sagen.“

Wer an welchem Ort welche Botschaft verbreiten kann oder darf, das hat sich wie ein unfreiwilliges Leitmotiv über diese Winterspiele gespannt. Spätestens seit der Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) disqualifiziert wurde, weil er im Wettkampf einen Helm mit den Bildern getöteter Sportler tragen wollte. Wie das IOC dabei die Meinungsfreiheit bei seinen Spielen am liebsten ausgestaltet hätte, hat IOC-Präsidentin Kirsty Coventry in den vergangenen Wochen immer wieder betont. Das Geschäft ihrer Organisation sei der Sport, das Miteinander der Athleten; dazu gehören gewiss auch Geschichten über geschenkte Skier und Resilienz. Der ukrainische Sportminister Matvij Bidnyi hatte dem entgegengehalten, dass eine Organisation, die eine derart zentrale Rolle in der Gesellschaft für sich reklamiere, sich nicht zugleich in einer neutralen Sphäre verschanzen könne.

Relativ unbestritten ist: Wie sehr dieses Spannungsfeld die Olympiamacher fordert – und bisweilen überfordert –, zeigt sich an diesen Spielen wohl stärker denn je.

Das Ausstellen der russischen Flagge stellte für das Personal in den Hallen offenbar weniger ein Problem dar

Die Idee des IOC an sich ist verständlich, sogenannte „Safe spaces“ zu erschaffen, sichere Rückzugsorte für Sportler, die beides wollen: über Politisches reden oder schweigen. Athleten können einerseits Botschaften jeglicher Art vorbringen, etwa in Interviews oder in den sozialen Medien. Andererseits sollen gewisse Zonen frei bleiben von „Expressions“, von Ausdrücken jeglicher Geschmacksrichtung. (Ob dies vereinbar ist mit Menschenrechtskonventionen und Kartellrechtsregeln, könnte Wladyslaw Heraskewytsch vor staatlichen Gerichten noch auf die Probe stellen). Die Athleten hätten sich insbesondere diese neutralen Wettkampfzonen jedenfalls gewünscht, betonten Kirsty Coventry und IOC dieser Tage immer wieder, und ein Argument zogen sie dabei besonders oft hervor: Man schütze so auch Athleten, die von ihren Regierungen dazu gezwungen werden könnten, politisch mindestens zweifelhafte Botschaften zu platzieren.

Wie rasch dieses Konzept jedoch an Grenzen prallt, zeigt sich allein an der Heimat der Skilangläuferin Samaneh Beirami Baher. Iran schreibt auch seinen Athleten mittlerweile per Gesetz ein Sportoutfit vor, das „den islamischen Standards“ entspricht. In welche Nöte dies Sportlerinnen treiben kann, zeigte die Kletterin Elnaz Rekabi, die vor knapp vier Jahren einen Wettkampf im Ausland ohne Hidschab bestritt – und danach in ihrer Heimat für eine Weile verschwand. Bis zum vergangenen Jahr zeigte sich die 36-Jährige wieder in den sozialen Medien beim Klettern in der Natur, auch ohne Kopftuch, ihr letzter Auftritt im internationalen Klettersport liegt allerdings zwei Jahre zurück. Rekabis vorerst letzter Eintrag auf Instagram stammt vom November 2025.

Als die Proteste in Iran zwei Monate später blutig eskalierten, wurden offenbar über 30 Athleten getötet, darunter die Ringer Parsa Lorestani, 15, und Erfan Kari, 20. Darauf in Mailand angesprochen, sagte Kaveh Mehrabi, der Direktor des IOC-Athletenprogramms und laut eigener Auskunft „stolzer Iraner“, dass man selbstredend die Kontakte in Irans „Sportbewegung“ nutze, „um Probleme anzusprechen“. Man ziehe dabei aber, wie in vielen Fällen in der Vergangenheit, die „stille Diplomatie“ dem öffentlichen Forum vor. Auch Soraya Aghaie, eine einstige Badmintonspielerin, die bei der Session zu Beginn der Spiele als IOC-Mitglied vereidigt wurde, spiele dabei eine Rolle, sagte Mehrabi: „Sie wird uns dabei helfen, Athleten auf der ganzen Welt zu unterstützen.“

Andere wie die Aktivistin Mahsan Ostadnia sehen darin vorrangig die Strategie, einen „Safe space“ für ein Regime zu schaffen. Manche Athleten in Iran drohten „schlimme Konsequenzen, wenn sie mit der Regierung nicht kooperieren“, schrieb sie jüngst in einer Petition auf der Plattform change.org, die forderte, Iran vom organisierten Sportbetrieb auszuschließen. Iranische Nationalteams und olympische Organe würden unter „direkter staatlicher Aufsicht“ operieren, so Ostadnia, wer innerhalb dieser Strukturen aufsteige, könne daher nicht als nicht „politisch neutral“ wahrgenommen werden. Wenn das IOC also das Sportsystem Irans einbinde, ohne dies mit „bedeutsamen Bedingungen“ zu verknüpfen, laufe es Gefahr, „systematische Menschenrechtsverletzungen zu normalisieren“.

Wie schnell die Konflikte durch die Ritzen der Außenwelt in die olympische Arena sickern, zeigt sich bei den aktuellen Winterspielen nicht nur auf dem Spielfeld. Nachdem ein Mitarbeiter eines Fanshops in Cortina d’Ampezzo einem israelischen Besucher ein „Free Palestine“ entgegengerufen hatte, sei der Mitarbeiter von seiner Schicht entbunden worden, teilten die Organisatoren mit – keine politischen Äußerungen hinter der Merchandising-Verkaufstheke! Als Dänemarks Eishockeyteam auf die USA traf und zwei Fans auf der Tribüne die Grönland-Flagge zeigen, war die Lage schon diffiziler. Laut Regularien sollen auf den Tribünen nur Flaggen von Ländern oder Territorien gezeigt werden, die an Olympischen Spielen teilnehmen – das praktiziert Grönland zweifellos, wenn auch als Teil der dänischen Delegation. Die Fans im Eishockeystadion wurden trotzdem gebeten, ihre Grönland-Flagge einzurollen – aus „Sicherheitsgründen, weil es aggressive amerikanische Menschen geben könnte“, sagte der Lette Alexander Kalnins, der die Flagge mitgebracht hatte, der Nachrichtenagentur AP: „Aber als Europäer war es für uns wichtig, dieses Symbol zu zeigen als Zeichen der europäischen Einheit, dass wir Grönland unterstützen“. Die USA hatten Dänemark zuletzt wiederholt gedroht, das Territorium zu annektieren, zur Not gewaltsam.

Andere Flaggen wie die russischen, die zumindest zu Beginn der Spiele vereinzelt im Publikum aufgetaucht waren, stellten für das Personal in den Hallen offenbar weniger ein Problem dar – oder doch? Immerhin ist Russlands Olympiakomitee mit allen Symbolen (noch) vom olympischen Spielfeld verbannt, und russische Farben auf den Rängen könnten auch als Provokation gegenüber ukrainischen Besuchern und Athleten aufgefasst werden. Auf Nachfrage erklärte ein Sprecher des Organisationskomitees bloß allgemein, dass man „gewissenhaft“ prüfe, ob die Besucher die Regeln zu mitgebrachten Flaggen einhalten. „Wir versuchen, in solchen Fragen sensibel zu agieren“, ergänzte IOC-Sprecher Mark Adams, „weil eine Überreaktion oft mehr Schaden verursacht als das eigentliche Problem.“

Aber manche Dinge lassen sich nun mal nicht trennen, der politische Mensch nicht vom Athleten, die Politik nicht vom Sport. Zu welch bizarren argumentativen Verrenkungen es dabei beizeiten kommt, führte das IOC in Mailand in einer anderen Debatte selbst vor. Zu Beginn der Spiele hatte es Kritik gehagelt, weil der Online-Shop des Olympischen Museums in Lausanne bis zuletzt T-Shirts feilgeboten hatte von den Olympischen Spiele 1936, die von den Nazis zu monumentalen Propagandazwecken missbraucht worden waren. „Wir können die Geschichte nicht umschreiben“, entgegnete IOC-Sprecher Mark Adams, „aber wir möchten auch aufrechterhalten, was Jesse Owens und viele andere großartige Athleten damals geleistet haben.“ Dies seien „großartige Beispiele“, die den olympischen Geist verkörperten. Auf dem umstrittenen T-Shirt aus der IOC-Kollektion ist von dieser Intention oder sonstigem erklärenden Kontext nur leider recht wenig zu finden. Es zeigt schlicht das offizielle Poster der damaligen Spiele: eine antik angehauchte Figur mit einem Lorbeerkranz, darunter das Brandenburger Tor.

Auch das T-Shirt der Olympischen Winterspiele von 1936 in Garmisch-Partenkirchen war bis zuletzt im IOC-Museumsladen zu erstehen. Und auch dieses zeigte das offizielle Poster der damaligen Spiele, entworfen von Ludwig Hohlwein, einem prominenten Mitglied aus Joseph Goebbels Propaganda-Apparat. Darauf zu sehen: ein Athlet, der die Hand emporreckt, ob zum olympischen Gruß oder Hitlergruß, ist nicht ersichtlich. Zu Beginn der Woche seien Exemplare dieses Stückes noch im Olympia-Shop erhältlich gewesen, berichteten britische Medien. Am Donnerstag blieb eine Suche nach den T-Shirts beider Spiele von 1936 im Online-Shop ohne Ergebnis.

Back to top button