Kultur

Debütfilm „Ich verstehe Ihren Unmut“: Sie scheint mit ihrer Arbeitsweste verwachsen | ABC-Z

Die Kamera von Louis Dickhaut und Frederik Seeberger klebt an Heike (Sabine Thalau, die als Objektleiterin in einer Reinigungsfirma arbeitet). Die Endfünfzigerin steht unter Dauerstrom, fährt von Objekt zu Objekt, darunter Einkaufszentrum und Kindergarten. Heike hetzt treppauf und -ab, ermahnt Mitarbeiter:innen, darunter viele mit Migrationsgeschichte, zu ordentlicher Arbeit. Sie füllt Kanister mit Reinigungsmittel, stopft schmutzige Putzlappen in blaue Säcke und streitet sich während den Autofahrten mit unzufriedenen Kun­d:in­nen am Handy oder im Büro mit dem Chef.

„Wir putzen nicht, wir reinigen“, sagt sie einmal und wirbt damit um Anerkennung für den Knochenjob.

Es ist ein ungeschönter und zugleich humanistischer Blick, den Kilian Armando Friedrich in seinem gemeinsam mit Tünde Sautier und Daniel Kunz geschriebenen Debütspielfilm auf Menschen im Niedriglohnsektor wirft. Ein Thema, das den Regisseur bereits in seinem mit Tizian Stromp Zargari realisierten mittellangen Dokumentarfilm „Atomnomaden“ beschäftigte. Vor rauchenden Schloten entwarf er das Porträt französischer Arbeitsnomaden, die unter prekären Verhältnissen in Atomkraftwerken arbeiten – eine Film gewordene Dystopie, die den deutschen Kurzfilmpreis in der Kategorie mittellanger Film gewann.

Der Film

„Ich verstehe Ihren Unmut“:

20. 2., 9.45 Uhr, HdBF

Auch in „Ich verstehe Ihren Unmut“ werden Menschen sichtbar, auf die unsere Gesellschaft nicht verzichten kann, die aber dennoch kaum gesehen und von harten Arbeitsbedingungen und finanzieller Unterversorgung geschlaucht werden. Es ist nach Filmen wie Petra Volpes „Heldin“ ein weiteres Arbeitsplatzdrama mit hohem Puls.

Kurz vor dem Kollaps

Heike, von Sabine Thalau in ihrer ersten Rolle überhaupt sehr authentisch gespielt, versucht den Laden und die Kol­le­g:in­nen zusammenzuhalten und begibt sich dafür auch in halbillegale Gefilde. Nachdem sie einen nicht offiziell angemeldeten Arbeiter eines Subunternehmers abwerben will, muss sie einen Mitarbeiter ihrer Firma loswerden, damit der Subunternehmer die Zusammenarbeit nicht einstellt. Damit und mit dem Verkauf gepanschter Reinigungskanister riskiert sie ihren Job und die Freundschaft zu Kollegin Taja (Nada Kosturin).

Wird die Frau mit der kleinen eckigen Brille dabei mitspielen? Eine Frage, die man sich bei ihrem Pensum unweigerlich stellt. Bis auf wenige Momente, etwa auf einer unerwarteten Feier mit ihrem Mitbewohner, ist sie regelrecht mit ihrer Arbeitsweste mit dem Firmenlogo verwachsen. Als Heike den Schalter auf Reset stellen und einen kollaborativ gedachten Neuanfang wagen will, rät die Beraterin im Arbeitsamt von „Experimenten“ in ihrem Alter ab. „Ich würde ihnen jetzt raten, einfach weiter zu funktionieren.“

Einfach weiter funktionieren: die notwendige Perversion eines Systems am Anschlag. Die ganze Absurdität von Friedrich Merz’ Mär von den faulen Deutschen manifestiert sich in diesem Film.

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