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1 Jahr elektronische Patientenakte: Verbraucherschützer ziehen Bilanz | ABC-Z

Die elektronische Patientenakte bringt für Versicherte derzeit wenig Nutzen. Das ist die Bilanz des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) knapp ein Jahr nach dem bundesweiten Start. „Die elektronische Patientenakte schöpft ihr Potenzial derzeit nicht aus“, sagte Ramona Pop, Vorständin des vzbv am Mittwoch. Einer Umfrage des Verbandes zufolge nutzen nur 14 Prozent der Versicherten die digitale Akte aktiv, loggen sich also per App oder am Computer ein. Eine Abfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland im Januar bei den Krankenkassen war zu noch niedrigeren Zahlen gekommen: Demnach nutzen nur 3,6 Prozent der gesetzlich Versicherten die Akte aktiv.

Die elektronische Patientenakte (ePA) war vor knapp einem Jahr für alle gesetzlich Versicherten, die nicht widersprochen haben, gestartet. Medizinische Einrichtungen wie Arztpraxen und Krankenhäuser müssen darin unter anderem Befunde, Diagnosen und verordnete Medikamente speichern, damit andere Be­hand­le­r:in­nen und die Pa­ti­en­t:in­nen selbst darauf zugreifen können.

Die ePA ist Teil einer umfassenden Digitalisierung des Gesundheitssystems. Die aktuelle und die vorigen Bundesregierungen versprechen sich davon, dass das System effizienter wird, weil etwa Doppeluntersuchungen vermieden würden. Da­ten­schüt­ze­r:in­nen und IT-Expert:innen hatten früh Bedenken angemeldet, dass bei Sicherheit und Schutz der persönlichen Gesundheitsdaten Lücken bestehen.

Der vzbv sieht die ePA grundsätzlich positiv. „Sie hat das Potenzial, die Gesundheitsversorgung für die Patientinnen und Patienten sicherer, effizienter und transparenter zu gestalten“, sagte Pop. Aber es hapere an der Umsetzung: Zunächst gab es Sicherheitslücken, die den Start verzögerten. Die Informationspolitik der Krankenkassen bezeichnet Pop als „mehr als dürftig“. Und schließlich muss einen komplizierten Registrierungsprozess durchlaufen, wer als Pa­ti­en­t:in auf die Akte zugreifen will.

Versicherte wünschen mehr Flexibilität

Der Verband hat in zwei Untersuchungen bei Versicherten nachgefragt, welche Verbesserungen sie sich wünschen. Ganz vorne: eine genaue Steuerung, welche Praxis, Klinik oder wel­che:r andere Behandelnde welche der eingestellten Daten sehen kann. Momentan gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip: Es lässt sich beispielsweise nicht einstellen, dass der Hausarzt den Befund der Kardiologin sehen darf, die Zahnarztpraxis und der Orthopäde aber nicht. Außerdem wünschen sich die Versicherten digitale Untersuchungshefte, etwa den Impfpass. Und Hinweise auf eventuelle Wechselwirkungen von Medikamenten.

„Die ePA muss alltagsnahe Mehrwerte für Versicherte schaffen“, fordert Pop. Ein Fehler in der Konzeption sei auch, dass jede Krankenkasse ihre ePA selbst gestaltet. Das erschwere es, dass sich etwa Familienmitglieder bei technischen Problemen gegenseitig helfen, wenn sie bei verschiedenen Krankenkassen sind.

Die ePA scheitert derzeit also nicht an den Praxen, sondern an der mangelhaften Umsetzung und der störungsanfälligen Technik

Markus Beier, Hausärzteverband

Auch der Hausärzteverband zieht eine kritische Bilanz: Bei der Infrastruktur komme es häufig zu Ausfällen und Störungen. „Die ePA scheitert derzeit also nicht an den Praxen, sondern an der mangelhaften Umsetzung und der störungsanfälligen Technik“, sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Markus Beier, der Funke Mediengruppe.

Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat erst vergangene Woche erklärt, wie sie die ePA weiterentwickeln will. Mehr Kontrolle für Versicherte über die eigenen Daten kam dabei nicht vor. Stattdessen plant sie mehr Vernetzung. So sollen ePA-Daten perspektivisch mit Daten etwa aus der Pflege-, Unfall oder Rentenversicherung verknüpft werden können. Außerdem soll ein Forschungspseudonym geschaffen werden. Eine große Masse an Gesundheitsdaten, auch aus der ePA, soll dann pseudonymisiert für die wissenschaftliche und industrielle Forschung zur Verfügung stehen. Im Unterschied zur Anonymisierung sind bei einer Pseudonymisierung Rückschlüsse auf die Personen möglich.

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