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Nato-Soldaten vor Fehmarn: Wenn der Ernstfall an der Ostsee eintritt | ABC-Z

Nato-Soldaten vor Fehmarn Wenn der Ernstfall an der Ostsee eintritt

18.02.2026, 17:41 Uhr Von Frauke Niemeyer

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Bei “Steadfast Dart” übt die schnelle Eingreiftruppe der Nato im großen Stil die Truppenverlegung, an der Ostseeküste etwa das amphibische Anlanden. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Sollte Russland das Baltikum angreifen, dann steht als Erstes die Allied Reaction Force der Nato an der Front. Aber wie kommt sie schnellstens dorthin? Das üben 10.000 Soldaten derzeit in Deutschland.

Zunächst kommen die Taucher. Sie steigen aus dem eiskalten Ostseewasser und sichern den verschneiten Strand ab, gemeinsam mit Minenräumern. Erst dann landen die Spezialkräfte auf Schnellbooten an, begleitet von einem Dröhnen am Himmel. Die Luftwaffe sichert die Landung der Streitkräfte mit Jets und Hubschraubern. Schließlich bringen Amphibienfahrzeuge Fahrzeuge und Gerät an den Strand.

Eine “amphibische Anlandung” trainiert die Nato am Mittwoch vor dem Truppenübungsplatz Putlos in Schleswig-Holstein. 2600 Streitkräfte, 15 Schiffe. Die durften nicht einfach am nahgelegenen Kai in Heiligenhafen anlegen und Mensch und Material an Land lassen. Denn im Kriegsfall gibt es den Kai in Heiligenhafen vielleicht gar nicht mehr.

“Steadfast Dart” heißt die Übung, die den Rahmen für die Anlandung vorgibt, “standfester Pfeil”. In dieser größten Nato-Übung des Jahres trainiert die Allied Reaction Force (ARF), die schnelle Eingreiftruppe der Nato, die Truppenverlegung.

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Die Nato übt Verlegen mit “Steadfast Dart” an der Ostseeküste (Foto: picture alliance / Anadolu)

Wenn Russland einen Baltenstaat, also Nato-Territorium, angreifen sollte und aus allen Richtungen Streitkräfte zur Verteidigung anrückten, dann würde das zentral gelegene Deutschland zur logistischen Drehscheibe werden. Und schon dadurch zu einem Angriffsziel. Auch unter solchen Umständen muss der Nachschub weiterlaufen. Ein Satz zieht sich seit Jahrzehnten durch Analysen von Militärexperten und Generälen: “Der Amateur denkt im Krieg über Strategien nach. Der Profi über Logistik.”

Szenario für die Übung: Es gibt keinen Hafen mehr, in dem die Schiffe anlanden könnten, also muss amphibisch abgeladen werden. Die Amphibienfahrzeuge steuern übers Wasser in den Bauch des spanischen Landungsschiffs “Castilla” hinein, nehmen dort Militärfahrzeuge und andere Geräte auf, fahren zum nahegelegenen Strand und lassen ihre Ladung trocken von Bord. Das muss im Ernstfall so schnell und problemlos gehen, dass auch ein Flugzeugträger wie die am Manöver beteiligte türkische “Anadolu” die 100 Fahrzeuge, die sie an Bord hat, ohne Verzögerung loswird.

“Nicht mal einen Zentimeter”

Als “Anadolu” und “Castilla” am Mittwoch an der deutschen Ostseeküste abladen, haben sie knapp drei Wochen Fahrt auf hoher See hinter sich. Für “Steadfast Dart” sind sie Ende Januar in Spanien aufgebrochen und wurden dazu von einer deutschen Abordnung verabschiedet.

Rückblende Ende Januar: Ein knappes Dutzend deutsche Soldaten, allesamt in Tarnanzügen, besteigen an einem eisigen Berliner Morgen einen A400M. Von hinten über die heruntergelassene Ladeklappe gelangen sie in den Frachtraum des Transportfliegers. Ein A400M von innen – das ist vor allem sehr viel Platz. Die Propellermaschine wandelt sich nach Bedarf: Lädt man Kerosintanks im Frachtraum, dann wird sie zur fliegenden Tankstelle. Sie kann drei Geländewagen oder einen Schützenpanzer transportieren. An diesem Morgen ist nichts an den massiven Krampen im Boden festgeschnallt außer zwei Bierzeltgarnituren mit blauweißer Tischdecke. Es soll gleich noch Frühstück geben.

Das Ziel der Soldaten: die spanische Atlantikküste. Im Militärhafen Rota wollen sie die “Castilla” und die “Anadolu” verabschieden, bevor sie sie im großen Verband von Spanien aus, um Frankreich herum nach Deutschland verlegen.

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Am Nato-Manöver “Steadfast Dart” sind europaweit rund 10.000 Soldaten beteiligt. (Foto: © Bundeswehr)

Geleitet wird die gesamte Großübung vom deutschen Vier-Sterne-General Ingo Gerhartz, auch er an Bord der Maschine. 10.000 Streitkräfte bewegt er zu Land, zu Wasser und in der Luft aus Südeuropa Richtung Deutschland, der Drehscheibe im Herzen Europas. Dort trainieren sie gemeinsam auf großen Truppenübungsplätzen wie im niedersächsischen Bergen. Auf Social Media posten die Verbände Bilder von unterwegs. Hashtag: #NotEvenAnInch – Nicht mal einen Zentimeter.

Das klingt nicht nach fiktivem Szenario, nicht nach “Wir üben so vor uns hin, um uns für was auch immer vorzubereiten”. Keinen Zentimeter – das ist eine sehr klare Botschaft. Wenn man mit Soldaten an diesem Morgen im Flieger spricht, soweit das möglich ist bei dem brachialen Lärm der Propeller, dann hat diese Botschaft einen klaren Adressaten. “Die Ausrichtung unserer Manöver hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert”, sagt einer der Männer. Weg von der Vorstellung eines fiktiven, unbestimmten Feindes, hin zu einem Szenario, das sich realitätsnah an der politischen Lage orientiert. “Wir üben, um bereit zu sein gegen Russland.”

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“Steadfast Dart” an der Ostseeküste (Foto: picture alliance / Anadolu)

Offiziell wird man diese Aussage nicht hören. “Ich sehe das Manöver nicht speziell gegen einen Gegner ausgerichtet”, sagt General Gerhartz im Gespräch mit ntv.de. Der ehemalige Inspekteur der deutschen Luftwaffe kommandiert inzwischen das “Allied Joint Force Command” der Nato, zuständig für Zentraleuropa vom Atlantik bis zur russischen Grenze. Für die Dauer von “Steadfast Dart” untersteht ihm die gesamte schnelle Eingreiftruppe. “Wir bringen in dieser Übung verschiedenste Einheiten aus elf Nationen zusammen, um dann in Deutschland gemeinsam zu üben”, sagt Gerhartz. “Im Schwerpunkt steht die Konzentration auf uns selbst.”

10.000 Streitkräfte zu bewegen und zwischendurch auch noch üben zu lassen, das ist logistisch eine enorme Herausforderung. 1500 Militärfahrzeuge sind unterwegs, mehr als 20 Flugzeuge und 17 Marineeinheiten. Neben “Anadolu” und “Castilla” auch Fregatten und U-Boote.

So nah wie möglich am Ernstfall

“Sollte es zu einem Krieg gegen Russland und Verbündete kommen, ist man ziemlich schnell in Größenordnungen, in Einsatzstärken, die sich auf Übungsplätzen gar nicht mehr unterbringen lassen”, erklärt ein Soldat während des Fluges. Den Ernstfall in Originalgröße kann man nicht trainieren, denn dazu wären “freilaufende Großübungen” notwendig. “Für die wird man in Natostaaten kaum die nötige Akzeptanz finden, wenn etwa ganze Landstriche belegt und von schwerstem Gerät durchpflügt würden.”

Mit “Steadfast Dart” versucht man, so nah wie möglich an den Ernstfall heranzukommen. Zehn Meter hohe Wellen rund um die Biskaya tragen ganz ohne Zutun der Nato zur Herausforderung bei. Zusätzlich sind mit den Partnern aus Frankreich und Großbritannien simulierte Luftangriffe verabredet.

Eine so große Flotte, die enorme Mengen an Mensch und Material transportiert, wäre im Ernstfall für die Russen ein wichtiges Ziel. “Die Franzosen simulieren angreifende Luftfahrzeuge, der Verband muss eine Sicherheitsblase um sich herum schaffen, die feindliche Angriffe abwehrt”, erklärt ein Soldat. Auch andere Verfahren werden durchgespielt. “Brände auf Schiffen werden simuliert, ebenso wie Raketeneinschläge, wo ganze Bereiche evakuiert werden müssen.”

Logistische Herausforderungen bilden vor allem die Schnittstellen – wenn etwa schweres Gerät im Emdener Hafen vom Schiff auf den Schwerlasttransporter verladen werden müsste, um dann über Land zum Übungsplatz in der Lüneburger Heide zu kommen. Da muss im Kriegsfall die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft reibungslos klappen. Denn die Bundeswehr kann unmöglich selbst genügend Fahrzeuge vorhalten, um alle Güter für die Front zu transportieren.

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Anlander vor dem Truppenübungsplatz Putlos (Foto: picture alliance / Anadolu)

Gemäß Nato-Vorgaben soll es keine zehn Tage dauern, bis die schnelle Eingreiftruppe kampfbereite Truppen aller Dimensionen samt Geräten an der Front hat. Zehn Tage – das klingt lang und natürlich könnten deutsche Eurofighter, französische Rafale oder schwedische Gripen schon nach wenigen Stunden einsatzbereit im Kriegsgebiet sein.

Aber ein Panzer, ein Transportfahrzeug, eine Haubitze lässt sich nicht so schnell über 1000 und mehr Kilometer verfrachten. Das kann im Gegenteil sogar dramatisch lange dauern, geht man nach den Erkenntnissen des Europäischen Rechnungshofs. Im vergangenen Jahr haben sich die EU-Beamten die militärische Mobilität in der Union vorgeknöpft und Erschütterndes festgestellt.

Militär muss durchs Nadelöhr

Da ist von Militärtransporten die Rede, die von Portugal bis ins Baltikum 45 Tage dauern würden. Nicht, weil die Räder so langsam rollen, sondern, weil an jeder einzelnen Grenze bis zum Ziel ein neuer Wust von Zulassungsformularen und Nachweisen zu erbringen wäre. Über Jahrzehnte leistete sich jedes europäische Nato-Land seine ganz eigenen Vorschriften, nach denen eine Passage gewährt wurde.

Das ist verständlich, denn militärisches Gerät bringt Gefahren mit sich und eine Regierung möchte kontrollieren können, wenn etwa Kriegsmunition durchs eigene Land rollt. Bloß bremst das einen Militärtransport immens.

Aus Sicht des Nato-Experten Rafael Loss müssen die verbündeten Staaten darum zunehmend Militärkorridore bilden, wie es Deutschland, die Niederlande und Polen vor zwei Jahren beschlossen haben. “Weil viel Material durch das Nadelöhr zwischen diesen drei Ländern an die Ostflanke gelangen muss, haben sich die drei Nato-Partner zusammengesetzt, gemeinsam die Infrastruktur geplant, aber auch Vorschriften angeglichen”, erklärt Loss vom European Council on Foreign Relations. Dieser Musterkorridor soll sich nun erweitern um Staaten wie Belgien, Tschechien, Litauen und die Slowakei, “er war gewissermaßen eine Initialzündung”.

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Eines der beteiligten Kriegsschiffe vor der deutschen Ostseeküste (Foto: picture alliance / Anadolu)

Wenn die 10.000 Soldaten jetzt im Februar auf deutschen Truppenübungsplätzen üben, dann will man auch feststellen, ob sich bei der Mobilität schon spürbar etwas verbessert hat. “Als Endzustand will man im Prinzip einen militärischen Schengenraum etablieren”, so Loss.

“Steadfast Dart” soll zeigen, “dass wir in einer möglichen Krise sehr schnell einem möglichen Gegner aufzeigen können, wo die roten Linien liegen”, sagt General Gerhartz. Dass sich die USA in diesem Jahr nicht beteiligen, sondern Spanien, Griechenland und die Türkei, ist Zufall. Aber ein willkommener: Wenn sich besonders die Südeuropäer mit Tausenden Kräften nach Norden bewegen, um einen fiktiven Angriff im Osten abzuwehren, soll das auch zeigen: Das “Alle für einen” gilt weiterhin. Nicht nur die Nachbarn schützen ein Natoland, sondern auch weit entfernte Verbündete. Es ist eine Botschaft in Richtung des möglichen Gegners, aber, vielleicht ebenso wichtig: auch ein Signal nach innen, an die Nato-Staaten selbst.

Quelle: ntv.de

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