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Golem Grad: Männliche Schildkröten gefährden Weibchen – Wissen | ABC-Z

Den Griechischen Landschildkröten könnte es eigentlich richtig gut gehen auf Golem Grad. Die kleine Insel im Prespasee zwischen Nordmazedonien, Albanien und Griechenland steht seit 1958 unter Naturschutz. Es gibt dort keine Raubtiere und auch Menschen leben auf Golem Grad nicht, nur hin und wieder kommen Touristen zu Besuch. Trotzdem schrumpft die Population der Schildkröten auf der Insel. Forschende haben die Tiere 16 Jahre lang studiert und kommen zu dem Schluss: Die Männchen sind schuld.

Sie sind auf der Insel klar in der Überzahl. Am Strand gibt es etwa dreimal mehr Männchen, auf dem höheren Plateau steht es rund 19 zu 1. Dragan Arsovski, Ökologe der Macedonian Ecological Society, erforscht die Population seit mehr als 15 Jahren. Er fand breits vor einigen Jahren heraus, dass die Männchen öfter andere Männchen bestiegen als Weibchen. Manche versuchten sogar, sich mit toten Artgenossen, leeren Panzern und Steinen zu paaren. Mit seinem Team beobachtete er außerdem ein Verhalten, dass die Forschenden zunächst lustig fanden.

Die Schildkröten bildeten manchmal „Paarungszüge“, wobei bis zu neun Männchen auf ein Weibchen losgingen. „Wir fingen an, die Weibchen aus diesem Wahnsinn herauszuziehen“, sagt Arsovski. „Sie waren oft total erschöpft, bewegten sich nicht und ihre Genitalien waren komplett zerstört.“ Das Team beschloss, die weiblichen Schildkröten genauer zu untersuchen.

Drei Viertel der weiblichen Schildkröten auf Golem Grad hatten Verletzungen an den Genitalien

Die Grundlage für ihre Studie, die nun in der Fachzeitschrift Ecology Letters erschienen ist, bildete die Rückfang-Methode. Die Forschenden fingen die Schildkröten ein, markierten sie und ließen sie wieder frei. 16 Jahre lang, von 2008 bis 2023, erfassten sie die Tiere immer wieder, so konnten sie einschätzen, wie die Populationszahl sich entwickelte. Zudem wogen sie die Tiere, maßen ihre Panzerlänge und suchten nach Verletzungen, einige Tiere wurden 2022 und 2023 sogar geröntgt. Am Strand der Insel fing das Team 458 Schildkröten, auf dem Plateau 1423. Als Kontrollgruppe diente eine Stichprobe von 1151 Schildkröten am Festland, wo die Weibchen sogar etwas in der Überzahl waren.

Etwa drei Viertel der weiblichen Schildkröten auf der Insel hatten Verletzungen an den Genitalien. Sie waren außerdem deutlich schwächer als ihre Artgenossinnen an Land und hatten vor allem auf dem Plateau geringere Überlebenschancen. Auch waren die Schildkrötendamen dort seltener schwanger. Die Röntgenaufnahmen zeigten nur bei 15 Prozent der Weibchen auf dem Plateau Eier, am Strand waren es 69 und am Festland 94 Prozent. „Normalerweise hat man in der Forschung Graustufen“, sagt Arsovski. „Aber dieser Effekt war total Schwarz-Weiß.“ Die Forschenden vermuten, dass die Weibchen von der Belästigung der Männchen so gestresst und ausgemergelt sind, dass ihre Fruchtbarkeit leidet.

Arsovski stattete eine der wenigen trächtigen Plateau-Schildkröten mit einem GPS-Tracker aus, er wollte wissen, wo das Tier die Eier legen würde. Am 18. Juni 2023, erinnert der Forscher sich, habe der Tracker ein auffälliges Signal gezeigt. Das Team sei mit böser Vorahnung zur Insel gefahren, und habe am Strand den zerbrochenen Panzer gefunden. Das Tier war eine Klippe hinuntergefallen. „Es war schrecklich“, sagt der Forscher. Im Laufe der Zeit beobachtete das Team, dass deutlich mehr Weibchen als Männchen durch solche Stürze starben.

„Der Instinkt ist, zu helfen. Aber sollten wir darauf hören? Oder spielen wir dann Gott?“

In einem Experiment mit 13 Weibchen, davon acht Plateau- und fünf Festland-Schildkröten, simulierten die Forschenden eine Klippe, die tatsächlich aber nur einen Meter hoch und am Abgrund mit Styropor gepolstert war. Sie ließen die Tiere entweder allein davor herumwandern oder setzten fünf sexuell aktive Männchen dazu. Im letzteren Fall fielen fast alle Weibchen. Die Festland-Bewohnerinnen fielen allerdings erst, wenn die Männchen sie zu sehr bedrängten. Die meisten Plateau-Weibchen schienen sich dagegen freiwillig hinabzustürzen. Die Autoren der Studie sehen darin eine „gefährliche Fluchtstrategie“.

Die Entwicklungen auf Golem Grad beschreiben sie als „Strudel der Auslöschung“. Laut ihren Berechnungen wird 2083 das letzte Weibchen auf der Insel sterben. Das Forscher-Team debattiert viel darüber, ob man vorher eingreifen sollte, sagt Arsovski. „Der Instinkt ist, zu helfen“, so der Ökologe. „Aber sollten wir darauf hören? Oder spielen wir dann Gott?“

Andererseits ist auch unklar, ob das schiefe Geschlechterverhältnis auf natürliche Weise zustande gekommen ist. Es könnte auch ein statistischer Zufall sein, heißt es in dem Paper. Vielleicht wurden aber auch einst mehr männliche als weibliche Tiere dort von Menschen ausgesetzt. Manche der ältesten Schildkröten haben in ihren Panzern eingeritzte Zahlen. Wer sie eingeritzt hat, ist unbekannt, doch es könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese Tiere von Menschen auf die Insel gebracht wurden. Arsovski plant nun einen Workshop mit Wissenschaftlern und Tierschützern, auf dem die Zukunft der Schildkröten auf Golem Grad verhandelt werden soll.

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