Xavier Naidoo schwurbelt wieder: „Die fressen unsere Kinder, das wissen Sie schon?“ | ABC-Z

Xavier Naidoo ist zurück. Und zwar nicht nur auf den großen Bühnen dieses Landes, auf denen er seit Dezember wieder für seine Fans singt. Sondern seit Dienstag auch auf kleinen Demonstrationen, wo er an der Seite von Rechtsextremen Verschwörungserzählungen verbreitet: „Ich bin mir sicher, wir haben alle schon Menschenfleisch gegessen“, sagte Naidoo vor dem Kanzleramt in Berlin. „Unwissentlich haben wir bestimmt alle schon einen Menschen gefressen.“ Die Firma Lay’s nutze für ihre Chips zum Beispiel „embryonales Gewürzmittel“.
Die Demonstration war angemeldet worden als Reaktion auf die EpsteinFiles, 300 Menschen kamen. In E-Mails aus diesen Dokumenten geht es immer wieder um Trockenfleisch, „jerky“. Manche wollen darin einen Code für menschliches Babyfleisch erkannt haben. Es werden Verbindungen hergestellt zu einer alten Verschwörungserzählung: Demzufolge entführen Politiker, Banker und Hollywoodstars Kinder und foltern sie, um aus ihrem Blut das Stoffwechselprodukt Adrenochrom zu gewinnen, mit dem man sich angeblich verjüngen oder berauschen kann.
In diesem Zusammenhang werden manchmal auch „HEK 293-Zellen“ genannt, menschliche Zelllinien, die 1973 einmalig aus der Niere eines menschlichen Fötus gewonnen und seitdem milliardenfach zur Forschung geklont wurden. Verschwörungserzähler behaupten fälschlicherweise, dass für diese Forschung fortlaufend Kinder getötet würden. Darauf wollte Naidoo wohl mit seinem „embryonalen Gewürzmittel“ hinaus. Die „HEK 293-Zellen“ landen aber nicht in Lebensmitteln, auch in der Forschung werden sie laut Lay’s für das Unternehmen nicht mehr genutzt.
Seine Kritiker hatten recht
Naidoo hatte sich am Anfang der Corona-Pandemie als Anhänger der Adrenochrom-Verschwörungserzählung bekannt: Schon in den Neunzigerjahren habe er sich „auf den Weg“ gemacht und später in Belgien „wie ein Privatdetektiv“ ermittelt, als der Fall des Kindesmissbrauchstäters Marc Dutroux öffentlich wurde, sagte er damals. Die Corona-Krise bezeichnete Naidoo dann weinend als Vorwand für das Militär, um während des Lockdowns Kinder zu befreien. Später hetzte er gegen Juden, leugnete den Holocaust und nahm ein Lied mit einem Rechtsextremen auf. 2022 räumte er in einem Video ein, dass er von Verschwörungserzählungen geblendet worden sei und bat um Verzeihung. Viele Kritiker nahmen ihm das nicht ab.
Seit Dienstag muss man wohl sagen: Diese Kritiker hatten recht. Naidoo wollte vor dem Kanzleramt zwar nicht ausführlich über sein Weltbild reden. Aber es brach immer wieder aus ihm heraus. Fast eineinhalb Stunden lang kann man auf Youtube dabei zusehen, wie der Sänger mit einer Traube begeistert filmender Menschen hin- und herläuft, weil er Bundeskanzler Friedrich Merz zur Rede stellen will. In Minute 13 spricht Naidoo zum ersten Mal von „Menschen, die unsere Kinder fressen“, in Minute 15 sagt er, dass er nicht mit „Kinderfressern“ zusammenleben könne, dann sagt er: „Die fressen unsere Babys, verdammt noch mal.“ Einen Wachmann am Kanzleramt, der für ihn Merz rufen soll, fragt Naidoo: „Die fressen unsere Kinder, das wissen Sie schon?“
Es geht ihm um „Kinderfresser“
Auf Nachfrage eines rechtsextremen Influencers bestätigt Naidoo, dass es wahrscheinlich auch auf Inseln in Europa „satanische Rituale“ gebe. Es gehe nicht nur um Epsteins Insel, sondern um Länder, Kontinente, eine ganze Industrie – und eben nicht um Kindesmissbrauch, sondern um „Kinderfresser“. Deutschland stehe den Verhältnissen auf Epsteins Insel in nichts nach. Die Täter seien keine „Menschen“, sondern „Dämonen“. Am allerwichtigsten sei es diesen „Kannibalen“, „dass wir alle Kannibalen werden“.
Schließlich bittet ein Polizist Naidoo, den Bereich zu verlassen. Er könne Merz eine E-Mail schreiben. Naidoo will ruhig bleiben, ab und zu blitzt aber eine große Wut durch: „Wenn du darüber nicht wütend wirst und jemandem den Hals umdrehen willst, hast du keine Seele“, sagt er. In den meisten Männern schlage gerade „ein sehr kriegerisches Herz“.
„Ich weiß, wo die Leichen begraben sind“
Naidoos Zuhörer wirken dabei eher verzweifelt, manche nennen sich selbst „krank“. Einer sagt, dass er nicht mehr schlafe, weil er immer ein „Kratzen am Schloss“ höre. An Verschwörungsglauben kann man selbst zugrunde gehen – oder irgendwann davon überzeugt sein, dass man gewalttätig werden muss in Anbetracht des „unaussprechlichen Leids“, wie Naidoo es nennt.
An diesem Nachmittag wird jedenfalls sehr deutlich, dass es in den vergangenen Jahren in Naidoos Weltbild keinen Bruch gab. Man könne das alles „seit 30 Jahren“ wissen, sagt er. Er selbst habe irgendwann nur „keinen Bock“ mehr gehabt weiterzumachen bis zur „totalen Selbstzerstörung“. Ab und zu müsse man sich zurückziehen, man brauche Geduld. Als ein Demo-Teilnehmer wissen will, ob er die Entschuldigung nur veröffentlicht habe, weil seine Familie bedroht wurde, antwortet Naidoo: „Glaubst du, dass ich darüber jetzt sprechen will?“ Naidoo will lieber mit Merz sprechen: „Ich habe die richtigen Fragen, ich weiß, wo die Leichen begraben sind.“ Verraten will er das alles noch nicht, weil er im Gespräch mit dem Kanzler das „Momentum“ nutzen wolle, um zu sehen, wie der reagiere.
Dann spricht Naidoo doch noch eine Drohung aus: Er habe „hundert Songs“ geschrieben, in denen es um all das gehe, was er in den vergangenen sechs bis zehn Jahren zusammengetragen habe – die werde er veröffentlichen. Da wird noch mal deutlich: Es gab 2022 keinen Bruch in Naidoos Weltbild. Seine Entschuldigung war also nicht ernst gemeint.




















