News

Nachhaltigkeit der Winterspiele: Falscher Schnee von oben | ABC-Z

Das hätte es nun wirklich nicht gebraucht. Es schneit und schneit und schneit in Livigno. Das Slopestyle-Finale der Snowboarderinnen konnte am Dienstag nicht stattfinden. Zu viel Schnee lag auf dem Hindernisparcours im Snowpark, zu schlecht war die Sicht wegen des dichten Schneefalls.

Es wurde den ganzen Tag geschuftet, um die nervigen Kristalle aus den Zuschauerbereichen und den Zugängen zur Anlage zu räumen. Bis zum Abend mussten sie zumindest begehbar sein. Das Big-Air-Event der Freeski-Artisten sollte nicht auch noch ausfallen. Es ist dies die zweite große Schneekrise in Livigno in dieser Saison.

Die erste hatte es Mitte Dezember gegeben. Da schlug der Präsident des Internationalen Skiverbands (FIS), Johan Eliasch, Alarm. Anderthalb Monate vor Beginn der Spiele hatte noch keine der nagelneuen Schneekanonen auch nur einen weißen Krümel verschossen.

Die Organisatoren der Spiele sprachen von technischen Problemen, konnten aber schnell Entwarnung geben. Seitdem lief die Schneeproduktion auf Hochtouren. Endlich konnte damit begonnen werden, den Zielhang der Big-Air-Schanze aus frisch produziertem, sogenannten technischen Schnee aufzuschütten. Bis dahin stand das über 50 Meter hohe Stahlgerüstmonster recht allein als hässlicher Sichtfang im Hochtal.

300.000 Kubikmeter Erde abgebaggert

Am Ende konnte der Mann, der sich in Italien als Macher der Spiele feiern lässt, rechtzeitig Vollzug melden. Fabio Massimo Saldini, der Chef der für die Spiele ins Leben gerufenen Infrastrukturgesellschaft Simico, lobte die beteiligten Unternehmen, die das Projekt verwirklicht hatten. Federführend war dabei die Bozener Spezialfirma für Beschneiungsanlagen, Technoalpin. Die Schneekanonen oder -duschen, die fest an den Pisten installiert sind, stellen dabei nur einen kleinen Teil dessen dar, was in Livigno bewegt wurde.

Zunächst wurden 300.000 Kubikmeter Erde aus dem Hang, an dem heute die Halfpipe, der Skicrossparcour, die Slopestyleanlage und der Riesenslalompacours für die Snowboarderinnen liegt, abgebaggert und so wieder neu aufgeschichtet und verdichtet, dass etwa Steilkurven und Erhebungen für Sprünge angelegt werden konnten. Dazu wurde noch eine Unterführung in den Hang betoniert, damit Pistenfahrzeuge von einer Anlage zur anderen fahren können. Natürlich wurden auch die Wasserleitungen zu den Beschneiungsanlagen unter dem Hang verlegt.

Wer in diesen Tagen über den Snowpark schlendert, kann die Einfahrt zu den künstlichen Höhlen im Berg nicht übersehen. Darin sind auch die Pumpanlagen, die das Wasser aus dem neuen Speichersee am Monte Sponda holen und an die Schneekanonen verteilen. Der Speichersee, der auf einer Höhe von 2.200 Meter liegt, ist mit seinem Fassungsvermögen von 210.000 Kubikmetern einer der größten seiner Art. Ach ja, die 3,5 Kilometer lange Wasserleitung zum Snowpark musste ja auch noch verlegt werden.

Kein Wunder, dass man sich bei diesen Investitionen von weit über 5 Millionen Euro ärgert, wenn es draußen zu schneien beginnt. Und ebenso wenig verwunderlich ist es, dass Technoalpin einer der lokalen Sponsoren der Winterspiele ist. Da wäscht eine Hand die andere.

Diese Art von Geschäften wird in einer Ausstellung kritisiert, die in einem der wenigen historischen Bauernhäuser in Livigno, weitgehend unbeachtet von den Olympiafans, auf Umweltzerstörung und Korruption im Zusammenhang mit den Spielen aufmerksam machen möchte. In zwei Panoramafenstern sind Bilder zu sehen, die das massenhafte Fällen von Bäumen dokumentieren. „Nachhaltige Spiele – oder ein Desaster für die Natur?“, steht auf einer Plane, die am Ausstellungshaus angebracht ist.

Und auch der Macher der Spiele, Simico-Chef Saldini, wird mit ein paar Schautafeln gewürdigt – als Profiteur des Events, der sich gnadenlos an den Steuergeldern für Olympia bedient. Er soll sich nach einer Umstrukturierung von Simico zusätzlich zu seinem Geschäftsführergehalt von 193.000 Euro im Jahr auch noch 180.000 Euro für die Arbeit des neu geschaffenen Postens eines Generaldirektors auszahlen haben lassen. Das geht zumindest aus einer Anfrage der grünen Parlamentsabgeordneten Luana Zanella an den zuständigen Infrastrukturminister Matteo Salvini hervor.

Der Big-Air-Wettbewerb konnte dann am Abend tatsächlich stattfinden. Bei starkem Schneefall wurden die Athleten von der Schanze gelassen und lieferten sich einen schier unfassbaren Wettkampf, den der Norweger Tormod Frostad mit einem Traumwert von 98,5 Punkten für seinen letzten Trick für sich entschied. Über den Schnee redete dann niemand mehr.

Back to top button