Defekte Rohre, Strom aus Gas: Das US-Atom-Revival von Trump, Holtec und Oklo ist “Chaos” | ABC-Z

Defekte Rohre, Strom aus GasDas US-Atom-Revival von Trump, Holtec und Oklo ist “Chaos”
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Die Geburt von ChatGPT ist Startschuss des Atom-Revivals. US-Präsident Trump will die amerikanischen Atomkapazitäten bis 2050 vervierfachen. Doch gut drei Jahre später kämpft die Branche mit spröden Rohren, fehlenden Unterlagen und verzettelt sich mit immer neuen Entwürfen für Minireaktoren.
“Chaos.” So beschreibt Atomexperte Tim Judson das, was derzeit in den USA passiert: Die großen Tech-Konzerne pumpen Hunderte Milliarden Dollar in neue Rechenzentren und lösen mit ihrem KI-Wettrennen einen Energie-Tsunami aus: Einzelne Rechenzentren benötigen für ihren Betrieb dauerhaft den Strom von einem ganzen Atomkraftwerk.
Eine Steilvorlage für Donald Trump. Der US-Präsident möchte die KI-Ära nutzen, um die amerikanischen Atomkapazitäten bis 2050 auf 400 Gigawatt zu vervierfachen. Doch trotz aller Bekenntnisse bauen die USA gut drei Jahre nach der Weltpremiere von ChatGPT kein einziges neues Atomkraftwerk.
Geht es nach Tim Judson, bleibt es dabei. Der Amerikaner ist Direktor der Anti-Atom-Organisation Nuclear Information and Resource Service (NIRS). Er möchte alle 94 US-Atomkraftwerke abschalten. Weil sie gefährlich sind. Aber auch, weil sie den teuersten Strom erzeugen. “Das sind hochkomplexe Maschinen”, sagt er im Gespräch mit ntv.de. “Man benötigt enorme Mengen Stahl und Beton, um die Strahlung so gut wie möglich einzudämmen. Allein der Reaktorbehälter wiegt 400 Tonnen. Die kann man nicht wie Solarpanels millionenfach pro Jahr in einer Fabrik herstellen.”
Tausende poröse Rohre
Sicherheit kostet Zeit und Geld, das spürt die Atombranche beim Pilotprojekt des amerikanischen Atom-Revivals. Im US-Bundesstaat Michigan steht das AKW Palisades. Das wurde 2022 abgeschaltet und soll als erstes von drei stillgelegten amerikanischen Atomkraftwerken wieder hochgefahren werden und Strom erzeugen.
Bei den Vorbereitungen hat der Besitzer Holtec International jedoch festgestellt, dass Tausende Rohre im Dampferzeugersystem des Kraftwerks spröde sind oder sogar Risse haben. NIRS-Direktor Judson überrascht das nicht: Die US-Atomreaktoren sind im Schnitt 45 Jahre alt. Die Bauteile und Komponenten wurden jahrzehntelang mit radioaktiver Strahlung beschossen. Dadurch ist das Metall porös geworden.
Judson ist überzeugt, dass das AKW Palisades kein Einzelfall ist. Er plädiert dafür, die amerikanischen Atomkraftwerke herunterzufahren und zu untersuchen. Die Erfolgsaussichten? Gering. Denn das Ergebnis wäre ihm zufolge absehbar: Die porösen Rohre müssten mit großem Aufwand ausgetauscht werden. Die USA wären in derselben Situation wie Frankreich vor einigen Jahren. Die Atomkraftwerke würden zwei oder drei Jahre lang keinen Strom liefern und Geld verdienen, sondern Kosten verursachen.
Wo sind die Unterlagen?
Diese Büchse der Pandora möchte die Branche nicht öffnen. Speziell Holtec, das kurz vor dem Börsengang steht. Deshalb haben die Ingenieure des Atomkonzerns in Palisades nur Hülsen über die spröden Rohre gestülpt – wie bei einem Schlauchverband für Verletzungen an Arm oder Bein. Die Wiederinbetriebnahme mussten sie trotzdem verschieben: Eigentlich sollte das Atomkraftwerk bereits seit Ende 2025 wieder laufen.
Kritiker wie Tim Judson sagen, Holtec versuche sich durchzumogeln. Das deckt sich mit Berichten von Lokalmedien. Demnach wartet die US-Atomaufsichtsbehörde NRC auf wichtige Unterlagen für den Neustart des Atomkraftwerks. Sie sollen belegen, dass die Metalle und die Schweißnähte, die bei Reparaturen verwendet wurden, halten, wenn das AKW läuft.
Holtec kann die Dokumente aber trotz einer “umfassenden Suche” nicht auffinden. Plan B? Bei einer öffentlichen Anhörung sagte ein Ingenieur des Atomkonzerns vor wenigen Tagen aus, dass man die NRC bitten möchte, das Unternehmen von der Berichtspflicht zu befreien. Eine weitere Verzögerung möchte Holtec unbedingt verhindern.
Kahlschlag bei der Atomaufsicht
Das Chaos bei der Wiederinbetriebnahme von Palisades steht stellvertretend für die Sorglosigkeit, mit der die US-Regierung das Atom-Revival erzwingen möchte. Im vergangenen Jahr wies US-Präsident Trump die Atomaufsicht an, Personal abzubauen, um Geld zu sparen. Das fehlt der NRC inzwischen für Inspektionen. NIRS-Direktor Judson sagt, einige Sicherheitsuntersuchungen werden schlicht nicht mehr durchgeführt.
Das Weiße Haus hat die Atomaufsichtsbehörde auch angewiesen, Projekte einfach durchzuwinken, wenn sie bereits vom US-Energieministerium abgesegnet wurden. Im Energieministerium herrscht Christ Wright: Er zweifelt am Klimawandel. Ihm zufolge benötigt die Welt mehr fossile Energien, nicht weniger. Und mehr Atomkraft.
70 Jahre ohne Fortschritt
Von der laxen Regulierung profitieren neben Holtec bisher hauptsächlich SMR-Startups für moderne Minireaktoren. Diese sollen so klein und modular sein, dass man sie in einer Fabrik bauen und fertig ausliefern kann. Das Versprechen: Das spart Zeit und Geld.
Doch Minireaktoren scheinen komplizierter zu sein, als ihre Anhänger wahrhaben wollen: Offenbar herrscht nicht einmal Einigkeit, wie ein möglichst sicherer und effizienter “Small Modular Reactor” (SMR) überhaupt aussehen sollte. Fast jeder SMR-Anbieter entwickelt sein eigenes Design. Die Atomenergieagentur (NEA) zählt weltweit inzwischen 127 unterschiedliche Entwürfe. 2024 waren es 98 – ein Viertel weniger. Ein einziges Unternehmen besitzt eine Genehmigung der US-Atomaufsicht für sein Reaktordesign. Keine Firma hat eine Betriebsgenehmigung.
Tim Judson meint, den Grund für die Ideenflut zu kennen: Minireaktoren sind zu klein, um effizient zu arbeiten. Das müsste die Branche ihm zufolge seit Jahrzehnten wissen, denn an dem Ansatz wird bereits seit mehr als 70 Jahren geforscht. Der Prototyp wurde gewissermaßen 1954 in Betrieb genommen. Damals nahm mit der “USS Nautilus” das erste Atom-U-Boot seinen Dienst auf.
Doch außerhalb von Streitkräften, bei denen Geld keine Rolle spielt, haben sich Minireaktoren nicht durchgesetzt. “Die Atomindustrie wollte sie schon damals kommerzialisieren”, sagt Judson. “Aber die Stromerzeugung war nicht wirtschaftlich. Also hat die Branche immer größere Anlagen gebaut, bis sie schließlich bei den 1000-Megawatt-Reaktoren von heute gelandet ist. Für dieselbe Leistung müsste man mehr als ein Dutzend Minireaktoren bauen. Diese Anlagen wären dann aber deutlich größer als ein klassisches AKW.”
“Sie erfinden das Rad neu”
An diesem Entwicklungskreislauf hat sich nichts geändert, im Gegenteil: Moderne SMR-Startups gehen denselben Weg. Sie starten ihren Designprozess mit einem winzigen Reaktor, teils mit einer Leistung von nur 15 Megawatt. So leistungsstark sind moderne Offshore-Windräder. Dann fallen Probleme auf und der Reaktor wird größer und größer: 30 Megawatt, dann 50, dann 70.
In der kanadischen Provinz Ontario soll 2030 der erste Minireaktor der westlichen Welt in Betrieb genommen werden: ein 300-Megawatt-System. Es fehlt nicht mehr viel zu großen Atomkraftwerken, auch nicht bei den Kosten: Der Reaktor schlägt mit mindestens 5,6 Milliarden US-Dollar zu Buche.
“Wenn Minireaktoren funktionieren würden, würde es sie längst geben”, sagt Tim Judson. “Alles, was SMR-Startups machen, ist das Rad neu erfinden. Verglichen mit großen Atomkraftwerken sind Minireaktoren schlicht ineffizient. ”
Merkwürdigkeiten von Oklo
Dass die Kritik nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt ein Blick auf das bekannteste SMR-Startup Oklo. Im Mai 2024 hat OpenAI-Chef Sam Altman – damals auch Oklo-Chef – den Branchendarling an die Börse gebracht. Ein kluger Schachzug: Der Aktienkurs stieg zwischen August 2024 und Oktober 2025 um 2800 Prozent.
An harten Fakten oder vielversprechenden Produkten kann die Kursentwicklung nicht gelegen haben, denn Oklo ist die einzige SMR-Firma, die bereits am ersten Genehmigungsschritt gescheitert ist. Die US-Atomaufsicht NRC hat den Bauantrag abgelehnt, weil wichtige Informationen zum geplanten 1,5-Megawatt-Mikroreaktor fehlten. Oklo hatte lediglich eine Computergrafik der Anlage eingereicht. “Das war eine Zeichnung von einem Haus auf dem Land, wo dieser Reaktor stehen sollte”, sagt NIRS-Chef Judson. Nach der Ablehnung habe Oklo in dem Antrag nur die technischen Angaben verändert. “Plötzlich war der Reaktor 15 bis 50 Megawatt groß. Inzwischen soll es ein 75-Megawatt-Reaktor werden. Die Zeichnungen sind dieselben.”
Ob Oklo bewusst ist, dass der Minireaktor ein Luftschloss ist? Ab 2034 möchte das Atom-Startup unter anderem das Social-Media-Unternehmen Meta von Mark Zuckerberg mit 1,2 Gigawatt Strom versorgen. Dafür müsste Oklo binnen acht Jahren 16 Minireaktoren mit einer Leistung von 75 Megawatt bauen – oder 800 Anlagen mit einer Leistung von 1,5 Megawatt, falls die Rückkehr zum Mikroreaktor folgt.
Vertraglich festgehalten ist allerdings, dass Oklo anfangs gar keinen Atomstrom liefern muss, sondern Strom aus Gaskraftwerken: Das Unternehmen habe bereits Verträge mit zwei Gasversorgern geschlossen, sagt Tim Judson. Den US-Energieminister wird es freuen: Chris Wright war früher der Chef eines der beiden Unternehmen.
Wo kommt der Strom her?
Neue Atomkraftwerke? Gibt es in den USA nicht. Fabriken für kleine Reaktoren? Auch nicht. Die Vervierfachung der Atomkapazitäten beschränkt sich bisher auf drei SMR-Startups, die eine Baugenehmigung beantragt haben. Die Luft geht ihnen allerdings schon jetzt aus. Der Aktienkurs von Oklo ist nach dem kometenhaften Aufstieg wieder um mehr als 60 Prozent gefallen.
Mit Gewissheit lassen sich derzeit nur zwei Dinge über das amerikanische Atom-Revival sagen: Bei der Sicherheit machen Regierung und Unternehmen Abstriche – und kommen trotzdem kaum voran. Und: Die Rechenzentren der Tech-Giganten werden jetzt gebaut. Sie sind in drei bis vier Jahren einsatzbereit. Ein brandneuer Atomreaktor? Vielleicht in 10 bis 15 Jahren. Mit welchem Strom werden die Rechenzentren in der Zwischenzeit versorgt?





















