Neubewertung der Kernfusion: Die Hype-Technologie soll besser untersucht werden | ABC-Z

Erneuerbare als „Übergangstechnologie“, dann macht die Kernfusion alle anderen Stromerzeugungsmethoden überflüssig: So sieht es zumindest Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Laut Koalitionsvertrag soll der erste Fusionsreaktor der Welt in Deutschland stehen. Dafür macht die Bundesregierung in den kommenden drei Jahren 2,7 Milliarden Euro Forschungsförderung locker.
Allerdings witzelt die Fachwelt über die „Fusionskonstante“, laut der der Durchbruch in der Fusionsforschung stets etwa 30 Jahre in der Zukunft liegt. Weil die ewig gehypte Technologie auf absehbare Zeit keinen Beitrag zur Energiewende leistet, sollte ihre Förderung einem jährlichen Monitoring unterzogen werden. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
„Die Kernfusion wird seit Jahrzehnten für ‚in einigen Jahren‘ angekündigt, liefert aber absehbar keinen Beitrag zur Energieversorgung oder zur Energiewende“, sagte Mitautorin Claudia Kemfert, die die Energieabteilung am DIW leitet, bei einer Veranstaltung des Instituts am Dienstag in Berlin. Inzwischen gibt es sogar einen Wettlauf der Bundesländer, wo der Reaktor stehen soll. Ganz vorne wähnt sich Bayern.
Angesichts begrenzter Mittel sollte die Forschungsförderung „andere Prioritäten setzen, etwa bei Energiespeichern, die für die Energiewende jetzt entscheidend sind“, betonte Kemfert. Die Kernfusion erhalte seit Jahrzehnten die höchste Bundesförderung innerhalb des Energiesektors, mit großem Abstand vor fossilen Energieträgern, Erneuerbaren oder Energieeffizienzmaßnahmen. Viel zu viel im Vergleich zum mageren Ergebnis, findet Kemfert offensichtlich – formulierte dies bei der DIW-Veranstaltung aber natürlich nicht.
Trotz der Kritik: Weil sie quasi unbegrenzt und weitgehend ungefährlich Energie zum Beispiel für Rechenzentren und künstliche Intelligenz zu günstigen Preisen verspricht, sind zuletzt verstärkt private Investoren in die Fusionstechnologie eingestiegen. Besonders interessant macht der Bereich für sie auch die neue Geopolitik: Die Kernfusion verspricht nämlich außerdem eine weitgehende Energiesicherheit auch in turbulenten Zeiten.
Trump-Firma will erstes Fusionskraftwerk bauen
Höhepunkt des Hypes ist bis jetzt der im Dezember angekündigte Zusammenschluss des von US-Präsident Donald Trump gegründeten Medienunternehmens TMTG mit der Kernfusionsfirma TAE aus Kalifornien. Der „Deal“ wird mit sechs Milliarden US-Dollar bewertet. Die Trump-Firma kündigte ebenfalls an, das erste Fusionskraftwerk der Welt bauen zu wollen.
Falscher Ansatz, falsches Ziel meint das DIW. Zwar gebe es inzwischen weltweit 80 „New Ventures“ genannte Firmen, die in dem Bereich forschen. Diese entwickelten aber inzwischen vor allem relativ marktnahe Nischenlösungen abseits eines Fusionskraftwerks. Projekte wie der französische Versuchsreaktor Iter oder die Experimentieranlage Wendelstein 7-X in Greifswald bewegten sich dagegen noch im Bereich der Grundlagenforschung – und haben noch keinen Strom erzeugt. Viele Fragen wie die Gewinnung des für den Betrieb der Fusionskraftwerke unabdingbaren „Treibstoffs“ Tritium seien zudem ungeklärt. „Die Kernfusion kann zu spät kommen: 2040 oder 2050“, meint Kemfert. „Dann sind wir schon so weit mit der Energiewende, dass sie keine Rolle mehr spielt.“
Dann will Deutschland bereits seinen Strom komplett aus Erneuerbaren gewinnen. Dennoch, so das DIW, solle man die Fusions-Start-ups weiter mit Forschungsförderung päppeln. Viele hätten bereits Produkte abseits der Energiegewinnung in der Pipeline, „etwa in den Bereichen Magnet-, Laser- oder Materialtechnologien“.
Diese wiesen „bereits heute höhere technologische Reifegrade sowie klar identifizierbare industrielle Anwendungsfelder auf“, heißt es in der DIW-Studie. Die öffentliche Förderung dieser Bereiche sollte deshalb künftig „unabhängig von energetischen Nutzungspotenzialen erfolgen“. Oder aber abhängig davon, wie viel ihr Forschungsgegenstand zur Energiegewinnung beitrage.





















