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Iran-Demo in München: Polizei verschätzt sich offenbar bei Teilnehmerzahl – München | ABC-Z

Es ist eine gigantische Zahl, die am Samstag aus München um die Welt geht. 250 000 Menschen hätten sich „in der Spitze“, also gleichzeitig, auf der Theresienwiese versammelt. Um gegen das iranische Regime und seine brutalen Taten zu demonstrieren. Und um dem Schah-Sohn Reza Pahlavi zu lauschen. Die Zahl stammt von der Münchner Polizei, die sie am Samstagnachmittag gleich über mehrere Kanäle verbreitete. Sie wurde weltweit von Medien aufgegriffen, auch von der SZ.

Die Polizei ist eher dafür bekannt, konservative Schätzungen zu veröffentlichen. Allerdings könnte sie in diesem Fall das Ausmaß der Proteste tatsächlich überschätzt haben. Das wird klar, wenn man sich die Bilder der Veranstaltung genau ansieht. Drohnenaufnahmen gibt es von der Veranstaltung nicht, während der Demo galt wegen der Sicherheitskonferenz über der Münchner Innenstadt und der Theresienwiese ein Flugverbot. Doch neben zahlreichen Fotos und Videos von der Demonstration selbst konnte die SZ die Aufnahmen von Live-Cams aus zwei Perspektiven auswerten, die die Betreiberfirmen der Redaktion zur Verfügung gestellt hatten. Sie filmen die Theresienwiese das ganze Jahr über, sowohl von der Bavaria-Statue aus, als auch vom Turm der nahen Paulskirche.

Aufnahmen einer Webcam vom Turm der Paulskirche zeigen das Protestgeschehen um 16:02 Uhr von der St. Pauls-Kirche aus. (Foto: OktoberfestTV/Bearb.: SZ)

Um 16 Uhr, etwa 15 Minuten vor der Rede von Reza Pahlavi, erreicht die Menschenmenge ihre größte Ausdehnung. Das ist aus den verschiedenen Perspektiven zu sehen, auch Farhid Habibi bestätigt diesen Eindruck. Habibi ist Vorstand im exiliranischen Verein „The Munich Circle“, der die Demonstration angemeldet hatte. Um 15 Uhr habe man zudem den Hügel und die Treppen an der Bavaria geräumt, erzählt Habibi. Die Menschen dürften zu diesem Zeitpunkt also alle gut sichtbar auf der Theresienwiese gestanden haben. Es ist eine riesige Menschenmenge, die der Rede von Pahlavi zuhört. Teilweise sind Menschen aus ganz Europa gekommen, in mehr als 800 Reisebussen, so die Veranstalter.

Wer das Ausmaß der Proteste zu diesem Zeitpunkt auf ein Satellitenbild überträgt, kommt auf eine Fläche zwischen 55 000 und 65 000 Quadratmetern.

Das ungefähre Ausmaß der Demonstration auf der Theresienwiese.
Das ungefähre Ausmaß der Demonstration auf der Theresienwiese. (Foto: Google Earth/Bearb.: SZ)

Um nun die Teilnehmerzahl zu ermitteln, muss man in einem nächsten Schritt bestimmen, wie dicht die Menschen beieinander standen. Wer die Teilnehmer auf kleineren Bildausschnitten zählt und diese Zahl durch die jeweils abgebildete Fläche teilt, kommt – zumindest in der Nähe der Bühne – auf einen Wert von etwa 2,3 Menschen pro Quadratmeter. Nimmt man an, dass die Menschen auf der gesamten Demonstration so eng beieinanderstehen, ergibt sich eine sehr grob geschätzte Teilnehmerzahl von etwa 125 000 bis 150 000 Menschen zu diesem exakten Zeitpunkt. Selbst mit den verstreut stehenden Menschen auf der restlichen Theresienwiese, dürfte die Zahl kaum die 160 000 überschreiten.

Stephan Poppe ist Statistikprofessor an der Universität Leipzig und forscht schon lange zur Erfassung der Teilnehmerzahl bei Großveranstaltungen. Insgesamt sei die Rechnung der SZ eine „robuste, aber eher großzügige Schätzung“. Auch er hat sich das Material der Webcams angesehen. Sein Fazit: Eine Viertelmillion Menschen seien hier auf keinen Fall gewesen. Dafür hätten auf der gemessenen Fläche zwischen 4 und 5 Personen pro Quadratmeter stehen müssen. „Das ist ausgeschlossen“, sagt Poppe. Besonders im Winter und bei Regen, wo die Menschen dicke Kleidung trügen und Regenschirme dabeihätten. Bei Demonstrationen gehe man oft von durchschnittlich eineinhalb Personen pro Quadratmeter aus.

Eine Pressesprecherin der Polizei München weist auf Anfrage darauf hin, dass man sich bei der Schätzung auf die „polizeiliche Einsatzerfahrung“ stütze. Fragen nach der genauen Methodik blieben unbeantwortet. Wichtig sei hingegen, dass es sich bei der Zahl um eine interne Schätzung gehandelt habe, die dazu diene, „das Protestgeschehen einzuschätzen, um den Einsatz zu planen“. Man gebe diese Zahl nur aufgrund des großen Interesses auch an Medien heraus. Am Ende sei es aber eine Schätzung, bei der man nie den Anspruch habe, hundertprozentig korrekt zu liegen. Die Münchner Polizei halte die Angabe vom Wochenende aber nach wie vor für realistisch.

Farhid Habibi sagt zu der Diskussion um die Teilnehmerzahlen nur: „Da bricht uns keinen Zacken aus der Krone“. Er habe die Veranstaltung für 100 000 Menschen angemeldet, ganz offensichtlich habe man dieses Ziel übertroffen. „Hauptsache“, sagt Habibi, „wir konnten der Welt zeigen, dass in Iran ein Verbrechen passiert. Und dass wir Iraner friedlich und demokratisch demonstrieren können“.

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