Sauer über europäische Rüstung: “Wir werden uns alle die Augen reiben” | ABC-Z

Sauer über europäische Rüstung“Wir werden uns alle die Augen reiben”
17.02.2026, 17:09 Uhr
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Europa fehlt derzeit die Fähigkeit, gegen einen Gegner präzise Schläge in der Tiefe auszuführen. Frank Sauer forscht zum Thema “deep precision strike” und lotete auf der MSC die Möglichkeiten aus. Was er bei deutscher Rüstung sieht, stimmt ihn zuversichtlich – erstmals seit Jahren.
ntv.de: Herr Sauer, warum haben wir die Fähigkeit zum tiefen Präzisionsschlag eigentlich nicht? Putin kann’s doch auch.
Frank Sauer: Seit Mitte der 1980er Jahre galt in Europa der Intermediate Nuclear Forces-Vertrag (INF). Der verbot Trägersysteme ab 500 Kilometer Reichweite, mit denen man sich zuvor bedroht hatte. Ein wunderbarer Vertrag, den Russland dann gebrochen und solche Systeme produziert hat. Jetzt wird uns bewusst, dass wir diese Waffensysteme auch brauchen, um Russland zu signalisieren: Im Falle eines russischen Angriffs wären wir in der Lage, sehr schnell und zielgenau militärische und logistische Knotenpunkte in der russischen Tiefe zu beschießen. Deep Precision Strike ist eine militärische Schlüsselfähigkeit. Bei dem Treffen, das hier gerade zuende ging, wurden die Wege diskutiert, wie man sie erlangen kann.
Da saßen Rüstungsindustrie, Wissenschaft und Politik am Tisch?
Industrie, Denkfabriken oder Beratungsinstitute, drei Bundeswehr-Generäle, eine Ministerin und einige weitere Menschen. Diese bunte Mischung ist typisch für die Münchner Sicherheitskonferenz. Da war auch ein Doktorand, der zum Thema forscht, und der diskutiert mit dem Vier-Sterne-General. Diesen Austausch möglich zu machen, das ist die Stärke der MSC.
Während die Öffentlichkeit vor allem die Reden in der Haupthalle wahrnimmt, sind Sie selbst auch in kleineren Runden unterwegs, wo es konkret um Wehrfähigkeit geht. Europa muss viel aufholen und ist dabei eher nicht in Mach3 unterwegs, oder?
Ich sehe manchmal Dinge, die man als Zeitungsleserin oder Podcasthörer nicht erfährt. Weil mir große Unternehmen oder Start-ups etwas vorführen, Bundeswehrangehörige mit mir sprechen oder auch politische Entscheidungsträgerinnen. So erlebe ich, wie wir umdenken, andere Debatten führen. Zeitenwende heißt nicht: Wir geben ganz viel Geld aus.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte am Freitag: “Wir legen im Kopf den Schalter um.”
So ist es. Ich erlebe, dass wir prüfen, was falsch gelaufen ist. Wir haben Fehler gemacht. Unsere Politik gegenüber Russland war falsch. Daraus ziehen wir Konsequenzen und stellen wichtige Weichen neu. Wenn wir uns in fünf bis zehn Jahren umdrehen und die Wegstrecke anschauen, die wir zurückgelegt haben, dann werden wir uns die Augen reiben. Wir werden staunen, was dabei alles passiert ist. Meine Perspektive ist inzwischen: Das Glas ist halb voll.
Nun hat US-Außenminister Marco Rubio in seiner Rede die amerikanische Hybris charmant verpackt, und gleich sehen einige die USA zu uns zurückkehren. Besteht die Gefahr, dass man vom Ziel abkommt, unabhängig zu werden?
In den Gesprächen nach Rubios Auftritt hier wurde die Rede als eine Art toxische Umarmung empfunden. Sein Angebot lautete: Ihr könnt bei uns mitmachen, aber dann müsst ihr unser Projekt kaufen. Das kaufen wir aber nicht. Das hat auch der Kanzler sehr klar gemacht und sich von den Zielen der MAGA-Bewegung deutlich abgegrenzt. Der Dissens ist jetzt sehr klar, auch dank der Rede von Kanadas Premier Mark Carney in Davos. Wir wissen, was zu tun ist, wir tun schon viel, und es wird noch mehr werden. Darum bin gar nicht so schlechter Dinge. Die einzige Frage, die mir dennoch große Sorgen macht: Reicht uns die Zeit?
Bevor die Russen im Baltikum stehen?
Wenn der Kreml in den nächsten ein, zwei Jahren den politischen Westen endgültig sprengen will, dann hätte er die Gelegenheit dazu. Und falls er diese Chance nutzt, dann sind wir leider in einer ganz anderen Problemstellung. Wenn aber der Kreml die Gelegenheit verpasst und wir es schaffen, uns selbst zu ertüchtigen, dann könnten wir in ein paar Jahren ganz gut dastehen.
Wenn es um Beschaffung geht, hieß es bislang oft aus der Politik: Der Rüstungsindustrie fehlen die Kapazitäten, um zu skalieren. Darum dauert alles so lange. Die Rüstungsindustrie sagte: Uns fehlen die Aufträge, um zu skalieren. Darum dauert alles so lange. Sehen Sie auch dort Veränderung?
Noch nicht genug. Es ist so: Alle haben recht, niemand ist böswillig. Aber sie sind in ihren eigenen Anreizstrukturen gefangen. Stellen wir uns drei Kreise vor: einerseits das Verteidigungsministerium und die Streitkräfte, andererseits die Industrie und als Drittes die Beschaffungsbehörden – die wehrtechnischen Dienststellen, das BAAINBw …
… das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr.
Die drei Kreise liegen zu weit entfernt voneinander. Wir müssen sie aufeinander zu schieben, sodass sich in der Mitte eine Schnittmenge bildet, in der Dinge endlich schnell passieren. Alle müssen sich bewegen.
Wie schiebt man? Wie kommen die Kreise in Bewegung?
Industrie und Startups können ihre Versprechen nicht immer gleich vollständig einlösen. Die müssten vielleicht etwas ehrlicher sein, um sich Richtung Mitte zu bewegen. Die Streitkräfte wiederum müssen konkreter sagen, was sie warum brauchen. Da fehlt bisweilen ein der neuen Lage angepasstes konzeptionelles Denken.
Wie kann und muss sich die Bürokratie bewegen?
Die Beschaffungsbehörden müssen aus ihren Prozessen das Beste herausholen. Dazu müssen womöglich ein paar Leute den Rücken gerade machen und Verantwortung übernehmen. Das Parlament kann den Beschaffern das Leben erleichtern, indem es Regeln entfernt, die Regulatorik anpasst und dem Ministerium noch etwas Druck macht, damit die Dinge auch passieren. Aber nochmal: alle müssen sich bewegen. Es ist zu billig, zu sagen: Der Minister kann es nicht. Oder: Das BAAINBw ist zu bürokratisch. Oder: Die Industrie liefert nicht. Die Problemlage ist komplex. Alle müssen etwas tun, damit wir vorankommen und Europa so schnell wie möglich selbst verteidigen können.
Mit Frank Sauer sprach Frauke Niemeyer




















