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Ein Influencer auf der CSU-Liste: Philip Windsperger (29) vom Münchner Gesindel will in den Stadtrat | ABC-Z

Freitag, 10.30 Uhr am Viktualienmarkt: Die Sonne erlaubt sich hier und da, kurz zwischen den Wolken hervorzulugen. Die AZ ist verabredet mit einem der schillerndsten Kandidaten für den Stadtrat: Philip Windsperger (29), den die meisten wohl als Betreiber von Münchens größtem Instagram-Account “Münchner Gesindel” (eine Anspielung auf das Münchner Kindl) kennen.

358.000 Menschen haben seinen Kanal aktuell abonniert und sehen täglich Windspergers Witze über lokale Eigenheiten, Aufreger (aktuell ist die Eisbachwelle sehr beliebt) oder auch kuriose Videos, die er von seinen Abonnenten geschickt bekommt.

Virale Hits und Kuriositäten: “Münchner Gesindel”-Macher Philip Windsperger will in den Stadtrat

Zum Beispiel von einem Mann, der im Stau im Tunnel am Mittleren Ring aussteigt, um sich zu erleichtern (58.000 Likes). Und natürlich, so finanziert sich ein sogenannter Influencer sein Leben, gibt es auf dem Kanal Werbekooperationen, zum Beispiel mit Immobilienfirmen oder Restaurants.

Seit Ende 2019 betreibt Windsperger den Kanal und hat damit eine riesige (digitale) Gefolgschaft hinter sich versammelt. Jetzt will er in die Politik. Zunächst war es ein Aprilscherz, dass er als Oberbürgermeister kandidieren möchte. “Da habe ich auch ein paar Anrufe aus dem Rathaus gekriegt”, sagt Windsperger und lacht.

Anzeige für den Anbieter Instagram über den Consent-Anbieter verweigert

Im vergangenen August dann kam die Ankündigung, dass er in den Stadtrat möchte. Als parteiloser Kandidat, aber auf der Liste der CSU. Dort ist er auf Platz 33 – offenbar dank CSU-OB-Kandidat Clemens Baumgärtner: “Er hat gesagt, er macht es möglich. Und ich habe ihm Unterstützung im Wahlkampf zugesagt.” Es ist eine Kandidatur, über die in der Partei nicht alle glücklich sind – insbesondere aus Kreisen der Jungen Union gab es die Kritik, so sei ein Platz weniger für engagierte Junge aus der Partei. 

Mit diesem Team geht die Münchner CSU ins Rennen. Vorne in der Mitte stehen der Münchner CSU-Chef Georg Eisenreich und rechts daneben CSU-OB-Kandidat Clemens Baumgärtner. Philip Windsperger hinten in der Mitte.
© Ralf Prebeck
Mit diesem Team geht die Münchner CSU ins Rennen. Vorne in der Mitte stehen der Münchner CSU-Chef Georg Eisenreich und rechts daneben CSU-OB-Kandidat Clemens Baumgärtner. Philip Windsperger hinten in der Mitte.

von Ralf Prebeck

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Für Windsperger ist klar, dass er seine Gesindel-Seite weiter betreiben wird, sollte er gewählt werden. Mit ein Grund, warum er kein Parteimitglied ist. “Ich möchte die Interessen der Münchner vertreten.”

Erstes Posting 2019: “Dass es so steil geht, wusste ich nicht”

Begonnen hat alles vor etwas mehr als sechs Jahren, mit einem Posting über die Öhlschläger-Zwillinge, so Windsperger. “Dann war es Stadtgespräch, von null auf hundert. Ich wusste, dass der Account viral gehen wird”, sagt Windsperger. “Aber dass es so steil geht, wusste ich nicht”.

"Hustle", also in etwa "fleißig sein" ist in rot auf Philip Windspergers linke Hand tätowiert.
“Hustle”, also in etwa “fleißig sein” ist in rot auf Philip Windspergers linke Hand tätowiert.
© Jan Krattiger
“Hustle”, also in etwa “fleißig sein” ist in rot auf Philip Windspergers linke Hand tätowiert.

von Jan Krattiger

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Am Anfang sind es viele Witze über Stadtviertel-Klischees und kuriose, schräge, auch mal eklige Alltagsszenen aus der Stadt, die ihm zugeschickt werden und die er dann postet. Sturzbetrunkene in der U-Bahn, wütende Fußballfans, aber auch viel Eisbachromantik.

“Ich habe meine rasenden Reporter, die durch München laufen”, sagt Windsperger. “Das ist meine Familie, die schicken mir viel zu. Aber ich bin auch hier aufgewachsen, ich kenne jeden Stadtteil, ich kann blind durch München laufen”.

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Account nimmt das Stadtgespräch auf

Der Account wurde über die Jahre zum Stadtgespräch. Gibt es da auch Grenzen, Sachen die er nicht postet? “Ich bekomme verrückte und eklige Sachen, die dürfte ich nie im Leben hochladen”, sagt er. “Und menschenverachtende Sachen.”

Konkret: “Beispielsweise die obdachlose Frau am Stachus. Sie filmen und das Video hochladen, das würde ich nie im Leben machen”, sagt Windsperger. Er versuche lieber, “mit kritischen Statements über die Stränge zu schlagen, als mich am Leid anderer zu ergötzen”, sagt er.

“Stadt für junge Erwachsene attraktiver machen”

Konkrete Themen, die er in den Stadtrat tragen möchte, habe er nicht. “Mir liegt am Herzen, dass die Stadt wieder attraktiver wird für die jungen Erwachsenen, aber auch für die Münchner allgemein”, sagt er.

Würde er eine Umfrage machen, ob das Rathaus sich für seine Community interessiert, würden über 60 Prozent “Nein” sagen, denkt Windsperger. “Das möchte ich ändern.” Er höre den Leuten viel zu, sagt er. “Ich schreibe manchmal stundenlang hin und her, weil die mir von ihren Problemen erzählen”.

Treffen am Viktualienmarkt: Philip Windsperger vom "Münchner Gesindel" will in den Stadtrat.
Treffen am Viktualienmarkt: Philip Windsperger vom “Münchner Gesindel” will in den Stadtrat.
© Jan Krattiger
Treffen am Viktualienmarkt: Philip Windsperger vom “Münchner Gesindel” will in den Stadtrat.

von Jan Krattiger

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Einen konkreten Punkt macht er trotzdem: “Dieses Hin- und Her mit der Eisbachwelle. Warum wird das so krass politisiert?”, fragt Windsperger. “Das ist ein Münchner Ding, das muss man nicht politisieren. Da muss man die Surf-Community entscheiden lassen”.

Bevor Windsperger mit seinem “Gesindel” durchgestartet ist, hat er eine Ausbildung zum zahnmedizinischen Fachangestellten, “also Zahnfee”, gemacht, wie er es nennt. Nach der Ausbildung dann habe er seinen Eltern in der Hausmeisterei geholfen. “Was ich auch immer noch mache. Ich fahre öfters mal in der Woche mit meiner Mutter mit und putze. Und jeden Sonntag fahre ich die Mülltonnen hoch aus der Tiefgarage”. Nach Gehversuchen im Musikbusiness ging es dann 2019 los mit dem Influencer-Dasein und “Münchner Gesindel”. Und jetzt eben 2026 die Politik.

“Brauche ‘nur’ etwa 15.000 Stimmen”

Obwohl Windsperger mit Listenplatz 33 eher schlechte Aussichten auf ein Stadtratsmandat hat (die CSU-Fraktion hat aktuell 22 Sitze), glaubt er an seine Wahl: “Ich müsste Plätze gut machen, aber ich brauche ‘nur’ etwa 15.000 Menschen, dann bin ich fix drin”. Windsperger will jetzt, nicht einmal mehr vier Wochen vor der Wahl, richtig in den Wahlkampf einsteigen. Insgesamt spürt er eine Wechselstimmung: “Viele aus meiner Community haben keine Lust mehr auf Dieter Reiter“, sagt Windsperger.

“Niemand repräsentiert die Stadt so wie wir”, hat Windsperger jüngst selbstbewusst auf seinem Kanal gepostet. “Man muss ein bisschen kitzeln”, sagt er dazu. Die Klickzahlen auf seiner Seite geben ihm recht. Ob sich das in Wählerstimmen ummünzen lässt, zeigt sich am 8. März.

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